„Juden sind doch sowieso alle reich“: Ein 17-jähriger jüdischer Jugendlicher erzählt, wie er Antisemitismus im Alltag erlebt

Ein antisemitischer Spruch in der Schulpause, Fragen zu Israel und Vorurteile im Internet: Der Antisemitismus erlebt eine neue Blüte. Ein Schüler fordert mehr Zivilcourage.

Antisemitische Vorurteile und vermeintliche Witze können für Betroffene im Schulalltag verletzend und ausgrenzend sein. (Foto: shutterstock)

„Juden sind doch sowieso alle reich.“ Der Satz fiel in einer Schulpause. Ein Mitschüler machte einen antisemitischen Witz, einige Jugendliche lachten, andere sagten nichts. Für einen 17-jährigen jüdischen Jugendlichen, mit dem ich gesprochen habe, war dieser Moment alles andere als lustig. Er blieb mit einem unangenehmen Gefühl zurück: Plötzlich wurde er nicht mehr einfach als Mitschüler wahrgenommen, sondern über seine Religion.

Der Vorfall ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Nicht nur wegen des Spruchs selbst, sondern auch wegen der Reaktion der anderen. Niemand widersprach. Für ihn zeigte sich darin, wie schnell aus einem vermeintlichen Witz eine Situation entstehen kann, in der sich ein Mensch ausgegrenzt fühlt.

Der Jugendliche möchte anonym bleiben. Nicht, weil er über seine Erfahrungen nicht sprechen will, sondern weil er nicht möchte, dass andere ihn aufgrund seiner Religion erkennen oder anders behandeln.

Wenn aus einem Witz eine Erwartung wird

Antisemitismus begegnet ihm nicht nur in Form von Witzen. Besonders unangenehm ist für ihn, wenn andere von ihm erwarten, dass er sich zu Israel oder zum Nahostkonflikt äußert. Dann hat er das Gefühl, sich für politische Entscheidungen rechtfertigen zu müssen, mit denen er persönlich nichts zu tun hat.

Dabei will er als Jugendlicher mit eigenen Interessen, Meinungen und seinem eigenen Leben wahrgenommen werden. Stattdessen steht oft zuerst seine Religion im Mittelpunkt.

Auch im Internet erlebt er antisemitische Aussagen als belastend. Vorurteile, Hasskommentare und Verschwörungserzählungen verbreiten sich dort besonders schnell. Was für Außenstehende vielleicht wie ein Kommentar oder ein vermeintlicher Witz wirkt, kann für Betroffene verletzend oder sogar beängstigend sein.

Antisemitismus ist kein neues Problem

Dass solche Erfahrungen auch heute noch vorkommen, ist kein neues Phänomen. Antisemitismus hat in Europa eine lange Geschichte. Jüdinnen und Juden wurden über Jahrhunderte ausgegrenzt, verfolgt und für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht. Den grausamsten Höhepunkt erreichte diese Verfolgung während des Nationalsozialismus und der Schoa. Rund sechs Millionen europäische Jüdinnen und Juden wurden ermordet. Auch Österreich war Teil des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und an der Verfolgung jüdischer Menschen beteiligt.

Doch Antisemitismus gehört nicht der Vergangenheit an. Das zeigen aktuelle Zahlen: Die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien registrierte im Jahr 2025 insgesamt 1.532 antisemitische Vorfälle. Dabei handelt es sich nur um jene Fälle, die gemeldet und dokumentiert wurden. Die tatsächliche Zahl dürfte daher höher sein.

Nicht schweigen, sondern reagieren

Der Jugendliche wünscht sich vor allem, dass andere Menschen in solchen Situationen nicht wegschauen. Wenn jemand einen antisemitischen Spruch macht, möchte er nicht jedes Mal selbst erklären müssen, warum dieser verletzend ist. Schon ein klares „Das ist nicht in Ordnung“ kann zeigen, dass eine betroffene Person nicht alleine dasteht.

Besonders wichtig ist ihm außerdem, dass jüdische Menschen nicht für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden. Eine jüdische Person ist nicht automatisch Vertreterin oder Vertreter des Staates Israel und muss sich nicht für dessen politische Entscheidungen rechtfertigen.

Das Gespräch hat mir gezeigt, dass Antisemitismus nicht erst bei offenen Beleidigungen oder Angriffen beginnt. Er kann auch in einem scheinbar harmlosen Witz, einem Vorurteil oder einer Verallgemeinerung stecken. Gerade deshalb ist es wichtig, genauer hinzuhören und zu widersprechen, wenn solche Aussagen fallen. Denn jeder Mensch sollte als einzelne Person wahrgenommen werden. Mit eigenen Interessen, eigenen Meinungen und einer eigenen Geschichte.

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