Der Ball rollt kaum noch über den trockenen Rasen, bevor Simon wieder stehen bleibt und nach seiner Wasserflasche greift. Wir spielen an einem Tag mit rund 38 Grad Fußball. Normalerweise läuft Simon fast jedes Training durch. Auch heute will er keine Pause machen. Trotzdem merkt man schon nach wenigen Minuten, wie viel Kraft die Hitze kostet.
Simon ist 17 und geht mit mir zur Schule. Sport gehört für ihn fest zum Alltag. Wenn es heiß wird, geht er gerne schwimmen, sein Training lässt er trotzdem kaum aus. An diesem Nachmittag fühlt sich selbst Fußball anders an. Der Boden strahlt Wärme zurück, unsere Shirts kleben nach kurzer Zeit am Körper und jede längere Bewegung kostet Energie.
„Wenn wir bei fast 40 Grad Fußball spielen und ich nachts kaum schlafen kann, merkt man schon, wie ernst es ist“, sagt Simon. „Ich versteh kaum, warum beim Klimaschutz trotzdem so ewig diskutiert wird. Am Ende leben wir mit den Folgen.“
Auch nach dem Training hört die Hitze für ihn kaum auf. Simon hat zu Hause keine Klimaanlage. In warmen Nächten bleibt sein Fenster offen, trotzdem findet er schwer zur Ruhe. Besonders in Tropennächten leidet seine Schlafqualität.
Das kenne ich selbst. Auch bei mir zu Hause gibt es keine Klimaanlage. Wenn die Wohnung über mehrere Tage aufgeheizt ist, bringt selbst das offene Fenster am Abend wenig. Ich schlafe schlechter, wache öfter auf und fühle mich am nächsten Morgen weniger erholt.
Dazu kommen Öffis ohne funktionierende Klimatisierung. Wer im Sommer in eine aufgeheizte Straßenbahn oder einen alten Zug steigt, merkt innerhalb weniger Minuten, wie anstrengend Hitze werden kann. Klimapolitik wirkt in solchen Momenten plötzlich gar nicht mehr weit weg von Gesetzestexten. Sie sitzt mit uns im Waggon.
39,7 Grad in Wien
Was Simon und ich erleben, passt zu einem außergewöhnlichen Sommer. Im Juni 2026 dauerte eine extreme Hitzewelle in Österreich rund zwei Wochen. An zahlreichen Wetterstationen wurden neue Rekorde gemessen. Auf der Hohen Warte in Wien stieg die Temperatur auf 39,7 Grad.
Noch eindrücklicher war eine Nacht Ende Juni. Auf der Wiener Jubiläumswarte sank die Temperatur nur auf 27,3 Grad. Es war die wärmste Nacht, die bisher in Österreich gemessen wurde.
Solche Werte bedeuten für uns weit mehr als eine Zahl auf einer Wetterkarte. Wenn Wohnungen nachts kaum abkühlen, fehlt dem Körper Erholung. Wer am nächsten Morgen in die Schule, ins Praktikum oder zur Arbeit muss, startet müder in den Tag. Training wird anstrengender, Konzentration schwieriger und selbst kurze Wege durch die Stadt können belastend werden. GeoSphere Austria beobachtet außerdem, wie sich starke Hitzewellen verändert haben. Die intensivsten Hitzeperioden dauern heute im Durchschnitt etwa sieben Tage länger als noch um 1960.
Während wir schwitzen, wird über ein Gesetz verhandelt
Genau in diesem Sommer diskutiert Österreich über ein neues Klimaschutzgesetz. Umweltminister Norbert Totschnig erklärte am 11. August, das Gesetz müsse endlich vorankommen. Der geplante Entwurf beschäftigt sich mit Klimaschutz, der Anpassung an die Folgen der Erderwärmung und Kreislaufwirtschaft.
Für Bereiche wie Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft sollen eigene Ziele entstehen.
Das klingt erst einmal technisch. Doch hinter jedem dieser Bereiche steckt unser Alltag. Verkehr entscheidet darüber, wie gut Öffis funktionieren und welche Alternativen wir zum Auto haben. Gebäude entscheiden darüber, wie stark Wohnungen im Sommer aufheizen und wie viel Energie wir im Winter brauchen. Klimaanpassung entscheidet darüber, wie Städte mit immer längeren Hitzeperioden umgehen.
Damit landet die politische Diskussion wieder dort, wo sie für Simon und mich angefangen hat: auf dem Fußballplatz, in unserer Wohnung oder in einer überhitzten Straßenbahn.
Österreich muss seine Emissionen stark senken
Bis 2030 muss Österreich seine Treibhausgasemissionen in wichtigen Bereichen um 48 Prozent gegenüber 2005 reduzieren. Dazu zählen unter anderem Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft.
Auf EU-Ebene liegt das Ziel für 2030 bei mindestens 55 Prozent weniger Netto-Treibhausgasen gegenüber 1990. Für 2040 soll die Reduktion bei 90 Prozent liegen. Bis 2050 will die Europäische Union klimaneutral werden.
