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Leben mit der Abnehmspritze: „Man muss das Essen neu lernen“

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18.05.2026
5 Min.

Vanessa Sulak nimmt die Abnehmspritze Mounjaro. Tausende Instagram-Follower sehen ihr jeden Tag bei ihrer „Abnehmreise“ zu. Schönheitstrends werden von den sozialen Medien stark beeinflusst. Influencer prägen demnach das Körperbild ihrer Zuseher, auch minderjähriger. Weil Sulak neben Sport und Ernährungsumstellung auch auf die Abnehmspritze setzt, ist das Thema durchaus kontrovers. Wie funktioniert das Medikament? Und wie kann sie mit einem so sensiblen Thema verantwortungsvoll umgehen?

Vanessa Sulak betrachtet das Medikament Mounjaro als "Kickstart" für ihre Abnehmreise. (Foto: Vanessa Sulak)

„Ich habe eine blaue Weste an“ schreibt Vanessa Sulak kurz vor der vereinbarten Uhrzeit über Instagram. Von einem Tisch direkt am Eingang winkt sie lachend. „Ich dachte ich setze mich herein. Sieht nach Regen aus draußen.“ Sulak hat für das Interview nicht viel Zeit. Vor ihrer heutigen Sports Class schlägt die 32-Jährige das Café Josephbrot an der Landstraßer Hauptstraße vor, um sich mit campus a zu treffen. Sie hat schon ihre Trainingsklamotten an, wirkt ganz gelassen. Sie sei auch gar nicht nervös gewesen, sagt sie mir später. Über ihre Erfahrungen mit der Abnehmspritze Mounjaro rede sie immerhin andauernd: „Das Thema interessiert wirklich jeden.“ 

Stress verhindert Gewichtsabnahme

„Viele machen ein Geheimnis daraus, wenn sie die Spritze nehmen.“ Das verstehe sie nicht, sagt Sulak. Es sei wichtig, andere darüber aufzuklären. Mit ihrem Gewicht sei die Wienerin schon seit vielen Jahren unzufrieden. Sport und gesunde Ernährung hätten nichts bewirkt: „Sogar im Kaloriendefizit konnte ich einfach nicht abnehmen.“ Im vergangenen Jahr kam dann der Bunout und Sulak nahm psychologische Hilfe in Anspruch. Ihre Psychiaterin hatte schließlich die Erklärung für ihr Problem: „Sie hat mir erklärt, wie das Stresshormon Cortisol den Körper daran hindert, Fett zu verlieren.“ 

Sulak wirkt routiniert vor der Kamera, gelassen im Gespräch. Als Influencerin kennt sie das Equipment, mit dem das Gespräch aufgezeichnet wird. Zwischendurch streicht sie sich die Haare über die Schulter, um die Tonaufnahme des Mikrofons, das an ihrem Sport-Shirt befestigt ist, nicht zu stören.

Ihre Ärztin empfahl ihr das Medikament Mounjaro. Die Spritzen werden bei Diabetes oder Übergewicht eingesetzt. Zum Abnehmen soll es sogar noch besser geeignet sein als das unter Promis beliebte Ozempic, da es an zwei, statt nur einem Sättigungshormonrezeptor ansetzt. „Ich habe damals 110 Kilo gewogen und das war einfach nicht gesund.“, sagt Sulak. Schließlich entschied sie sich dazu, während ihrem Burnout-bedingten Krankenstand mit der Einnahme von Mounjaro zu starten. Die 32-Jährige wollte die Zeit nutzen, um Gewicht zu verlieren: „Ich dachte mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?“ 

Mangelerscheinungen sind häufige Nebenwirkung

Seit dem 4. Jänner spritzt sie das Medikament einmal pro Woche in den Oberarm, dort sei die Wirkung des Medikaments am stärksten. Oberschenkel oder Bauch eignen sich auch als Einstichstelle. Mittlerweile habe sie ungefähr 20 Kilogramm abgenommen. Die Spritzen funktionieren, indem sie das Hungergefühl hemmen. Viele klagen über Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Bauchschmerzen. Alles eine Gewohnheitssache, so Sulak. Man müsse mit Mounjaro das Essen komplett neu lernen: „Ich hatte am Anfang auch ein ungutes Völlegefühl. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich jetzt einfach weniger essen kann.“ Wenn sie mit ihrem Partner abends zum Essen verabredet ist, könne sie tagsüber nur kleine Snacks essen, um sich „den Hunger dafür aufzuheben.“ 

Sie gestikuliert mit ihren Händen, während sie über das zweischneidige Thema spricht, versucht es greifbar zu erklären. Nachdenklich schaut sie kurz aus dem Fenster auf die Straße. Für das Sozialleben kann das verminderte Hungergefühl zum Problem werden, auch wenn es das Abnehmen erleichtert. „Ich will dann nicht die sein, die immer Nein sagt.“

Für den Körper ist das eine große Herausforderung. Mangelerscheinungen, die beispielsweise zu Haarausfall führen, gehen oft Hand in Hand mit der Spritze. „Wenn man so wenig isst, nimmt der Körper natürlich auch weniger Nährstoffe auf.“ Eisen- oder Zinkmangel folgen häufig. Deshalb sollte die Einnahme immer in Absprache mit Ärzten stattfinden, regelmäßige Blutbilder sind notwendig. „Ich supplementiere mittlerweile auch viele Nährstoffe in Tablettenform.“, sagt Sulak.

