Kultur Österreich Fakten

Lernen im Backofen? In Wien herrscht Handlungsbedarf

Kein Profil-Bild gefunden.
151
TOP 50 Autor
Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
02.07.2026
4 Min.

In Wiener Klassenzimmern wurden zuletzt Temperaturen von bis zu 39 Grad gemeldet. Während Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte schwitzen, fehlt weiter ein genauer Überblick darüber, welche Schulen besonders betroffen sind und wo Hitzeschutz am dringendsten gebraucht wird.

Die Hitze macht auch uns Jungen zu schaffen. (Foto: shutterstock)

Wenn das Klassenzimmer zum Backofen wird

39 Grad im Klassenzimmer klingen nicht mehr nach Unterricht, sondern nach Kreislaufproblem. Genau solche Werte wurden zuletzt aus Wiener Pflichtschulen gemeldet. Mehr als 350 Temperaturmeldungen gingen laut ORF bei der Personalvertretung der Lehrkräfte ein. Viele Räume lagen nicht knapp über der Wohlfühlgrenze, sondern deutlich über 30 Grad. In solchen Klassen sollen Kinder zuhören, mitschreiben, rechnen, lesen und sich konzentrieren. Dazu kommen oft volle Räume, stickige Luft und Fenster, die zwar Sauerstoff bringen, aber nicht unbedingt Abkühlung. Aus einem normalen Schultag wird dann eine körperliche Belastung.

Hitze trifft nicht alle Schulen gleich

Das Problem ist nicht nur die Temperatur an einem besonders heißen Tag. Entscheidend ist, welche Gebäude sich immer wieder stark aufheizen. Alte Bausubstanz, wenig Begrünung, fehlende Außenjalousien, asphaltierte Schulhöfe und schlecht ausgerichtete Fenster können einen großen Unterschied machen. Manche Klassenräume bleiben länger erträglich, andere werden schon am Vormittag heiß. Genau deshalb reicht ein allgemeiner Hinweis auf die Hitzewelle nicht. Wien müsste genauer wissen, welche Schulen besonders gefährdet sind, welche Räume regelmäßig überhitzen und welche Schutzmaßnahmen bereits vorhanden sind.

Der Überblick fehlt dort, wo er wichtig wäre

Der eigentliche Streitpunkt ist der fehlende Gesamtblick. Wenn Hitze an Schulen jedes Jahr stärker zum Problem wird, braucht eine Stadt mehr als Einzelmeldungen und Notlösungen. Es müsste klar sein, welche Standorte Außenbeschattung haben, wo Innenhöfe entsiegelt wurden, welche Schulen lüften können, welche Gebäude nachts kaum abkühlen und wo Kinder in den oberen Stockwerken besonders leiden. Ohne solche Daten bleibt Hitzeschutz eine Reaktion auf Beschwerden. Erst wenn sichtbar wird, wo die Belastung am größten ist, können Geld, Sanierungen und schnelle Maßnahmen sinnvoll verteilt werden.

Lernen funktioniert bei Hitze schlechter

Hitze ist kein kleines Komfortproblem. Das Projekt „Climate Ready Schools“ zeigt, wie stark hohe Temperaturen den Schulalltag belasten. Knapp neun von zehn Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften empfinden Hitze im Schulgebäude als Belastung. In einer Umfrage unter mehr als 1.500 Personen berichteten 74 Prozent von Konzentrationsproblemen und ebenfalls 74 Prozent von Müdigkeit und Erschöpfung. 66 Prozent gaben an, dass es bei Hitze schwerfällt, dem Unterricht zu folgen, 58 Prozent klagten über Kopfschmerzen. Diese Zahlen zeigen ziemlich klar: Wenn der Raum zu heiß wird, sinkt nicht nur die Laune, sondern auch die Lernfähigkeit.

Schulen improvisieren mit dem, was da ist

Die Bildungsdirektion Wien empfiehlt den Schulen, ihre organisatorischen Möglichkeiten zu nutzen. Dazu gehören längere Pausen, mehr Trinkhinweise, Unterricht im Schatten, weniger Sportfeste an heißen Tagen und flexible Änderungen des Stundenplans. Das kann kurzfristig helfen. Es zeigt aber auch, wie viel Verantwortung bei den einzelnen Standorten landet. Eine Schule mit schattigem Hof, großen Bäumen und kühlen Erdgeschoßräumen hat andere Möglichkeiten als eine Schule mit Asphaltfläche, Südseite und aufgeheizten Klassenzimmern im oberen Stock. Schulautonomie klingt gut, ersetzt aber keine bauliche Lösung.

