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Kauen wir mit jedem Kaugummi Mikroplastik?

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Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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03.09.2026
4 Min.

Kaugummi landet bei vielen ganz selbstverständlich im Mund – in der Schulpause, vor einer Prüfung oder unterwegs im Bus. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass beim Kauen winzige Kunststoffteilchen in den Speichel gelangen können. Wie beunruhigend ist das wirklich?

Ein Kaugummi wirkt zunächst völlig harmlos. Doch während die Blase wächst, können winzige Kunststoffteilchen freigesetzt werden. (Foto: GiselaFotografie / Pixabay)

Ich drehe eine Packung Kaugummi um und suche auf der Zutatenliste nach Plastik. Dort stehen Süßungsmittel, Aromen und ein Wort, das zunächst ziemlich harmlos klingt: „Kaumasse“. Woraus diese Masse genau besteht, erfahre ich nicht. Dabei ist sie der Teil, der auch nach einer halben Stunde noch im Mund bleibt, während Zucker und Geschmack längst verschwunden sind.

Normalerweise denke ich darüber nicht nach. Ich reiße die Verpackung auf, stecke mir einen Streifen in den Mund und kaue los. Genau deshalb überrascht mich eine Untersuchung der University of California in Los Angeles. Forschende haben darin gemessen, was während des Kauens aus verschiedenen Kaugummis freigesetzt wird. Das Ergebnis: Neben Geschmack und Süßstoffen landeten auch winzige Kunststoffteilchen im Speichel.

Ganz neu und ungeprüft ist diese Untersuchung inzwischen nicht mehr. Im März 2025 stellte das Team seine ersten Ergebnisse unter dem Titel „Chewing gums: Unintended sources of ingested microplastics in humans“ auf einer Konferenz der American Chemical Society vor. Zu diesem Zeitpunkt handelte es sich um eine noch nicht wissenschaftlich veröffentlichte Pilotuntersuchung. Später arbeiteten Lisa Lowe, Jamie Leonard und Sanjay Mohanty die Ergebnisse zu einem Fachartikel aus. Unter dem Titel „Ingestion of microplastics during chewing gum consumption“ erschien er 2025 im sechsten Band des Journal of Hazardous Materials Letters, Ausgabe November. Die Zeitschrift arbeitet mit einem wissenschaftlichen Begutachtungsverfahren. Die Zahlen in diesem Beitrag stammen aus dieser veröffentlichten Originalarbeit.

Für die Untersuchung wurden zehn handelsübliche Kaugummis getestet: fünf mit synthetischer und fünf mit pflanzlicher Kaumasse. Eine Testperson kaute jeweils mehrere Stücke. Währenddessen wurden Speichelproben genommen und im Labor untersucht. Je nach Produkt wurden pro Gramm Kaugummi zwischen 4 und 636 Mikroplastikteilchen gemessen. Die veröffentlichten Ergebnisse zeigen außerdem, dass 94 Prozent der erfassten Teilchen innerhalb der ersten acht Minuten freigesetzt wurden. Also genau dann, wenn der Geschmack am stärksten ist und viele besonders intensiv kauen. Diese beiden Angaben gehen direkt auf die Originalveröffentlichung zurück.

Was ist an der Kaumasse so besonders?

Früher wurde Kaugummi häufig aus Chicle hergestellt, einem Saft bestimmter Bäume. Heute sorgen bei vielen Produkten synthetische Stoffe dafür, dass der Kaugummi elastisch bleibt und nicht sofort zerfällt. Auf der Verpackung werden diese Bestandteile meistens nur als „Kaumasse“ zusammengefasst.

