Mitten am Nachmittag wird aus einem Museumsbesuch im Wiener MAK innerhalb weniger Sekunden ein spektakulärer Kunstraub: Mit einem Hammer schlagen die Männer eine Glasvitrine ein. Darin liegt ein Collier des französischen Juwelierhauses Van Cleef & Arpels. Einer der beiden soll nach aktuellem Ermittlungsstand eine mutmaßlich echte Schusswaffe mitgeführt haben. Mit dem Schmuck fliehen sie zu Fuß Richtung Stadtpark.
Am Freitag sucht die Polizei national und international nach ihnen. Das MAK schreibt nach der Tat: „Die Sicherheit und das Wohlergehen unserer Mitarbeiterinnen und Besucherinnen haben für uns oberste Priorität.“ Verletzt wurde niemand.
Eine Frage bleibt trotzdem hängen: Wie kann ein Schmuckstück im Millionenbereich mitten am Nachmittag aus einem Museum verschwinden?
673 Diamanten verschwinden aus einer Vitrine
Das geraubte Collier stammt aus dem Jahr 1939. Van Cleef & Arpels fertigte es im Auftrag der ägyptischen Königsfamilie. Königin Nazli von Ägypten trug es bei der Hochzeit ihrer Tochter Fawzia mit Mohammad Reza Pahlavi, dem späteren Schah des Iran.
Das Stück besteht aus Platin und insgesamt 673 Diamanten. Van Cleef & Arpels nennt ein Gesamtgewicht von 204,03 Karat.
2015 tauchte das Collier bei einer Sotheby's-Auktion auf und erzielte 4,3 Millionen Dollar. Aktuell wird dieser damalige Preis häufig mit rund 3,7 Millionen Euro angegeben. Einen heutigen Versicherungswert hat das MAK bisher nicht veröffentlicht.
Das Schmuckstück war Teil der Ausstellung „Glanzstücke“. Rund 500 Objekte werden dort gezeigt, über 300 aus der Sammlung von Van Cleef & Arpels und über 200 aus dem MAK.
Unter all diesen Exponaten griffen die Täter zu einem der bekanntesten Stücke.
Eine Vitrine soll vor allem Zeit kaufen
Auf den ersten Blick wirkt die entscheidende Frage simpel: Warum war das Glas nicht stärker?
Museumssicherheit funktioniert komplizierter.
Die europäische Norm EN 15999 für Museumsvitrinen beschreibt Sicherheit als Zusammenspiel aus physischer Widerstandskraft und elektronischen Systemen. Die Vitrine soll einen Täter möglichst lange aufhalten. Ein Alarm soll gleichzeitig dafür sorgen, Sicherheitskräfte möglichst früh zu aktivieren.
Der entscheidende Faktor ist damit Zeit.
Sicherheitsglas kann aus mehreren Schichten bestehen und Angriffen mit Werkzeugen wesentlich länger widerstehen als normales Glas. Auch Rahmen, Schlösser, Befestigungen und Alarmtechnik spielen eine Rolle. Das Canadian Conservation Institute beschreibt beispielsweise Sicherheitsfolien, bei denen mehrere Hammerschläge nötig sein können, bevor ein Zugang entsteht.
Eine vollkommen unzerstörbare Scheibe gibt es trotzdem kaum. Auch besonders widerstandsfähiges Material kann mit genügend Kraft, Werkzeug und Zeit überwunden werden.
Deshalb entscheidet im Museum selten eine einzelne Glasscheibe über Erfolg oder Scheitern eines Sicherheitskonzepts.
Was im MAK passiert ist, wissen wir noch nicht vollständig
An diesem Punkt müssen wir vorsichtig sein.
Öffentlich bekannt ist, wie die Täter vorgingen. Wir wissen auch, wann die Tat geschah, welches Objekt fehlt und in welche Richtung die Männer anschließend flohen.
