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"Je langweiliger die Politik ist, desto wichtiger ist sie"

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Volontärin · BG / Borg Liebenau
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21.06.2026
5 Min.

„Meine Stimme zählt doch sowieso nicht.“ Diesen Gedanken haben viele Jugendliche, besonders vor der ersten Wahl. Gleichzeitig kommen wir in den sozialen Medien ständig mit politischen Inhalten in Kontakt. Viele junge Menschen fühlen sich von der Politik nicht ausreichend vertreten und fragen sich, ob Wählen überhaupt etwas bringt. Genau darum ging es in dem Online-Vortrag „Populismus, Parteienfrust und die erste Wahl: Zählt meine Stimme wirklich?“ mit Politikwissenschaftler Ennser-Jedenastik.

Wen wählen und warum überhaupt? Populistische Parteien stellen sich als das Sprachrohr einer „schwächeren“ Gesellschaft dar. (Foto: Shutterstock)

Viele Menschen glauben, dass eine einzelne Stimme keinen Unterschied macht. Laut Ennser-Jedenastik zeigen Studien jedoch, dass einzelne Stimmen durchaus entscheidend sein können. Vor allem vermittelt Wählen das Gefühl, Teil der Demokratie zu sein und Einfluss auf politische Entscheidungen zu haben. Wer wählen geht, bringt seine Interessen in den politischen Prozess ein und hilft dabei, die Richtung seines Landes mitzubestimmen.

Trotzdem begegnen viele Jugendliche der Politik mit Frust. Oft entsteht der Eindruck, dass keine Partei die eigenen Ansichten wirklich vertritt. In dem Vortrag wurde es jedoch deutlich gemacht, dass das kein ungewöhnliches Problem ist. In der Realität gibt es kaum eine Partei, mit der wir in allen Punkten übereinstimmen. Deshalb sollte die Frage nicht lauten: Welche Partei ist perfekt?, sondern vielmehr: Welche Partei vertritt meine Ansichten am besten? Wer aus Enttäuschung gar nicht wählen geht, überlässt die Entscheidung anderen.

Parteienfrust und der Einfluss von kleinen Parteien

Besonders Erstwählerinnen und Erstwähler stehen oft vor dem Problem, dass sie sich zwischen mehreren nicht wirklich passenden Optionen entscheiden müssen. Dabei werden kleinere Parteien häufig übersehen, obwohl sie, laut Ennser-Jedenastik, ein wichtiger Bestandteil der Demokratie sind. In Österreich gibt es rund 1.000 registrierte Parteien. Auch wenn die meisten davon kaum bekannt sind, sorgen sie dafür, dass neue Ideen und Themen in die Politik eingebracht werden.

Kleine Parteien können politische Debatten beeinflussen und Druck auf größere Parteien ausüben. Ohne sie gäbe es viel weniger Auswahl und weniger Möglichkeiten, unterschiedliche Interessen zu vertreten. Deshalb ist eine Stimme für eine kleine Partei nicht automatisch „verloren“ oder sinnlos. Außerdem sollte Politik nicht wie ein Produkt betrachtet werden, das wir nur bewerten oder konsumieren. Wer mit dem bestehenden Angebot unzufrieden ist, kann sich engagieren und selbst dazu beitragen, politische Angebote zu verändern. Das ist besonders wichtig, da wir uns zunehmend in eine „Publikumsdemokratie“ verwandeln, bei der alle nur zusehen, aber nichts tun.

Warum Populismus oft erfolgreich ist

Ein wichtiger Teil des Vortrags beschäftigte sich mit Populismus und populistischen Parteien. Diese präsentieren sich häufig als Vertreter des „einfachen Volkes“ und stellen sich gegen eine angebliche politische Elite. Dadurch entsteht das Bild, dass sie die Sorgen der Bevölkerung besser verstehen als andere Parteien. Gerade für Menschen, die frustriert oder enttäuscht von der Politik sind, kann eine solche Einstellung sehr ansprechend wirken. Populistische Parteien bieten oft einfache Antworten auf komplexe Probleme und vermitteln das Gefühl, dass schwierige Herausforderungen schnell gelöst werden könnten. Das wirkt oft verständlicher als die komplizierten Programme klassischer Parteien, die meist ausführlicher und komplizierter sind. Dazu meint der Politikwissenschaftler Ennser-Jedenastik jedoch: „Je langweiliger die Politik, desto wichtiger.“

Dennoch warnte er davor, Populismus ausschließlich mit jungen Menschen in Verbindung zu bringen. Studien zeigen sogar, dass populistische Einstellungen bei Menschen mittleren Alters häufig stärker verbreitet sind als bei Jugendlichen. Beispielsweise tendieren ältere Personen eher dazu, die typisch populistische FPÖ zu wählen. Junge Menschen sind also nicht, gegensätzlich zu weit verbreiteten Annahmen, automatisch anfälliger für populistische Politik.

