Wir sind unlängst an einem brütend heißen Nachmittag bei Verwandten in der Nähe im Dachgeschoss gesessen. Eine Klimaanlage gab es dort natürlich nicht, und während wir bei gefühlten 30° Grad Raumtemperatur vor uns hin geschwitzt haben, kam das Gespräch zwangsläufig auf den Klimawandel. Die Schuldigen waren schnell ausgemacht, die Politik tut zu wenig, die Gesetze sind viel zu zahnlos und die Großkonzerne denken ohnehin nur an den nächsten Gewinn. Aber während alle nickten, tippte der Erste auf seinem Handy schon den nächsten Billigflug für den Städtetrip ein, und am Abend lag das Fleisch für fünf Euro aus dem Supermarkt auf der Arbeitsfläche.
Genau das ist das Grundproblem der ganzen Debatte. Wir haben uns eine perfekte Ausrede zurechtgelegt: Solange „die da oben“ nichts verändern, müssen wir bei unserem eigenen Lebensstil auch nichts umstellen. Das Fingerzeigen auf Politik und Wirtschaft ist bequem, weil es uns aus der eigenen Verantwortung entlässt. Aber es ist ein reiner Selbstbetrug.
Gesetze scheitern, wenn wir sie nicht wollen
Natürlich braucht es Rahmenbedingungen und Gesetze. Aber die Idee, dass die Politik einfach per Verordnung das Klima retten kann, während die Bevölkerung passiv zuschaut, greift völlig ins Leere. Was passiert denn, wenn Politiker eine CO2-Steuer anheben, Tempolimits verschärfen oder fossile Heizungen verbieten wollen? Es setzt sofort riesiger Protest aus der Mitte der Gesellschaft ein.
Politiker entscheiden selten gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Wähler, letztendlich wollen sie wiedergewählt werden. Politische Maßnahmen können schlichtweg nicht funktionieren, wenn kein gesellschaftlicher Rückhalt da ist. Die Politik ist nicht der Motor des Wandels, sondern meistens nur der Spiegel dessen, was in der Gesellschaft bereits als mehrheitsfähig gilt. Wenn wir als Bevölkerung keine Veränderung vorleben und einfordern, wird sich im Parlament auch nichts bewegen.
Der Markt folgt der Nachfrage
Ähnlich verhält es sich mit den Unternehmen. Man hört in Diskussionen ja ständig diesen einen 0815-Satz: „Was bringt es bitte, wenn ich als einzelne Person mein Verhalten ändere, wenn Großkonzerne für den Bärenanteil der weltweiten Emissionen verantwortlich ist?“
Das hört sich schlauer an, als es ist. Denn diese Großkonzerne stoßen ihre Abgase ja nicht aus purer Böswilligkeit oder zum eigenen Vergnügen aus. Sie produzieren Plastikmüll, fördern Erdöl und verbrennen Kohle, weil wir ihre Produkte kaufen, ihre Energie verbrauchen und ihre Angebote nutzen.
Wenn morgen niemand mehr Fast Fashion kauft, billiges Fleisch konsumiert oder für jede noch so kurze Strecke das Auto anwirft, brechen diesen Industriezweigen innerhalb kürzester Zeit die Einnahmen weg. Jedes Mal, wenn wir an der Supermarktkasse stehen, eine neue Reise buchen oder entscheiden, wie wir in die Schule oder Arbeit kommen, geben wir einen Stimmzettel ab. Konsum ist Macht. Die Ausrede „Ich bin ja nur einer von acht Milliarden“ greift nicht, denn Gesellschaft ist nichts anderes als die Summe vieler Einzelner.
Keine Frage des Geldes
Jetzt wird oft eingewendet: Kann man die Verantwortung überhaupt auf die Bevölkerung abwälzen, wenn sich viele nachhaltige Alternativen gar nicht leisten können? Klimaschutz darf schließlich keine soziale Frage werden, bei der sich nur Wohlhabende den Bioladen oder das Elektroauto leisten können.
Das stimmt vollkommen. Aber echter gesellschaftlicher Klimaschutz bedeutet nicht, dass jeder Tausende Euro für grüne Statussymbole ausgeben muss. Es geht um eine Grundhaltung. Es geht darum, Verschwendung zu hinterfragen, Dinge zu reparieren, öffentliche Verkehrsmittel einzufordern und bewusster zu konsumieren. Es geht darum, was in unserer Kultur als „normal“ gilt. Wenn nachhaltiges Handeln zur gesellschaftlichen Norm wird, entsteht der nötige Druck, damit klimafreundliche Optionen für alle leistbar und zugänglich werden.
Wer, wenn nicht wir?
Klimaschutz ist keine rein administrative Aufgabe, die man an ein Ministerium oder an Unternehmensvorstände auslagern kann. Er ist eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe.
Wir können natürlich die nächsten zehn Jahre damit verbringen, darauf zu warten, dass ein perfektes Gesetz vom Himmel fällt oder Konzerne plötzlich ihr Herz für die Umwelt entdecken. Oder wir begreifen endlich, dass Veränderung immer von unten nach oben wächst. Die Politik wird erst dann mutig handeln, wenn wir als Gesellschaft beweisen, dass wir bereit für diesen Weg sind. Echten Klimaschutz gibt es nicht auf Lieferschein, wir müssen ihn schon selbst anpacken.
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