Dasselbe Kind
Ich sitze im Bus, die Scheibe kalt an meiner Stirn. Draußen zieht die Straße langsam vorbei, noch ist alles ruhig. Die meisten schauen aufs Handy, niemand redet.
Dann sehe ich es.
Das Kind steht wieder da. Genau wie gestern. Und vorgestern. Immer an derselben Stelle, direkt am Rand der Straße. Es trägt eine viel zu große Jacke, die Ärmel reichen fast über die Hände. Es bewegt sich kaum, steht einfach nur da und schaut in Richtung der Autos.
Ich starre kurz länger hin als sonst.
Warum steht es immer genau hier? Wartet es auf jemanden? Oder gehört dieser Moment einfach zu seinem Alltag, so wie meiner zum Busfahren?
Für einen Augenblick fühlt es sich an, als würde die Zeit langsamer werden. Als wäre dieser kleine Ausschnitt wichtiger, als er eigentlich sein sollte.
Dann fährt der Bus weiter.
Und das Kind verschwindet aus meinem Blick.
Drei Jungs
Ich sitze im Klassenzimmer, der Stuhl quietscht leicht, als ich mich zurücklehne. Es ist warm, stickig, die Luft fühlt sich schwer an. Irgendwo raschelt jemand mit Papier, sonst ist es still.
„Du dort hinten“, sagt die Lehrerin.
Ich weiß schon, wer gemeint ist.
Einer von uns.
Ich schaue nach links und rechts. Drei Jungs. Mehr sind wir nicht. Drei von dreißig.
Schon wieder.
Ein kurzer Blickaustausch, dieses stumme „War ja klar“. Niemand sagt etwas, aber man denkt dasselbe.
Warum eigentlich immer wir?
Ich merke, wie ich mich ein bisschen kleiner mache, fast so, als könnte ich dadurch weniger auffallen. Gleichzeitig weiß ich, dass genau das Gegenteil passiert. Gerade weil wir so wenige sind, fallen wir sofort auf.
Niemand kann sich verstecken.
Und genau das ist es, was sich komisch anfühlt.
Nur in Stille
Ich sitze am Schreibtisch, das Heft liegt offen vor mir. Der Text verschwimmt ein bisschen, obwohl ich ihn eigentlich lesen will.
Im Hintergrund läuft der Fernseher. Stimmen, Musik, irgendetwas lacht. Es ist nicht laut, aber es ist da. Die ganze Zeit.
Ich lese eine Zeile.
Und merke sofort: Ich habe kein Wort verstanden.
Meine Gedanken sind woanders. Irgendwo zwischen dem, was ich gerade gehört habe, und dem, was ich eigentlich machen sollte.
Ich lege den Stift kurz hin, atme aus und stehe auf.
Fernseher aus.
Plötzlich ist es still.
Diese Art von Stille, die man fast spüren kann. Kein Geräusch, kein Hintergrundrauschen. Nur ich, der Tisch und das Blatt vor mir.
Ich setze mich wieder hin.
Lese dieselbe Zeile noch einmal.
Und diesmal bleibt sie im Kopf.
Komisch eigentlich, wie sehr ich diese Ruhe brauche. Als würde mein Kopf erst dann anfangen zu funktionieren, wenn alles andere aufhört.
Kommentare