Liebe Eltern, liebe Lehrer: Wir Jugendlichen funktionieren morgens einfach nicht

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Volontärin · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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02.10.2026
5 Min.

Wecker, Straßenbahn, halb geschlossene Augen: Für viele von uns fühlt sich der Schulmorgen an wie ein Kampf gegen die eigene innere Uhr. Warum Jugendliche später müde werden, was Schlafmangel mit uns macht und ob ein späterer Schulbeginn helfen könnte, habe ich selbst ausprobiert.

Das Foto ist von mir. Eine Schülerin an einem Gymnasium holt in der Früh noch ihren Schlaf auf dem Tisch nach. (Foto: Mila Peeva)

6:30 Uhr. Mein Wecker klingelt zum dritten Mal, und ich verhandle mit mir selbst wie mit einer Geiselnehmerin: fünf Minuten noch. Nur fünf.

Eine Stunde später stehe ich in der Straßenbahn, die Haare unfrisiert, ein Brot in der Hand und das Gefühl, dass mein Gehirn noch irgendwo unter meiner Bettdecke liegt. Rund um mich lauter Leute in meinem Alter: Kopfhörer drin, Augen halb zu. Wir sehen aus wie Zombies, die Koffein brauchen, um erst richtig zu funktionieren.

Dabei wollte ich am Abend davor wirklich früh schlafen. Ich lag sogar um elf im Bett. Dann noch einmal die Physik-Notizen durchgehen, dann noch meiner besten Freundin schreiben, dann noch kurz ein paar Instagram-Reels, die der Algorithmus mir „nur ganz kurz“ zeigen wollte. Plötzlich war es 0:47 Uhr.

Kennt ihr das?

Ich wollte wissen: Bin ich einfach undiszipliniert? Oder steckt mehr dahinter? Spoiler: Es steckt mehr dahinter.

Unser Körper ist auf Nachtschicht programmiert

In der Pubertät verändert sich die innere Uhr. Bei Jugendlichen setzt die Produktion des Schlafhormons Melatonin im Schnitt erst zwei Stunden später ein als bei kleinen Kindern. Deshalb werden sie abends später müde und schlafen später ein. Gleichzeitig verlängert sich mit der Pubertät der innere Tagesrhythmus, und er reagiert morgens weniger auf Licht.

Der Chronobiologe Till Roenneberg von der Universität München geht noch weiter: Die inneren Uhren von 14- bis 21-Jährigen gehören zu den spätesten in der gesamten Bevölkerung. Das hat biologische Gründe. Wenn mein Papa um zehn auf der Couch gähnt, ist mein Körper also noch voll im Tagmodus.

Ich bin nicht faul, ich bin biologisch gesehen eine Nachteule. Das Problem ist nur: Dem Schulsystem ist das ziemlich egal.

Wie viel Schlaf wir eigentlich brauchen? Laut der University of Washington werden für Jugendliche im Allgemeinen acht bis zehn Stunden pro Nacht empfohlen, die Oberösterreichische Gesundheitsholding nennt für die Pubertät sogar acht bis elf Stunden. Ich habe nachgerechnet: Bei meinem Wecker müsste ich spätestens um 22:30 Uhr eingeschlafen sein. In Wirklichkeit komme ich an einem normalen Schultag auf etwa sechseinhalb Stunden. Und ich glaube, vielen in meiner Klasse geht es ähnlich.

Was zu wenig Schlaf mit uns macht, merkt man nicht nur am Gähnen. Laut der Oberösterreichischen Gesundheitsholding schwächt Schlafmangel das Immunsystem. Bei Schüler*innen leiden vor allem die Konzentration und die Kontrolle über die eigenen Gefühle. Dabei ist Schlaf wichtig fürs Lernen: In der Nacht verbessert sich die Gedächtnisleistung und das Gehirn verarbeitet, was wir tagsüber erlebt haben. Die Mathe-Schularbeit nach fünf Stunden Schlaf? Kein guter Plan.

Und ich bin damit nicht allein: Einer Umfrage der Universität Salzburg zufolge hat fast jede*r zweite Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren Probleme beim Ein- oder Durchschlafen.

Jedes Wochenende ein Langstreckenflug

Am Samstag schlafe ich dann bis halb zwölf und fühle mich trotzdem wie überfahren. Dafür gibt es sogar einen Namen: sozialer Jetlag.

Der Begriff stammt vom Chronobiologen Till Roenneberg und beschreibt, dass unsere innere Uhr und die Zeiten von Schule und Arbeit nicht zusammenpassen. Unter der Woche brauchen wir den Wecker, am Wochenende versuchen wir, den verpassten Schlaf nachzuholen.

