Sport Wien Meinung

Mein Lebenselixier: Wie Sport meine Identität bestimmt

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Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
02.10.2026
4 Min.

Viele Menschen stellen sich früher oder später die Frage: „Was ist der Sinn meines Lebens? Woran mache ich meine Identität fest? Wofür steht meine Existenz?“ So tiefgründig und schwer diese Frage auch zu beantworten ist – womöglich gibt es gar keine endgültige Antwort - so bin ich meiner doch einen Schritt nähergekommen: und zwar durch Sport.

Sport ist ein Ort, an dem ich mich von meinem Alltag distanzieren kann. (Foto: cely)

Ich galt schon immer als das Springginkerl in meiner Familie. Kaum hatte ich das Mittagessen verspeist, rannte ich schon in der Wohnung Kreise, eine Runde nach der anderen, bis ich das Gefühl hatte, die überkochende Energie zumindest ein bisschen wieder losgeworden zu sein. Ich fühlte mich in diesen zehn Minuten, die ich ruhig am Tisch sitzen musste, so gefangen, so beschränkt...

Aller Dinge Anfang

Dass Sport ein Hauptbestandteil meines Lebens sein wird, ließ sich schon früh erkennen. Meine Kindheit war geprägt von Skifahren, Karate, Fußball, Tennis und Leichtathletik, wobei ich in einigen dieser Sportarten auch Wettkämpfe und Meisterschaften gewann.

Doch so erfolgreich ich im Sport auch war, hatte ich oft mit ernsthaften körperlichen Problemen zu kämpfen. Meisterschaftstennis musste ich aufgrund eines Handgelenksbruchs aufgeben. Karate setzte mir ein Schädel-Hirn-Trauma zu. Dem Vereinsfußball setzte ein Kreuzbandriss das Ende. Doch so aussichtslos meine Verletzungen manchmal schienen, wusste ich doch immer: Egal ob ich meine Sportart wieder wechseln muss oder nicht – Bewegung an sich kann mir niemand nehmen.

Fall viermal hin, steh fünfmal auf

Doch nicht nur die vielen Verletzungen und gesundheitliche Probleme machten es mir schwer, dranzubleiben. Ich war immer schon sehr schüchtern, deshalb war es schwer, neue Freundschaften zu knüpfen oder fremde Personen anzusprechen. Mein Selbstbewusstsein war durch das Ausgeschlossensein in der Volksschule sehr geschwächt - und meine Eltern entschlossen sich scheiden zu lassen. All diese bedrückenden Situationen ließen mich nur umso stiller, abgesonderter und einsamer werden. Ich verlor den Spaß an den Sachen, die mir früher richtig viel Freude bereitet hatten – sei es das Zocken, etwas Süßes oder die Fußballtrainings mit meinen Freunden. 

Irgendwann merkte ich, dass es so einfach nicht weitergehen konnte. Ich brauchte wieder einen Anhaltspunkt in meinem Leben. Einen Ort, an den ich zurückkehren konnte, egal was in der Welt um mich herum passiert. Dieser Ort war für mich der Sport. 

Ich begann, kurze Workouts mit Youtube-Videos zu machen. Es fühlte sich gut an, hart zu mir selbst sein zu können. Es fühlte sich richtig an, jeden Tag aufs Neue mich zu diesem zehnminütigen Workout zu zwingen, denn so begann ich, einen Fixpunkt aufzubauen. Diese zehn Minuten konnte mir einfach niemand nehmen – wurscht ob ich keine verheirateten Eltern, keine guten Freunde oder keinen Leistungssport mehr hatte.

Ein Neuanfang

An einem Herbstabend nach der Schule fiel mein Bus aus. Es war der 28. Oktober 2022, ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Vermutliche Wartezeit: 35 Minuten. Ich hatte Hunger, und meine Kleidung war schon ganz durchnässt vom Regen. Daher beschloss ich, die sieben Kilometer nach Hause zu laufen.

Die ersten Meter waren schleppend. Das nasse Gewand zog mich nach unten, die Schultasche schlug im Sekundentakt auf meinen Rücken und meine kalten Beine schmerzten. Doch je weiter ich lief, desto schneller wurde ich. Nach zwei Kilometern verschwanden plötzlich meine Knieschmerzen, meine Beine waren warm und die klappernde Schultasche spürte ich gar nicht mehr.

Das letzte Mal, als ich so richtig gelaufen bin, war noch vor meinem Kreuzbandriss. Und der war ein halbes Jahr her. Ich merkte plötzlich, dass ich nach der Physiotherapie nicht einmal probiert hatte, wieder richtig zu laufen. Ich hatte so viel Angst, mich in Zukunft gar nicht mehr bewegen zu können, dass ich meine tiefste Leidenschaft aufgegeben hatte: den Ausdauersport.

Mögen diese sieben Kilometer noch so lächerlich wirken – aus dem Nichts wurde mir bewusst, dass ich wieder dem nachgehen kann, wofür mein Herz immer gebrannt hat. Und einmal den Antrieb wieder gefunden, ließ ich ihn nie wieder los.

Was Sport für mich bedeutet

Für mich ist Sport das vielseitigste Element meines Lebens. Zum einen ist es die physische Bewegung, die mich lebendig macht. Zum anderen ist es eine Tätigkeit, durch die ich Distanz zu meinem intensiven Alltag schaffen kann. Es gibt nichts Befreienderes als den eigenen Körper physisch zu fordern und so den Kopf vom stressigen Schulalltag oder privaten Problemen freizubekommen. 

Über die Jahre hinweg hat sich Sport von einer Sache, zu der ich mich zwingen muss, in meinen Lieblingsteil des Tages verwandelt. Denn ich mache nicht nur Sport, der meine Gesundheit fördert. Nein. Ich treffe beim Sport auch meine engsten Freunde, distanziere mich von den Sorgen des Alltags, reflektiere über meine Vergangenheit und stelle Überlegungen über meine Zukunft an. Kurz gesagt ist Sport ein Ort, an den ich immer zurückkommen kann – egal, in welcher Lebenssituation ich mich gerade befinde. Und das gibt mir ein unheimlich sicheres Gefühl.




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