2040 klingt auf einem politischen Papier weit entfernt. Für uns ist es das kaum. Simon wird dann Anfang 30 sein. Viele von uns stehen zu diesem Zeitpunkt mitten im Berufsleben, wohnen vielleicht in der ersten eigenen Wohnung oder haben bereits eine Familie.
Die Entscheidungen, über die heute gestritten wird, bestimmen also einen Teil unseres Erwachsenenlebens.
Nach dem Rückgang steigen die Emissionen wieder
Österreich hatte zuletzt Fortschritte gemacht. 2024 lagen die Treibhausgasemissionen bei rund 66,6 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent. Das waren rund drei Prozent weniger als im Jahr davor.
Für 2025 zeigt eine erste Abschätzung wieder einen Anstieg. Die Emissionen liegen demnach bei etwa 67,3 Millionen Tonnen.
In jenen Bereichen, für die Österreich jährliche EU-Vorgaben einhalten muss, entstanden rund 41,8 Millionen Tonnen. Vorgesehen waren ungefähr 40,7 Millionen Tonnen. Damit liegt Österreich nach der vorläufigen Berechnung rund 1,1 Millionen Tonnen über dem Ziel.
Solche Zahlen wirken abstrakt, bis wir sie mit unserem Alltag verbinden. Verkehr bedeutet Autos, Busse und Flugreisen. Gebäude bedeuten Heizung, Kühlung und Energie. Landwirtschaft bedeutet unsere Lebensmittel.
Klimapolitik entscheidet deshalb auch darüber, welche Möglichkeiten wir bekommen, klimafreundlicher zu leben.
Wer soll den Umbau bezahlen?
Damit beginnt der politische Streit. Klimaschutz kostet Geld. Gleichzeitig können fehlende Maßnahmen später hohe Kosten verursachen.
Soll Benzin stärker belastet werden? Brauchen wir günstigere und bessere Öffis? Soll der Staat stärker dabei helfen, Häuser vor Hitze zu schützen? Wie viel Unterstützung brauchen Unternehmen beim Umstieg auf klimafreundlichere Technologien?
Für uns spielt dabei eine Frage eine besonders große Rolle: Können wir uns die Veränderungen leisten?
Wer in Wien neben einer U-Bahn-Station lebt, kann leichter auf ein Auto verzichten als jemand, der am Land wohnt und nur wenige Busverbindungen hat. Wer Geld für eine gut isolierte Wohnung hat, erlebt eine Hitzewelle anders als jemand in einem kleinen Dachgeschoss ohne Klimaanlage.
Klimapolitik funktioniert deshalb nur, wenn sie unseren unterschiedlichen Alltag mitdenkt.
Klimaschutz entscheidet auch über unsere Jobs
Die Debatte betrifft zudem unsere berufliche Zukunft. Unternehmen müssen investieren, wenn Produktion, Energie und Verkehr klimafreundlicher werden sollen. Gleichzeitig entstehen neue Berufe und Technologien.
Wer heute noch in der Schule sitzt, könnte später an Wärmepumpen arbeiten, Solaranlagen planen, Batteriesysteme entwickeln oder Städte auf Hitzeperioden vorbereiten.
Für unsere Generation ist Klimapolitik deshalb auch Wirtschaftspolitik. Sie entscheidet mit, welche Arbeitsplätze entstehen und welche Branchen in Österreich eine Zukunft haben.
Dabei prallen Interessen aufeinander. Unternehmen wollen international konkurrenzfähig bleiben. Beschäftigte wollen sichere Jobs. Haushalte wollen leistbare Energie. Gleichzeitig müssen die Emissionen sinken.
Eine einfache Lösung gibt es kaum.
Der nächste heiße Abend
Nach dem Fußballtraining fährt Simon nach Hause. Wahrscheinlich bleibt auch in der nächsten warmen Nacht sein Fenster wieder offen. Eine Klimaanlage hat er weiterhin keine.
Bei mir ist es ähnlich. Wenn sich die Wohnung tagsüber aufheizt, weiß ich schon am Abend, wie die Nacht wahrscheinlich wird. Das Thermometer sinkt langsam, der Schlaf bleibt unruhig und am nächsten Morgen beginnt der nächste heiße Tag.
Genau deshalb wirkt Klimapolitik für mich inzwischen anders als früher. Sie besteht nicht nur aus Prozentwerten, EU-Zielen und politischen Verhandlungen. Sie entscheidet mit darüber, wie sich unsere Sommer anfühlen.
Beim nächsten Fußballspiel wird Simon trotzdem wieder auf dem Platz stehen. Die Frage ist nur: Bei welcher Temperatur? Der Ball rollt kaum noch über den trockenen Rasen, bevor Simon wieder stehen bleibt und nach seiner Wasserflasche greift. Wir spielen an einem Tag mit rund 38 Grad Fußball. Normalerweise läuft Simon fast jedes Training durch. Auch heute will er keine Pause machen. Trotzdem merkt man schon nach wenigen Minuten, wie viel Kraft die Hitze kostet.
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