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Wenn wir unter der Woche viel früher aufstehen als am Wochenende, ist das für den Körper so, als würden wir jeden Freitag in eine andere Zeitzone fliegen und am Montag wieder zurück. Das erklärt einiges über Montage.

Die Hauptursache sieht Roenneberg übrigens im Licht. Denn in Gebäuden ist es bis zu tausendmal dunkler als im Freien. Und nach Sonnenuntergang sitzen wir weiter unter künstlichem Licht. Dadurch geht unsere innere Uhr immer weiter nach.

Und das Handy?

Okay, ganz unschuldig sind wir nicht. Laut der Oberösterreichischen Gesundheitsholding hängen Schlafprobleme bei Jugendlichen häufig mit zu viel Medienkonsum zusammen. Das Smartphone sollte im Bett eigentlich tabu sein.

Dazu kommt das Licht: Smartphones, Computer und sogar Lampen mit blauem LED-Licht können die innere Uhr stören und das Einschlafen hinauszögern. Und ehrlich gesagt kenne ich das selbst: Ich will noch schnell eine letzte Nachricht schicken oder noch ein Video schauen. Aus einem werden dann plötzlich fünf.

Was, wenn die Schule einfach später anfangen würde?

Genau das hat man in Seattle in den USA ausprobiert. Im Herbst 2016 haben dort alle 18 High Schools den Unterrichtsbeginn von 7:50 auf 8:45 Uhr verschoben. Forscherinnen der University of Washington untersuchten Schülerinnen aus Biologieklassen an zwei dieser Schulen, einmal vor und einmal nach der Umstellung. Dafür trugen die Jugendlichen zwei Wochen lang Armbänder, die Licht und Bewegung messen.

Das Ergebnis: Nach der Umstellung schliefen sie an Schultagen im Mittel 34 Minuten länger, nämlich 7 Stunden 24 statt 6 Stunden 50. Ins Bett gingen sie dabei nicht später, sie schliefen einfach länger aus. Im Biologiekurs lagen die Endnoten danach um 4,5 Prozent höher. An einer der beiden Schulen gab es außerdem weniger Verspätungen und Fehlstunden in der ersten Stunde.

Dass automatisch alle Schüler*innen bessere Noten bekommen, wenn die Schule später anfängt, lässt sich daraus natürlich nicht ableiten. Schließlich wurden nur zwei Schulen und ein Fach untersucht. Aber die Untersuchung zeigt, dass ein späterer Schulbeginn beim Schlaf tatsächlich etwas verändern kann.

Bei uns beginnt die erste Stunde meistens um acht, manche haben sogar eine „nullte Stunde“ vor acht. Till Roenneberg fordert seit Jahren, dass die Schule zumindest für die Oberstufe eine Stunde später beginnt. In England fangen seinen Angaben nach die meisten Schulen ohnehin erst um 9 Uhr an. Ich sag ja nur.

Mein Selbstversuch

Weil ich nicht auf eine Schulreform warten will, habe ich eine Woche lang drei Regeln ausprobiert:

  1. Um 22:30 Uhr kommt das Handy zum Laden in die Küche. Als Wecker dient ein altes Ding von meiner Mutter.
  2. In der Früh sofort Vorhänge auf oder kurz raus auf den Balkon, damit ich mehr Tageslicht abbekomme.
  3. Am Wochenende maximal eine Stunde länger schlafen als unter der Woche.

Die Regeln stammen aus meiner Recherche. Die Oberösterreichische Gesundheitsholding rät, das Handy aus dem Bett zu verbannen und feste Zeiten fürs Schlafengehen und Aufstehen einzuhalten. Und laut Roenneberg ist zu wenig Tageslicht einer der Hauptgründe dafür, dass unsere innere Uhr nachgeht.

Man könnte sich jetzt fragen: Wie ist es gelaufen?

Die ersten zwei Abende waren hart. Ich lag im Bett und versuchte zu schlafen, natürlich erfolglos. Schließlich hatte ich den Gedanken, dass ich womöglich die allerwichtigsten Nachrichten bekommen würde, während mein Handy in der Küche lag.

Aber ab Tag vier bin ich tatsächlich früher eingeschlafen. Und in der Straßenbahn gehörte ich plötzlich zu den wenigen mit offenen Augen. Ein Morgenmensch bin ich nicht geworden, aber ein Mensch, der um acht wieder einen ganzen Satz bilden kann.

Liebe Lehrer*innen

Wenn in der ersten Stunde jemand gähnt, ist das nicht unbedingt Desinteresse, sondern kann auch mit Biologie zu tun haben. Merkt ihr oft nicht, wie Schüler*innen erst nach der ersten Stunde langsam wach werden?

Und alle anderen: Probiert es aus, nur eine Woche lang. Vertraut mir, ihr werdet nichts verpassen.

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