„Das positive Feedback pusht mich noch mehr“

Der schnelle Gewichtsverlust sorgt außerdem dafür, dass viel Muskelmasse in kurzer Zeit verloren geht. Ihr Partner helfe ihr dabei entgegenzuwirken, er ist selbst Personal-Trainer ist. „Kraftsport ist extrem wichtig, wenn man die Abnehmspritze nimmt.“, sagt sie. „Sich auf die faule Haut zu legen und keinen Sport zu machen, ist gefährlich.“ 

Parallel zu ihrer „medikamentösen Abnehmreise“, so nennt sie das, startet Sulak dann auch mit Social Media. Auf Instagram zeigt sie sich beim Sport, erzählt von ihren Erfahrungen und teilt gesunde Gerichte. Das Feedback sei bis jetzt zum größten Teil positiv ausgefallen. „Das motiviert und pusht mich natürlich noch mehr.“, sagt sie. Vereinzelt bekäme sie aber auch Kommentare und Nachrichten, die sie direkt oder Mounjaro kritisieren: „Einer hat mir geschrieben, ich soll mich einfach mehr bewegen, anstatt mich auf die Spritze zu verlassen.“

Sie verdreht die Augen und muss bei der Erinnerung schmunzeln. Beiläufig zieht sie ihre blaue Weste aus. An ihrer Mimik wir deutlich, dass sie solche Kommentare nicht persönlich treffen, sie findet sie lächerlich. Sie spricht sehr gerne über alle Erfahrungen, keine meiner Fragen scheint ihr zu persönlich oder unangenehm zu sein. 

Abnehmspritze ist „ein total gefährliches Thema“

„Ich wurde auch schon gefragt, ob ich Mounjaro gegen Geld für andere besorgen kann, die kein Rezept haben.“, sagt Sulak. Offensichtlich gibt es einen Schwarzmarkt für die Abnehmspritzen. Die Verantwortung, die man trägt, wenn man öffentlich über seinen Gewichtsverlust spricht, sei hoch: „Darüber mache ich mir andauernd Gedanken. Es ist ein total gefährliches Thema.“

Gerade in Zeiten, in denen der „Skinny-Trend“ die sozialen Medien flutet und sehr dünne Körper zum Ideal macht, müsse man aufpassen. Sulaks Follower sind vor allem Frauen. Fast die Hälfte davon zwischen 25 und 34 Jahre alt, also in ihrem Alter. „Ganz junge Follower habe ich zum Glück kaum.“ Dem Risiko, ihnen ein ungesundes Körperbild zu vermitteln, sei sie sich bewusst. Sie will Gesundheit und die Freude am Sport anstatt der Zahl auf der Waage in den Fokus rücken. 

Die Kritik daran, für die Abnehmspritze zu werben, verstehe sie, sagt Sulak. Viele würden das Medikament ohne ärztlichen Rat missbrauchen und illegal beschaffen wollen. „Einige davon sind nicht einmal übergewichtig und wollen nur schnell ein paar Kilo loswerden.“

Studien deuten auf Jojo-Effekt nach Absetzen der Spritze hin

Für immer möchte sie das Medikament nicht nehmen. Sie sehe es eher als „Kickstart“ für ihren Gewichtsverlust. Aber was passiert nach dem Absetzen der Spritze? Bei vielen Betroffenen steigt das Körpergewicht nach dem Absetzen von Mounjaro wieder. Studien zum enthaltenen Wirkstoff Tirzepatid weisen auf den sogenannten Jojo-Effekt hin. Wer die Spritze absetzt, müsse laut Experten damit rechnen, das zuvor verlorene Gewicht wieder zuzunehmen.

Die 32-Jährige hofft darauf, dass sich ihr Körper an den Effekt der Spritze gewöhnt: „Wenn ich es zu meiner Routine gemacht habe, mich so zu ernähren, dann sollte es irgendwann egal sein, ob ich die Spritze nehme oder nicht. Das ist zumindest meine Wunschvorstellung.“

„Wollen wir dann zahlen?“, fragt Sulak. Ich schaue auf die Uhr, ihre Sports Class beginnt bald. Sie trinkt aus, zieht ihre Weste wieder an und bedankt sich für das Gespräch. Sie ist mit ihrer Vespa hier. „Ich fahre jetzt gleich weiter zum Sport.“ Für Sulak ist noch kein Feierabend, ihre Arbeit beginnt erst jetzt.