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Jeder sein eigener Nachrichtensender - ein Problem?

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
24.08.2026
3 Min.

POLITIK CHECK. In dieser Kolumne erkläre ich euch regelmäßig die wichtigsten innen- und außenpolitischen Themen einfach und verständlich - damit ihr bei einem wichtigen Thema up to date seid.

 

Zwischen Story, Meme und Werbung: Politische Nachrichten erreichen Jugendliche heute meist im selben Feed wie alles andere. (Foto: Joshua Miranda)

Du scrollst durch Storys, ein Tanzvideo, ein Meme – und mittendrin ein Clip aus dem Nationalrat. Ein paar Wischer weiter versucht ein Minister in einem Reel jung und locker zu wirken und trifft daneben. Dann zwei Politiker, die sich in einer Talkshow gegenseitig ins Wort fallen, während unten die Kommentare explodieren.

Willkommen im Feed 2026. Politik drängt sich einfach rein, ganz ohne Einladung.

Und ehrlich: Oft nervt es. Wir wollten kurz abschalten, ein bisschen Blödsinn schauen – und dann steht da wer im Anzug und erklärt uns mit erhobenem Zeigefinger die Welt. Manche Clips wirken, als hätte sich ein Erwachsener mitten in unsere Pause gesetzt. Die meisten von uns wischen reflexartig weiter. Ein paar bleiben hängen. Dieses ständige Reinplatzen hat das Parlament jetzt untersucht – und die Zahlen dahinter sind ordentlich.

Politik im Dauer-Feed

190 Minuten hängen wir im Schnitt täglich am Handy. In dieser Zeit rauscht heute mehr Politik an uns vorbei als je zuvor.

69 Prozent der 16- bis 26-Jährigen informieren sich mindestens einmal pro Woche über soziale Medien über Politik. 2018 waren es erst 30 Prozent. Instagram liegt mit 72 Prozent klar vorn, TikTok folgt mit 37 Prozent.

Das steht in einer Analyse, die die Parlamentskorrespondenz am 24. August 2026 veröffentlicht hat, im Rahmen des Jahresschwerpunkts „teilhaben teilsein". Dahinter stecken zwei Studien: die „mental health days"-Studie 2025 mit über 8.000 befragten Schüler:innen und Lehrlingen und die vom Parlament beauftragte Studie „Junge Menschen & Demokratie 2025" des FORESIGHT-Instituts.

Wir trauen dem, was wir am wenigsten nutzen

Unsere Eltern sind mit Zeitung, Radio und ZiB aufgewachsen. Bei uns landet Politik zwischen Werbung und Urlaubsfotos im selben Feed, ungefragt statt gesucht.

Der Haken: Vertrauen bringen wir ihr dort kaum entgegen. Rund drei Viertel von uns vertrauen klassischen Medien wie Zeitung oder Fernsehen. Den Inhalten in sozialen Netzwerken traut nur ein Fünftel. Wir schauen also am meisten dort hin, wo wir am wenigsten glauben, was wir sehen.

Kurz zur Wissenschaft

Fachleute beschreiben das seit Jahren: Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht von einer Zeit, in der seriöse Nachricht und blanker Blödsinn nur einen Klick auseinanderliegen – bei einer Rede im Parlament im Juni 2026 nannte er das ein „betäubtes Wahrheitsempfinden".

Früher sortierten wenige Redaktionen, worüber alle reden; heute serviert der Algorithmus jeder und jedem eine eigene Version der Welt.

Ob das auf Dauer der Psyche schadet, bleibt offen – die „mental health days"-Studie fand zwar einen Zusammenhang zwischen viel Social Media und depressiven Symptomen, beweist damit aber keine Ursache.

Auch die Großen rutschen rein

Das Ganze ist längst ein Thema für alle Altersgruppen. Laut dem Reuters Institute nannten 2015 erst 21 Prozent der 18- bis 24-Jährigen soziale Medien als wichtigste Nachrichtenquelle. 2025 waren es schon 39 Prozent.

Dazu kommt: Im Feed vertrauen wir oft einzelnen Gesichtern mehr als ganzen Redaktionen. Ein Creator mit Kamera wird schneller zur Vertrauensperson als eine Zeitung mit hundert Jahren Geschichte.

Und das Parlament?

Die Studie endet mit einem Gedanken: Diese alte Aufgabe der großen Medien, alle auf dieselben Themen einzuschwören, kann das Parlament nur schwer übernehmen.

Aber es bleibt einer der wenigen Orte, an denen unterschiedliche Sichtweisen im selben Raum aufeinandertreffen müssen – Regierung und Opposition, Mehrheit und Minderheit, öffentlich mitprotokolliert.

In einer Welt, in der jede und jeder die eigene Version der Wirklichkeit im Handy hat, ist das vielleicht eine der letzten gemeinsamen Bühnen.




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