Nachhilfe ist für viele Schülerinnen und Schüler längst Teil des Schulalltags. Doch nicht alle haben Zugang zu derselben Unterstützung und damit sind auch die Voraussetzungen vor einer Prüfung unterschiedlich.
Rund 338.000 Kinder und Jugendliche in Österreich bekommen Nachhilfe oder andere Lernhilfe. Das entspricht fast jedem dritten Schulkind. Bereits in der Volksschule liegt der Anteil bei 23 Prozent. Das zeigt der im August 2026 veröffentlichte Nachhilfebarometer der Arbeiterkammer.
Für die repräsentative Untersuchung befragte das Institut IFES im Auftrag der Arbeiterkammer von März bis Mai 2026 insgesamt 3.208 Eltern mit 4.728 Schulkindern. Die Ergebnisse wurden anhand der österreichischen Schulstatistik gewichtet.
Nicht jede erfasste Lernhilfe ist bezahlter Privatunterricht. Zur Unterstützung zählen auch kostenlose Angebote. Familien, die bezahlte Nachhilfe nutzen, geben dafür durchschnittlich 720 Euro pro Kind und Schuljahr aus.
Meist geht es nicht nur um drohendes Sitzenbleiben. Bei 52 Prozent der betroffenen Schülerinnen und Schüler soll die Unterstützung die Note verbessern. In 28 Prozent der Fälle soll sie eine negative Note oder eine Nachprüfung verhindern. Ein Viertel benötigt Hilfe, weil der Stoff im Unterricht nicht verstanden wurde.
Hinter diesen Zahlen stehen unterschiedliche Wege zu derselben Prüfung. Mein Freund Johannes besucht eine AHS und bekommt ungefähr einmal pro Woche bezahlte Nachhilfe in Mathematik. Elias erhält bei Problemen Hilfe von seiner Familie. Alex lernt überwiegend allein.
Zehnmal dieselbe Frage
Johannes ist 17. Wie viel eine Stunde Nachhilfe kostet, weiß er nicht. Auch eine konkrete Verbesserung seiner Note kann er nicht sicher angeben. Trotzdem hilft ihm der zusätzliche Unterricht dabei, Mathematik besser zu verstehen.
Der wichtigste Unterschied zum Klassenzimmer liegt für ihn in der verfügbaren Zeit. „In der Nachhilfe kann ich zehnmal dieselbe Frage stellen“, sagt mein Freund. „Im Unterricht geht es irgendwann weiter, weil noch 20 andere Leute da sind.“
Am Ende sitzt Johannes allein vor seiner Mathematikprüfung. Der Nachhilfelehrer schreibt sie nicht für ihn. Johannes muss die Aufgaben selbst lösen. Trotzdem konnte er sich mit einer Unterstützung vorbereiten, für die seine Familie bezahlt.
Auf die Frage, ob seine Note dadurch vollständig seine eigene Leistung bleibt, antwortet er differenziert: „Die Leistung bei der Prüfung ist meine. Aber natürlich hatte ich beim Lernen einen Vorteil, den jemand ohne Nachhilfe vielleicht nicht hatte.“
Genau dieser Vorteil ist ungleich verteilt. Nachhilfe kann zusätzliche Erklärungen, Übungszeit und Sicherheit bieten. Wer sie nicht bezahlen kann, muss sich den Stoff möglicherweise allein erarbeiten oder auf andere Hilfe hoffen.
Unterstützung ohne Rechnung
Mein Freund Elias besucht keine regelmäßige bezahlte Nachhilfe. Wenn er etwas nicht versteht, kann er zu Hause jemanden fragen. „Das ist auch eine Form von Hilfe, nur kostet sie nichts“, sagt der 17-Jährige.
Damit erweitert er die Frage. Bildungsvorteile lassen sich nicht nur an Rechnungen eines Nachhilfeinstituts erkennen. Manche Eltern erklären Mathematik, verbessern Texte oder fragen vor einer Prüfung Vokabeln ab. Andere haben wegen ihrer Arbeitszeiten kaum Zeit, kennen den Stoff nicht mehr oder können in der Unterrichtssprache wenig helfen.
Laut Nachhilfebarometer lernen 76 Prozent der Eltern zumindest gelegentlich mit ihren Kindern. 23 Prozent unterstützen sie fast täglich. Eltern ohne Matura fällt diese Hilfe laut Untersuchung deutlich schwerer.
„Dann hast du automatisch schlechtere Voraussetzungen“, sagt Elias. „Dafür kannst du als Schüler nichts.“
Ob zwei gleiche Noten unter diesen Bedingungen gleich viel wert sind, beantwortet er mit einem Satz: „Die Prüfung ist für alle gleich, aber der Weg dorthin ist nicht gleich.“
Elias würde trotzdem niemandem vorwerfen, Nachhilfe zu nehmen. Auch er würde Hilfe annehmen, wenn er sie braucht. Unfair findet er den Moment, in dem notwendige Unterstützung vom Einkommen, der Zeit oder dem Wissen der Eltern abhängt.
