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JOMO, die Freude am Verpassen: Der neue Gegentrend zu FOMO

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
27.08.2026
4 Min.

Jahrelang bestimmte FOMO den Alltag junger Menschen, die Angst, etwas zu verpassen. Jetzt wächst das Gegenteil: JOMO, die Freude am Verpassen, gilt 2026 als Wellness-Trend. In Österreich sinkt die Bildschirmzeit der Jugendlichen erstmals seit Jahren – und die Stimmung steigt mit.

Eine Nahaufnahme einer Hand, die eine Karte mit dem Text 'OFF' vor üppigen grünen Blättern hält. (Foto: Image Hunter )

Freitagabend, ein paar Wochen her. Tamaras Freunde wollen auf eine Party. Sie sagt ab. "Meine Freunde wollten auf eine Party und ich hab abgesagt, weil ich einfach komplett fertig war und eigentlich nur daheim bleiben wollte. Am Ende bin ich dann eh relativ früh ins Bett gegangen und hab noch eine Serie geschaut."

Dann, im Bett, doch noch das Handy. Auf den Storys läuft die Party ohne sie. "Da waren halt alle zusammen, Musik, Leute, die ich auch kenne, und die haben offensichtlich richtig Spaß gehabt. Und da hab ich mir schon gedacht: Okay, super, warum bin ich jetzt bitte nicht dort?" Tamara Zivcovic ist 17 und Schülerin am Sacré Coeur Wien.

Das Gefühl hat einen Namen

FOMO, kurz für "Fear of Missing Out". Den Begriff prägte 2004 Patrick McGinnis, damals Student an der Harvard Business School. Der Kern ist ein Vergleich: Wir sehen die Höhepunkte von hunderten Leben und messen daran unseren eigenen Dienstagabend.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2025 rund um die Psychologin Bettina Piko von der Universität Szeged nennt diesen sozialen Vergleich als stärksten Auslöser für FOMO, noch vor Social-Media-Sucht, Einsamkeit und Perfektionismus.

Das Tückische zeigt Tamaras Abend. Fünf Minuten vorher war sie noch froh über die Absage. "Das Blöde ist, dass ich fünf Minuten vorher noch froh war, dass ich nicht mitgegangen bin. Und sobald ich die Storys gesehen hab, war's plötzlich so, als hätte ich den besten Abend überhaupt verpasst."

Thomas Berger arbeitet als Schulpsychologe an einem Wiener Gymnasium. Er kennt das aus seinen Gesprächen. "FOMO, also die Angst, etwas zu verpassen, ist bei Jugendlichen durchaus ein Thema, das in Gesprächen vorkommen kann. Social Media verstärkt das natürlich, weil man ständig sieht, was andere gerade machen", sagt Berger gegenüber campus & college.

Und dann kam JOMO

Gegen dieses Dauergefühl formiert sich ein Gegentrend. JOMO, "Joy of Missing Out", die Freude am Verpassen. Den Begriff prägte 2012 der US-Blogger Anil Dash. Lange blieb er eine Randnotiz. 2026 gilt er als Wellness-Trend: bewusst offline sein, absagen ohne schlechtes Gewissen, die eigene Zeit als Luxus behandeln. JOMO heißt aussortieren. Weniger Termine, dafür die richtigen. Der leere Abend im Kalender wird vom Makel zur Ressource.

Manche gehen weiter. In der Gen Z tauschen einige ihr Smartphone gegen ein simples Tastenhandy, das nur telefoniert und SMS schreibt. "Analog 2026" nennt sich die Bewegung. Hier setzt auch Berger an. "Hilfreich ist oft schon, sich bewusst zu machen, dass man online meistens nur einen kleinen Ausschnitt vom Leben anderer sieht. Man muss nicht bei allem dabei sein und auch nicht jede Nachricht sofort beantworten", sagt er.

Weniger Handy, bessere Laune

In Österreich lässt sich der Trend in Zahlen fassen. Über drei Viertel der 18- bis 30-Jährigen wollen ihre Handyzeit verringern, so eine Umfrage im Auftrag des Online-Marktplatzes refurbed im Sommer 2026.

Und das Abschalten wirkt. Laut der mental-health-days-Studie 2025 sank die tägliche Smartphone-Nutzung von 8.177 österreichischen Schülerinnen, Schülern und Lehrlingen von 221 auf 190 Minuten, also auf gut drei Stunden. Die Social-Media-Zeit fiel von 96 auf 80 Minuten. Parallel ging der Anteil der Jugendlichen mit erhöhter depressiver Symptomatik von 15 auf 12 Prozent zurück.

Die Studienautoren Paul Plener von der MedUni Wien und Tobias Dienlin von der Universität Zürich sehen einen möglichen Zusammenhang mit dem Handyverbot, das seit Mai 2025 in den ersten acht Schulstufen gilt.

Drei Wochen offline

Wie sich das anfühlt, haben 69 Jugendliche eines Gymnasiums in Gänserndorf getestet. Für die ORF-Sendung "Dok 1" legten sie ihr Handy drei Wochen lang komplett weg.

Der Anfang war hart. "Ich konnte nicht einschlafen ohne Handy", steht in einem der Offline-Tagebücher, "ich habe 2,5 Stunden gebraucht." Nach ein paar Tagen kippte die Stimmung. Am Ende stand in einem Tagebuch die wichtigste Erkenntnis: "Ich bin ohne Handy glücklicher." Eine andere Zeile: "Ich höre plötzlich Vögel zwitschern."

Der Psychologe Oliver Scheibenbogen vom Anton-Proksch-Institut in Wien, einer Suchtklinik, begleitete den Versuch. Das Ergebnis überraschte ihn selbst: Das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen stieg nach den drei Wochen um mehr als 30 Prozent, erklärte er gegenüber science.ORF.at.

Ganz weg vom Handy hält Scheibenbogen trotzdem für den falschen Weg. Er rät, das System umzudrehen. "Wir müssen das System umdrehen und selbst entscheiden, wann wir reagieren", sagt er.

Das Handy in einen anderen Raum legen. Den Flugzeugmodus einschalten, weil schon das Vibrieren ablenkt. Apps mit Benachrichtigungen auf die zweite Bildschirmseite schieben.

Ein Nachmittag ohne

Tamara hat es im Kleinen ausprobiert. Einen ganzen Nachmittag ohne Handy. "Am Anfang war's schon komisch, weil ich automatisch danach greifen wollte. Nach einer Weile war's aber eigentlich angenehm. Du bist halt wirklich einmal nicht die ganze Zeit dabei, was die anderen machen."




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