Unklar bleibt bisher, welche Widerstandsklasse die betroffene Vitrine hatte, welche Alarme ausgelöst wurden und wie viel Zeit zwischen dem ersten Schlag und der Flucht verging.
Das MAK gibt mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen keine Details zu seinen Sicherheitsmaßnahmen bekannt. Das ist bei einem laufenden Verfahren nachvollziehbar. Informationen über Schwachstellen eines Museums wären schließlich auch für weitere Täter interessant.
Deshalb wäre es voreilig, allein aus dem zerbrochenen Glas ein Versagen des gesamten Sicherheitssystems abzuleiten.
Der entscheidende Teil der Geschichte könnte in Sekunden liegen, über die wir bisher kaum etwas wissen.
Wien hat so einen Kunstkrimi schon erlebt
Ein Blick zurück zeigt, warum diese Sekunden wichtig sind.
2003 wurde aus dem Kunsthistorischen Museum die berühmte Saliera von Benvenuto Cellini gestohlen. Auch damals gab es Bewegungsmelder, Videoüberwachung und Sicherheitsglas.
Der Bewegungsmelder löste tatsächlich Alarm aus. Die diensthabenden Sicherheitsmitarbeiter kontrollierten den betroffenen Bereich jedoch entgegen den Vorschriften nicht. Erst Stunden später wurde der Diebstahl entdeckt.
Die Saliera tauchte fast drei Jahre später wieder auf.
Der Fall zeigt ein Grundproblem der Museumssicherheit: Technik kann einen Alarm auslösen. Am Ende muss daraus eine wirksame Reaktion entstehen.
Das bedeutet umgekehrt auch, eine zerstörte Vitrine allein erzählt noch nicht die ganze Geschichte eines Kunstraubs.
Wie offen soll ein Museum bleiben?
Für uns als Besucher entsteht daraus ein schwieriger Gegensatz.
Museen sollen ihre wertvollsten Objekte schützen. Gleichzeitig wollen wir vor einem Gemälde, einem Kleid oder einem Schmuckstück stehen und es aus wenigen Metern Entfernung betrachten können. Schulklassen sollen durch Ausstellungen gehen können, ohne einen Hochsicherheitstrakt zu betreten.
Je wertvoller und leichter transportierbar ein Objekt ist, desto schwieriger wird diese Balance.
Ein Diamantcollier passt in eine Tasche. Ein mehrere Meter großes Gemälde lässt sich wesentlich schwerer innerhalb weniger Augenblicke aus einem Saal tragen. Deshalb spielen Größe, Wert, Attraktivität für Diebe und mögliche Fluchtwege bei Sicherheitskonzepten eine Rolle.
Der internationale Museumsverband ICOM und Interpol beschäftigen sich aktuell sogar gemeinsam verstärkt mit diesem Problem. Seit Ende 2025 läuft eine internationale Initiative zur Bewertung von Sicherheitsmaßnahmen in Museen. Im Mittelpunkt stehen besonders Diebstahl und Einbruch.
Der Wiener Fall kommt damit zu einem Zeitpunkt, an dem Museumssicherheit international ohnehin neu diskutiert wird.
Ein Hammer erzählt nur den ersten Teil
Am Donnerstag um 14 Uhr sehen die beiden Männer zunächst aus wie andere Besucher.
Wenige Zeit später liegt Glas am Tatort und ein Collier mit 673 Diamanten fehlt. Die Bilder der beiden Verdächtigen hängen inzwischen auf der Fahndungsseite der Wiener Polizei.
Der Hammer macht diesen Fall spektakulär. Er beantwortet aber die wichtigste Frage noch lange nicht.
Entscheidend wird sein, was zwischen dem ersten Schlag auf die Vitrine und der Flucht Richtung Stadtpark passiert ist. Denn eine Museumsvitrine muss keinen Hammer für immer stoppen.
Sie muss ihn lange genug aufhalten.
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