Montagabend, kurz vor halb sieben, in der Lobby eines Wiener Hotels. Immer mehr Leute in Laufschuhen kommen an, ziehen sich um, plaudern. Dann geht es gemeinsam los, eine Runde rund um den Ring. Danach sitzen alle oben auf der Dachterrasse bei Musik und einem Getränk. Was früher ein Abend im Club war, ist für viele von uns heute genau das: gemeinsam laufen und danach quatschen. Laufen ist zum Treffpunkt geworden.
Warum das so gut funktioniert
Der Reiz an einem Run Club ist, wie einfach er ist. Man muss keinen Tisch reservieren, kein Outfit planen, keine perfekte Idee für den Abend haben. Man zieht Laufschuhe an, taucht auf und läuft mit. Genau das macht die Sache so leicht. Wer neu in einer Stadt ist, nach der Arbeit noch raus will oder einfach nicht allein Sport machen möchte, hat plötzlich einen festen Termin im Kalender und Leute, die auf einen warten. Und das Beste: Die meisten dieser Gruppen sind gratis.
Die Zahlen aus Wien
Dass hier ein echter Trend läuft, zeigt der Vienna City Marathon. Laut dem ORF waren Marathon und Halbmarathon 2026 schon Mitte Oktober ausgebucht, also ein halbes Jahr vorher und so früh wie nie zuvor. Rund 49.000 Menschen waren am Lauf-Wochenende am Start. Auch wer läuft, hat sich verändert. Ein Fünftel der Teilnehmer ist heute zwischen 25 und 29 Jahre alt, das ist inzwischen die größte Gruppe. Noch vor wenigen Jahren waren es die um die 40-Jährigen. Und es laufen immer mehr Frauen mit: Beim Marathon ist fast ein Drittel weiblich, beim Halbmarathon ist es fast die Hälfte. Das gab es vorher noch nie.
Warum gerade Laufen?
Doch warum ausgerechnet Laufen? Das erklärt sich mit einem Wandel bei dem, was jungen Leuten wichtig ist. Die Generation Z, also alle, die ungefähr zwischen 1996 und 2010 geboren sind, sei besonders körperbewusst, sagt die Sportpsychologin Johanna Constantini gegenüber dem ORF. Sport und gesunde Ernährung hätten einen hohen Stellenwert, während Besitz an Bedeutung verliere. Wichtiger seien besondere Erlebnisse. Ein Marathon sei für viele deshalb eine Art Statussymbol, so Constantini, aber eines, das man sich nicht kaufen kann, sondern nur aus eigener Kraft erreicht. Dazu kommt das Gefühl von Zusammenhalt beim gemeinsamen Laufen. Gerade das tue vielen jungen Menschen gut, die sich oft einsam fühlen.
Der Run Club als neue Kennenlern-Börse
Für manche ist die Laufgruppe sogar der neue Weg, jemanden kennenzulernen. Statt einer Dating-App gibt es die gemeinsame Runde. Ein Wiener Verein, der Social Run Club, spricht gezielt Singles an. Der Trick dort ist ein einfaches Farbsystem mit Schweißbändern: Wer neue Leute daten möchte, trägt Schwarz, wer nur Freundschaften sucht, trägt Weiß. Laut dem Verein haben sich seit der Gründung vor rund eineinhalb Jahren schon drei Paare gefunden. Auch die 27-jährige Marina kam nach ihrem Umzug nach Wien über eine Laufgruppe an neue Kontakte. Sie war auf der Suche nach einem sozialen Umfeld und fand es beim gemeinsamen Frühsport.
Auch ich war schon dabei
Ein Freund hat mich zu einem Run Club mitgenommen, ich bin einmal mitgelaufen. Im Kopf hatte ich eine Runde mit Menschen in der Midlife-Crisis, die sich gerade neu für Sport begeistern. Tatsächlich war ich umgeben von jungen Leuten, die aussahen wie meine Mitschüler. Genau diese Mischung aus Lauftempo und Laune hat mich überrascht, und ich habe sofort verstanden, warum das gerade bei uns so einschlägt.
Wie wir das erleben
Zwischen Laufschuhen und Dachterrasse muss am Ende jeder selbst wissen, ob so eine Gruppe etwas für ihn ist. Fast jede und jeder von uns kennt inzwischen jemanden, der in so einem Run Club läuft. Für die einen ist genau das Gemeinsame der Reiz. „Am Anfang bin ich eigentlich wegen dem Laufen hingegangen, aber mittlerweile taugt mir fast mehr, dass man danach noch gemeinsam was macht. Man lernt dort wirklich ziemlich schnell neue Leute kennen", sagt Anna Berger, 17, Schülerin am Sacré Coeur Wien. Für andere ist Laufen genau das Gegenteil von Ausgehen. „Da kann ich meine Kopfhörer reingeben und einfach meine Ruhe haben", sagt Maximilian Hofer, 18, Schüler am Sacré Coeur Wien. Mit einer Gruppe zu laufen, nur um Leute kennenzulernen, wäre nichts für ihn. Beim Blick auf die Zeiten anderer sind sich die beiden aber einig, dass der Druck real ist. „Ich find's teilweise schon übertrieben, wenn aus einem Hobby plötzlich so ein Wettbewerb wird", sagt Hofer. Solche Stimmen zeigen, dass es beim Laufen für manche vor allem um die Menschen geht und für andere gerade um die Ruhe.
Wenn das Handgelenk zu viel Druck macht
Ganz ohne Schattenseite ist der Trend aber nicht. Viele teilen ihre Läufe und Zeiten auf Apps wie Strava. Strava ist eine Art soziales Netzwerk nur für Sport, wo man seine Strecken hochlädt und Likes bekommt. Das kann motivieren, hat aber einen Haken. Wer nur läuft, um die Strecke danach online zu zeigen, gerät leicht unter Druck, wenn er die Bestzeiten anderer sieht. Constantini warnt deshalb: Wer sich nur wegen der Likes bewegt, riskiert ein Tief, sobald die Bestätigung mal ausbleibt, zum Beispiel bei einer Verletzung. Am gesündesten ist das Laufen also dann, wenn man es für sich selbst macht und nicht für den Bildschirm.
Zurück in die Hotellobby
Und so füllt sich auch am nächsten Montag wieder eine Hotellobby mit Leuten in Laufschuhen, die sich vor ein paar Wochen noch nicht kannten. Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht hinter all den Bestzeiten und Marathon-Anmeldungen. Es geht am Ende gar nicht so sehr ums Laufen. Es geht darum, nach dem Laufen nicht mehr allein zu sein.
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