Aber was bedeutet das bei einem konkreten Hersteller? Mars Wrigley verkauft in Österreich unter anderem die Marken EXTRA und AIRWAVES. Auf seiner öffentlich zugänglichen Informationsseite erklärt das Unternehmen, seine Kaugummis bestünden je nach Rezeptur ungefähr zu einem Drittel aus Kaumasse. Diese sei eine Mischung aus „lebensmittelechten Polymeren“ und weiteren Zutaten. Mars bestätigt dort auch, dass die Polymerbestandteile der meisten heute verwendeten Kaumassen synthetisch sind. Welche einzelnen Polymere in welchem Produkt stecken, nennt das Unternehmen in dieser Erklärung jedoch nicht. Auch die Frage, warum auf Verpackungen nur der Sammelbegriff „Kaumasse“ steht, wird dort nicht beantwortet.

Ich hätte deshalb erwartet, dass Kaugummis mit pflanzlicher Basis deutlich besser abschneiden. Doch in der Untersuchung setzten natürliche und synthetische Produkte ähnlich viele Teilchen frei. Die Forschenden fanden unter anderem Kunststoffarten, die auch bei Verpackungen verwendet werden. Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder Kaugummi gleich zusammengesetzt ist. Die Markennamen wurden nicht veröffentlicht und zehn Produkte bilden nur einen kleinen Teil des gesamten Angebots ab. Für einen endgültigen Vergleich ist die Untersuchung also zu klein.

Auch die Messung hatte Grenzen. Sehr kleine Teilchen konnten mit der verwendeten Methode nicht zuverlässig erfasst werden. Die tatsächliche Zahl könnte deshalb höher liegen. Gleichzeitig wäre es falsch, aus den Messwerten sofort zu schließen, dass Kaugummikauen krank macht.

Gefunden heißt noch nicht gefährlich

Mikroplastik sind Kunststoffteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind. Menschen nehmen sie nicht nur über Kaugummi auf. Sie wurden auch in Wasser, Lebensmitteln und der Luft gefunden. Was die langfristige Aufnahme für den menschlichen Körper bedeutet, ist trotzdem noch nicht ausreichend geklärt. Es gibt Hinweise aus Zell- und Tierversuchen, doch direkte Belege für bestimmte Krankheiten beim Menschen fehlen bisher weitgehend.

Genau diese Unsicherheit macht das Thema schwierig. Die Schlagzeile „Tausende Plastikteilchen in einem Kaugummi“ klingt erschreckend. Die Studie liefert aber keine Antwort darauf, ob diese Menge gesundheitsschädlich ist. Sie zeigt zunächst etwas anderes: Ein Alltagsprodukt kann eine bisher wenig beachtete Quelle für Mikroplastik sein.

Die Forschenden selbst wollten deshalb keine Panik auslösen. Wer seine mögliche Aufnahme trotzdem reduzieren möchte, muss nicht nach wenigen Minuten gleich das nächste Stück nehmen. Laut den Messungen lösten sich die meisten Teilchen am Anfang; längeres Kauen eines einzelnen Kaugummis könnte daher weniger Teilchen freisetzen als mehrere neue Stücke hintereinander.

Das Problem endet nicht im Mund

Nach dem Kauen beginnt ein zweites Problem. Auf Gehwegen, unter Schultischen oder an Bushaltestellen verschwinden ausgespuckte Kaugummis nicht einfach. Ihre Kaumasse bleibt als hartnäckiger Abfall zurück und kann mit der Zeit weiter zerfallen. Wer einen Kaugummi richtig im Restmüll entsorgt, löst zwar nicht die offene Gesundheitsfrage, verhindert aber zumindest, dass er auf der Straße landet.

Seit ich mich mit der Untersuchung beschäftigt habe, sieht die Zutatenliste für mich anders aus. „Kaumasse“ klingt nicht mehr wie ein unwichtiges Wort, das ich einfach überlesen kann. Ich werde wegen einer kleinen Studie nicht behaupten, dass niemand mehr Kaugummi kauen darf. Aber Hersteller sollten genauer erklären müssen, woraus ihre Produkte bestehen, und unabhängige Forschende sollten größere Untersuchungen durchführen.

Ein Kaugummi ist klein, billig und nach wenigen Minuten vergessen. Genau deshalb ist die Entdeckung so spannend: Manchmal versteckt sich die größte Frage auf einer Verpackung hinter dem unscheinbarsten Wort.


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