„Unterricht ist nicht mehr möglich“

Personalvertreterin Melanie Rössler sagte laut ORF über die hohen Temperaturen: „Unterricht ist bei diesen Temperaturen einfach nicht mehr möglich.“ Der Satz ist so deutlich, weil er das Problem auf den Punkt bringt. Lehrkräfte können nicht gleichzeitig Stoff durchbringen, Kinder beruhigen, Kreislaufprobleme im Blick behalten, lüften, beschatten und so tun, als wäre alles normal. Auch Schülerinnen und Schüler merken schnell, dass ihr Kopf bei extremer Hitze langsamer wird. Besonders unfair ist das für Kinder, die zu Hause ebenfalls wenig Abkühlung haben und schon übermüdet in die Schule kommen.

Hitzefrei ist keine einfache Lösung

Ein allgemeines Hitzefrei gibt es in Österreich nicht. Schulen können zwar organisatorisch reagieren, aber Unterricht und Betreuung müssen grundsätzlich gesichert bleiben. Gerade für Volksschulkinder ist das wichtig, weil Eltern nicht immer spontan früher abholen können. Deshalb ist die Debatte komplizierter als die einfache Forderung nach Schulfrei. Kurzfristige Entlastung kann sinnvoll sein, etwa durch früheren Unterrichtsschluss, kühlere Räume oder weniger Prüfungsdruck an extrem heißen Tagen. Langfristig löst das aber nicht die Frage, warum Kinder überhaupt in Räumen sitzen müssen, die sich wie Backöfen anfühlen.

Hitzeschutz ist auch Bildungsgerechtigkeit

Nicht jede Schule kann Hitze gleich gut abfedern. Gut sanierte Gebäude mit Bäumen, Schatten und moderner Lüftung sind klar im Vorteil. Schulen mit schlechter Bausubstanz und wenig Grünraum haben schlechtere Bedingungen. Dadurch wird Hitze auch zu einer Frage der Bildungsgerechtigkeit. Wer in einem überhitzten Raum sitzt, lernt schlechter, ist schneller erschöpft und kann sich weniger konzentrieren. Das trifft besonders jene Kinder, die ohnehin weniger Unterstützung bekommen oder nach der Schule keinen kühlen Rückzugsort haben. Hitzeschutz ist deshalb nicht nur Klimapolitik, sondern auch Bildungspolitik.

Was jetzt passieren müsste

Wien braucht zuerst einen besseren Überblick. Welche Schulen sind besonders belastet? Wo fehlen Beschattung, Trinkbrunnen, kühle Aufenthaltsräume oder begrünte Höfe? Welche Gebäude müssen zuerst saniert werden? Danach braucht es klare Prioritäten. Manche Maßnahmen wirken schnell, etwa Außenjalousien, Trinkmöglichkeiten, Schattenplätze und kluge Raumplanung. Andere brauchen mehr Zeit, etwa Gebäudesanierung, Begrünung, Entsiegelung und bessere Lüftungssysteme. Entscheidend ist, dass Hitze nicht jedes Jahr neu überrascht. Die Stadt weiß längst, dass die Sommer heißer werden. Jetzt muss sie auch wissen, welche Schulen am dringendsten Schutz brauchen.

Kein Randthema mehr

Die Debatte über Schulhitze zeigt, wie konkret Klimawandel im Alltag angekommen ist. Es geht nicht um abstrakte Gradkurven, sondern um Kinder, die in stickigen Räumen sitzen, und Lehrkräfte, die unter Bedingungen arbeiten, die kaum noch Unterricht zulassen. Hitzeschutz in Schulen darf deshalb nicht erst beginnen, wenn das Thermometer wieder über 35 Grad steigt. Wien braucht Daten, Planung und schnelle Verbesserungen an den betroffenen Standorten. Denn ein Klassenzimmer sollte ein Ort zum Lernen sein und kein Raum, den alle nur irgendwie aushalten müssen.


Kommentare