Um 3:40 Uhr am 24. Februar 2022 begann der Krieg in der Ukraine, der bisher mehr als 46.000 Seelen forderte. Seither kam das Leben der Bewohner nicht zum Stillstand. Alle mussten nach dem Schock weitermachen, doch wie?
Zwei Wochen vor dem Beginn zog meine Mutter mich sowie meine ältere und jüngere Schwester nach Lemberg (die westlichste Großstadt der Ukraine). Ich war mitten in der 7. Klasse und hielt sie für verrückt, irgendwelchen Nachrichten zu glauben, dass der Krieg nahe sei. Ich vermisste meine Freunde und konnte nicht fassen, was ich ohne sie mit meiner Freizeit anfangen sollte. Nach 13 qualvollen Tagen in einer unbekannten Umgebung blieb nur noch eine Nacht. Wüsste ich nur, was auf mich wartete.
Als ich endlich aufwachte, nahm ich sofort mein Handy, um zu sehen, was mir Freunde geschrieben hatten. Das Erste, was ich sah, waren drei verpasste Anrufe von meiner besten Freundin und über 60 begleitende Nachrichten:
SABINA, LEBST DU NOCH???
Wir werden in Kyjiw beschossen.
Ich habe gerade erfahren, dass in Lemberg auch geschossen wird.
BIST DU OKAY?????
Natürlich rief ich sofort meine Mama an und fragte sie, was nun passierte. Was folgte, war ein halbes Jahr, in dem wir von Ort zu Ort in Deutschland zogen. Schließlich bekam ich die Erlaubnis, zurückzukehren. Damit keimte wieder Hoffnung auf, dass alles normal werden könnte.
Als ich mit meiner älteren Schwester ankam, gingen wir getrennte Wege. Ein Freund der Familie ließ mich bei sich bleiben. Inzwischen war Sommer, weshalb ich jeden Tag in die Stadt fuhr, um meine Freunde zu treffen. Tag für Tag gewöhnte ich mich mehr an die Sirenen und schließlich an den Schulalltag, in dem wir die Hälfte des Unterrichts im Keller verbringen mussten.
So vergingen zwei Jahre. Da kein Ende in Sicht war, entschied meine Familie, mich auf eine Schule in Österreich zu schicken, um mir die Integration zu erleichtern. Hier lernte ich eine Schülerin kennen, eine Leidensgenossin, mit der ich mittlerweile befreundet bin. Sie erzählte mir ihre Geschichte:
Innerhalb der ersten zwei Wochen war ich noch zu Hause und hatte den Eindruck, der territoriale Konflikt würde in einer Woche vorbei sein. Doch jetzt habe ich das Gefühl, dass der Frieden trotz all dieser Zeit nicht nahe ist. Für die ersten erschreckenden Tage, die ich überlebt habe, bin ich dankbar, aber Hoffnung, nach Hause zurückzukehren oder dort mein Leben fortzusetzen, habe ich nicht.
Nach zahlreichen Unterdrückungen und Repressionen, die Jahrhunderte dauerten, erreichte die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit. 2014 kam es zur Revolution der Würde, in der meine Nation für ihr Mitspracherecht in der Regierung kämpfte. Doch nun sind wir gezwungen, „bis zur Erschöpfung“ einen Krieg mit einem Land zu führen, das 28-mal größer ist.
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