Alex lernt überwiegend allein
Mein Kumpel Alex bekommt weder regelmäßige Nachhilfe noch eine dauerhafte Lernbegleitung durch seine Familie. Er arbeitet mit den Unterlagen aus dem Unterricht, sucht Erklärungen im Internet und fragt bei einzelnen Problemen andere Menschen.
Mit jemandem dieselbe Prüfung zu schreiben, der jede Woche Einzelunterricht erhält, fühlt sich für ihn teilweise unfair an. Verbieten will er Nachhilfe trotzdem nicht. „Natürlich soll jemand Hilfe bekommen dürfen“, sagt Alex.
Seine Kritik richtet sich deshalb nicht gegen Johannes oder andere Schülerinnen und Schüler mit Nachhilfe. „Ich finde Nachhilfe nicht unfair. Ich finde unfair, dass gute zusätzliche Hilfe davon abhängen kann, ob eine Familie sie bezahlen kann.“
Auch Johannes würde aus Fairness nicht auf seine Mathematik-Nachhilfe verzichten. Wer Schwierigkeiten hat, soll jede verfügbare Unterstützung nutzen dürfen. Das Problem liegt für ihn bei den unterschiedlichen Möglichkeiten der Familien.
Eine gute Note bleibt in allen drei Fällen eine Leistung. Johannes muss die Aufgaben trotz Nachhilfe selbst lösen. Elias muss verstehen, was ihm zu Hause erklärt wurde. Alex muss sich den Stoff größtenteils selbst erarbeiten. Die Note zeigt aber nur das Ergebnis der Prüfung. Wie viel Unterstützung auf dem Weg dorthin verfügbar war, steht nicht im Zeugnis.
Reicht die Unterstützung der Schulen?
Die Arbeiterkammer sieht in ihren Ergebnissen ein Problem des Bildungssystems. Eltern müssten fehlende Förderung mit Geld und zusätzlicher Lernzeit ausgleichen. Bildungserfolg dürfe aus ihrer Sicht nicht von den finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten der Familie abhängen.
Diese politische Einordnung muss gemeinsam mit dem Auftraggeber der Untersuchung genannt werden: Die Arbeiterkammer ließ die Studie durchführen und fordert auf Grundlage der Ergebnisse einen Ausbau kostenloser Förderung.
Unterstützung durch Schulen existiert bereits. Schülerinnen und Schüler können je nach Schulform und Standort Förderunterricht, Sommerschule oder andere Lernangebote nutzen. Seit dem Schuljahr 2023/24 steht an mindestens dreijährigen mittleren und höheren Schulen ab der zehnten Schulstufe außerdem eine individuelle Lernbegleitung zur Verfügung. Sie richtet sich an Schülerinnen und Schüler mit festgestellten Lernrückständen oder Lernschwächen und soll Hilfe zur Selbsthilfe bieten.
Diese Angebote entsprechen nicht automatisch einer wöchentlichen Einzelstunde in jedem gewünschten Fach. Welche Förderung tatsächlich verfügbar ist, hängt von Schulform, Standort, Ressourcen und konkretem Bedarf ab.
Ab dem Schuljahr 2026/27 erhalten zudem 400 Schulen mit besonders schwierigen sozialen Voraussetzungen zusätzliche Mittel über das Chancenbonus-Programm. Möglich sind unter anderem zusätzliche Lehrkräfte sowie Fachkräfte aus Sozialarbeit, Psychologie oder der Förderung bei Lernschwierigkeiten. Das stärkt gezielt belastete Standorte, löst aber nicht jeden individuellen Nachhilfebedarf.
Gleiche Prüfung, unterschiedlicher Weg
Johannes, Elias und Alex wünschen sich kostenlose Lernhilfe an Schulen. Bei einer verpflichtenden Nachmittagsstunde gehen ihre Ansichten auseinander. Johannes würde sie besuchen, wenn er in einem Fach Probleme hat. Elias findet sie für betroffene Schülerinnen und Schüler sinnvoll, aber nicht für alle. Alex bevorzugt ein freiwilliges Angebot.
Auch kostenlose Förderung bringt neue Fragen mit sich. Sie benötigt Lehrkräfte, Räume, Zeit und Geld. Findet sie am Nachmittag statt, verlängert sie den Schultag. Beginnt sie erst bei einer drohenden negativen Note, kommt sie möglicherweise zu spät.
Die Gespräche mit den drei Freunden sind keine wissenschaftliche Erhebung. Sie machen aber sichtbar, was hinter den 32 Prozent steht. Zusätzliche Lernhilfe kann eine bezahlte Einzelstunde, eine Erklärung am Küchentisch oder eine kostenlose schulische Förderung sein.
Johannes bleibt am Ende bei zwei Aussagen, die sich nur scheinbar widersprechen. Seine Prüfungsleistung gehört ihm. Gleichzeitig hatte er bei der Vorbereitung einen Vorteil.
Elias beschreibt denselben Unterschied ohne Geldbetrag: Die Prüfung ist gleich, der Weg ist es nicht. Im Zeugnis sehen wir am Ende nur die Note. Ob dahinter bezahlte Einzelstunden, Hilfe aus der Familie oder weitgehend selbstständiges Lernen stehen, bleibt unsichtbar.
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