Sigrid Gutmann, 84, beschreibt ihre Situation als belastend. Sie hat nach der Geburt ihrer zwei Kinder nicht mehr gearbeitet, zumindest nicht gegen Entgelt. Ihre Aufgaben lagen in der Care-Arbeit, also darin, sich um die Familie zu kümmern und den Haushalt zu führen. Das Geld zum Leben brachte ihr Mann nach Hause. Oft habe sie mit ihrer Tochter auf dem Arm den Boden gewischt oder gekocht, erinnert sich die 84-Jährige. Ein Gefühl der Wertschätzung hat sie dabei nie gehabt. Heute in der Pension bereut sie ihre Entscheidung. Diese Lebenssituation ist für Österreichs Frauen keine Seltenheit.
Der 2. November 2025 weist einmal mehr auf eine traurige Tatsache hin. Der Gender-Pay-Gap in Österreich stellt keine abstrakte Kennzahl dar, er ist für Österreichs Frauen eine reale Herausforderung. Wie Nina Plank vom Team Sozialpolitik der Arbeiterkammer Oberösterreich erklärt, resultieren Unterschiede in der Pensionshöhe aus dem beitragsorientierten Pensionssystem in Österreich. Frauen, die weniger Geld in die Pensionskasse einzahlen, bekämen später auch weniger Geld heraus. In Oberösterreich betrug die jährliche Differenz bei Pensionsauszahlungen zwischen Frauen und Männern im Jahr 2024 etwa 16.000 Euro pro Person und Jahr, so Nina Plank.
Laut Informationen der Stadt Wien verrichten Frauen täglich in etwa vier Stunden an unbezahlter Arbeit, während es bei Männern nur 2,5 Stunden sind. Unter unbezahlter Arbeit verstehen wir heute die Sorgearbeit im Haushalt und in der Familie. Um bestehende Ungleichheiten ansatzweise auszugleichen, gehöre sie besser zwischen Männern und Frauen aufgeteilt, weist Nina Plank auf eine Maßnahme hin. Dafür ist es in Österreich erforderlich, größere Anreize für Väter zu schaffen, sich aktiv einzubringen, etwa durch eine geteilte Eltern- oder Pflegekarenz.
Auch das Pensionssplitting zwischen Elternteilen ist ein Lösungsansatz. Dabei überträgt der höher verdienende Elternteil Pensionsgutschriften an jenen mit dem niedrigeren Einkommen.
In Österreich gibt es die Möglichkeit, sich bis zu 48 Monate pro Kind an Versicherungszeiten anrechnen zu lassen. Diese Maßnahme unterstützt Personen, welche zur Betreuung von Kindern ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder reduzieren. Doch da die Beitragsgrundlage deutlich niedriger ist als das durchschnittliche Erwerbseinkommen, lassen sich frühere Einkommensverluste nicht ausgleichen, was sich in weiterer Folge negativ auf die Pensionshöhe auswirkt. Denn auch bei ganzjährig angestellten und in Vollzeit beschäftigten Frauen besteht mit 16,3 Prozent ein deutlicher Lohnunterschied im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen.
Das Resultat: Es braucht noch mehr Maßnahmen, um die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern auszugleichen und Fairness in die Pensionsvorsorge zu bringen. Primär sind Kindererziehungs- und Pflegezeiten stärker auf dem Pensionskonto zu berücksichtigen, etwa durch eine Anhebung der Beitragsgrundlage auf die Höhe des Medianeinkommens (mittleres Einkommen) aller Vollzeitbeschäftigten.
Parallel dazu ist es wichtig, die Kinderbetreuungs- und Pflegeinfrastruktur zu erweitern, um Frauen eine vollzeitnahe Erwerbstätigkeit zu ermöglichen.
Übernimmt der Staat die Kinderbetreuung nämlich kostengünstig, flächendeckend und professionell, entlastet diese Maßnahme besonders alleinerziehende Frauen.
Auch in Bezug auf das Arbeitsrecht sind Neuerungen notwendig. So sind ein Rechtsanspruch auf veränderte Arbeitszeiten und ein Wechsel zwischen Voll- und Teilzeit durchaus wirksam. Zur Vorbeugung von Altersarmut ist zudem die Einführung eines Aufwertungsfaktors (Anpassung an Inflation) erforderlich, um Benachteiligungen zu verhindern.
Abschließend zeigt sich, Frauen haben ihr gesamtes Leben lang mit dem Gender-Pay-Gap und dessen Folgen zu kämpfen. Solange überwiegend Frauen unbezahlte Care-Arbeit leisten und Ungleichheiten im Arbeits- und Pensionssystem bestehen, verschwindet auch diese Benachteiligung nicht. Es benötigt daher nicht nur politische Reformen, sondern ein gesellschaftliches Umdenken, das Care-Arbeit als gleichwertig zu Erwerbsarbeit ansieht und fair zwischen den Geschlechtern verteilt.
Kommentare