Die Rolle sozialer Medien

Ein weiterer Punkt, der während des Vortrags kurz angesprochen wurde, war der Einfluss sozialer Medien auf die politische Meinungsbildung. Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube können helfen, politische Informationen schnell zu verbreiten und Interesse für politische Themen zu wecken. Gleichzeitig bringen sie aber auch Herausforderungen mit sich, da viele Inhalte stark vereinfacht, verkürzt oder emotional dargestellt werden. Algorithmen zeigen uns Beiträge, die Aufmerksamkeit erzeugen und starke Reaktionen hervorrufen. Deshalb verbreiten sich oft Inhalte, die Empörung, Wut oder Begeisterung auslösen, schneller und besser. Sachliche und differenzierte Erklärungen sind dagegen häufig unbekannter und bleiben unbeachtet.

Dadurch kann Politik oberflächlicher wirken, als sie tatsächlich ist. Viele wichtige politische Entscheidungen entstehen jedoch durch lange Diskussionen, Kompromisse und sorgfältige Abwägungen. Wie schon erwähnt, erscheinen oft genau diese Prozesse langweilig, sind aber entscheidend für das Funktionieren einer Demokratie.

Macht das Wahlrecht ab 16 einen Unterschied?

Österreich gehört zu den wenigen Ländern, in denen Jugendliche bereits ab 16 Jahren wählen dürfen. Laut Laurenz Ennser-Jedenastik sind die Unterschiede zwischen 16- und 17-Jährigen und etwas älteren Erstwählern relativ gering. Daher können die jungen Menschen durchaus politische Entscheidungen verantwortungsvoll treffen. Des Weiteren profitieren die Parteien, die bestimmen, wer das Wahlrecht hat, von mehr potenziellen Wählerinnen und Wählern.

Auf der anderen Seite verändert das Wahlrecht ab 16 die Zusammensetzung der Wählerschaft. Wenn mehr junge Menschen wählen dürfen und ihre Stimme tatsächlich nutzen, müssen Parteien ihre Interessen stärker berücksichtigen. Themen wie Bildung, Ausbildung, Klimaschutz oder die Situation junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt erhalten dadurch mehr Aufmerksamkeit. Durch die Beteiligung junger Wählerinnen und Wähler wird die Politik tatsächlich jugendrelevanter.

Was passiert, wenn Jugendliche nicht wählen?

Wenn Jugendliche nicht wählen gehen oder gar nicht wählen dürfen, werden ihre Interessen folglich politisch weniger sichtbar. Da die österreichische Bevölkerung insgesamt immer älter wird, würde sich der politische Fokus stärker auf ältere Wählergruppen richten. Gleichzeitig betonte Herr Ennser-Jedenastik, dass daraus kein Konflikt zwischen Jung und Alt entstehen müsse. Oft sind die Unterschiede innerhalb einer Generation größer als die Unterschiede zwischen den Generationen, betont er.

Dennoch gilt, dass je mehr Jugendliche ihre Stimme nutzen, desto schwieriger wird es für Parteien, ihre Anliegen zu ignorieren. Eine hohe Wahlbeteiligung zeigt, dass junge Menschen politisch interessiert sind und ernst genommen werden wollen.

Zusammenfassend machte der Vortrag deutlich, dass Parteienfrust zwar verständlich ist, aber kein Grund sein sollte, auf das Wählen zu verzichten. Gerade Erstwählerinnen und Erstwähler können durch ihre Stimme Einfluss nehmen und dazu beitragen, dass ihre Interessen stärker berücksichtigt werden. Populistische Parteien wirken oft überzeugend, weil sie einfache und emotionale Botschaften vermitteln, besonders über soziale Medien. Demokratie lebt jedoch davon, dass wir uns informieren, kritisch hinterfragen und aktiv teilnehmen. Auch wenn eine einzelne Stimme klein erscheint, können viele einzelne Stimmen gemeinsam große Auswirkungen haben. Genau deshalb zählt jede einzelne Stimme.



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Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch die Universität Wien.

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