Ich war auf dem Weg nach Hause. Die Schule war endlich vorbei und ich war schon fast da. Als ich aber an einem Wohngebäude vorbeiging, stieg mir plötzlich ein vertrauter Geruch in die Nase. Paprika wurde geröstet. Dieser warme, leicht süßliche Geruch breitet sich jedes Jahr im Herbst in Sofia in der Luft aus und sofort läuft jedem schon das Wasser im Mund zusammen. Ich wusste schon, was zubereitet wurde: Ljutenica.
Für uns Bulgaren beginnt der Herbst nicht mit den ersten kalten Tagen oder mit bunten Blättern an den Bäumen. Auch nicht am 23. September. Für uns beginnt er mit etwas viel besonderem, nämlich mit einem Geruch. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft Paprika geröstet wird, kriegt es jeder mit. Und dann heißt es: Es ist wieder Ljutenica-Zeit.
Was ist eigentlich Ljutenica?
Viel mehr als bloß eine Gemüsepaste. Ljutenica ist eine Tradition. Sie gehört für mich einfach zur Heimat dazu. Wenn mich jemand fragt, was typische bulgarische Gerichte sind, wäre Ljutenica sicherlich eine meiner Antworten. Genau genommen ist sie gar kein richtiges Gericht, sondern eher eine Beilage oder ein Aufstrich.
Auch meine Familie bereitet sie zu: Paprika, Tomaten und manchmal auch Auberginen (aber nicht unbedingt, mir schmeckt es besser ohne) werden geröstet, anschließend fein zerkleinert und mit etwas Öl und Gewürzen zu einer cremigen Paste gekocht. Eigentlich klingt das ganz einfach. Aber für mich steckt darin viel mehr als nur Paprika und Tomaten.
Ein Stück Kindheit
Bei mir Zuhause wurde Ljutenica schon immer selbst hergestellt. Natürlich könnte ich auch zum Supermarkt gehen und mir schnell ein Glas besorgen, aber besser wird es einfach nicht schmecken. Zudem erinnere ich mich daran, wie meine Mutter immer frisches Brot buk, nachdem sie Ljutenica zubereitet hatte. Das wird bestimmt auch dieses Jahr genauso ablaufen.
Ich helfe immer gerne mit, aber der meiste Spaß kommt dann, wenn die Ljutenica fertig ist und ich probieren darf. Glaubt mir, es gibt kaum etwas Köstlicheres im Herbst als eine Brotscheibe, bestrichen mit einer großzügigen Schicht Ljutenica. Und mein persönlicher Tipp: etwas harten weißen Käse oben drauf.
Genau deshalb schmeckt für mich der Herbst nach Ljutenica.
Kommentare