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Investieren: Finanzbildung oder TikTok-Hype?

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
08.08.2026
5 Min.

Auf dem Display leuchten 52,40 Euro Gewinn. Der Balken ist grün, der Kaufbutton nur einen Fingertipp entfernt. Investieren wirkt plötzlich erstaunlich einfach. Doch zwischen Testportfolio, TikTok-Tipp und echtem Geld steckt vieles, das auf dem Bildschirm unsichtbar bleibt.

Ein Finfluencer in Aktion: Zwischen grünen Balken, schnellen Börsentipps und dem nächsten Wisch verschwimmt immer stärker, wo Finanzbildung aufhört und der TikTok-Hype beginnt. (Foto: Shutterstock)

Vier Hände gehen nach oben. Unser Lehrer hat gerade gefragt, wer von uns bereits selbst investiert. Im März hatten wir begonnen, uns mit Aktien zu beschäftigen, im Juni kam das Thema wieder auf den Tisch. Einer der vier ist Alexander, 17.

Sein Wertpapierkonto läuft über seinen Vater, investieren kann er über Trade Republic. Als er erzählt, warum er angefangen hat, klingt es weder nach schnellem Reichtum noch nach dem Traum vom nächsten Börsenhit. „Ich habe mich irgendwann gefragt, warum mein Geld einfach nur auf dem Konto liegen soll“, erzählt er. Für Alexander ist Investieren ein Weg, einem Teil seines Geldes langfristig die Chance zu geben, an Wert zu gewinnen.

Kurz darauf sitzen wir selbst vor Depots. Auf Investopedia bekommen wir fiktives Geld, suchen Unternehmen aus und stellen unser Portfolio zusammen. Ein Kurs steigt, ein anderer rutscht ab. Sobald irgendwo Grün aufleuchtet, bleibt der Blick automatisch länger hängen. Kein einziger Euro gehört uns und trotzdem fühlt sich das Plus auf dem Bildschirm ein wenig wie ein Gewinn an.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein zweistündiger Film über die Finanzkrise 2008. Dort bleiben die roten Kurven nicht auf einem Bildschirm. Menschen verlieren ihre Jobs und plötzlich stehen hinter fallenden Zahlen Gesichter. Als wir später wieder unser Testportfolio öffnen, sieht selbst ein roter Balken anders aus.

Zwischen Musikvideo und Depot

Außerhalb des Klassenzimmers geht alles schneller. Wir öffnen TikTok wegen eines Musikvideos und kurz darauf hält jemand sein Depot in die Kamera. Grüne Zahlen leuchten auf, der Chart zieht nach rechts oben und der Creator erklärt ruhig, warum eine Aktie gerade interessant sein soll. Ein Wisch später folgt ein ETF, danach Krypto. Während wir im Unterricht Stunden mit dem Thema verbringen, rauschen im Feed mehrere Investmentideen in wenigen Minuten vorbei.

Ein Mann mit Hemd und Krawatte, der hinter grünen Zahlen telefoniert.

Während Kurse und grüne Zahlen auf dem Bildschirm zum Investieren locken, beeinflussen Finfluencer und ihre Empfehlungen, wie wir diese Zahlen wahrnehmen.pixabay


Wie leicht uns solche Clips erreichen können, zeigt der Jugend Internet Monitor 2026: TikTok und Instagram werden jeweils von 64 Prozent der österreichischen 11 bis 17 Jährigen genutzt. Der Börsentipp steht damit plötzlich zwischen Fußballclip und Meme, obwohl wir das Handy für etwas völlig anderes geöffnet haben.

Und auf immer mehr Displays liegt tatsächlich ein Depot. Laut Aktienbarometer 2026 der Wiener Börse besitzen 31 Prozent der österreichischen Bevölkerung ab 16 Jahren Wertpapiere, rund 2,4 Millionen Menschen. Gleichzeitig schätzen viele Befragte ihr Wissen darüber nur als gering oder mittelmäßig ein. Auf dem Smartphone hat diese Lücke keine Farbe. Der Balken bleibt grün, egal wie viel wir über das Unternehmen dahinter wissen.

Der Mensch hinter der grünen Kurve

Christian, 17, betrachtet solche Inhalte vorsichtiger. „Ich finde es grundsätzlich interessant, aber man muss vorsichtig sein. Nur weil jemand auf TikTok sagt, dass eine Aktie steigen wird, heißt das noch lange nicht, dass sie das auch tut.“

Vor uns sitzt schließlich kein fremder Börsenhändler, sondern ein Gesicht, das nach einigen Videos vertraut wirken kann. Hinter seiner Schulter steigt ein Chart, auf dem Display glänzt das Depot und seine Stimme lässt den Kauf unkompliziert klingen. Eine Kooperation, ein Affiliate Link oder ein eigenes finanzielles Interesse passen deutlich schlechter in dieses Bild.

Seit Jänner 2026 richtet sich deshalb sogar die europäische Wertpapieraufsicht ESMA mit einem eigenen Factsheet an Finfluencer. Am 30. April verabschiedete das Europäische Parlament zudem eine Resolution zum Umgang mit Finfluencern und Finanzbildung. Zuvor hatte es vor versteckter Werbung, Interessenkonflikten und irreführenden Aussagen gewarnt. Auf dem Display bleibt davon wenig sichtbar. Die Musik läuft weiter, das Gesicht bleibt selbstbewusst und die grüne Kurve zieht den Blick wieder nach oben.

Wenn aus Grün Rot wird

In unserem Testportfolio verändert sich irgendwann die Farbe. Aus 52,40 Euro werden 49,80. Der grüne Balken schrumpft, Rot erscheint auf dem Bildschirm und der kleine Erfolg von vorher fühlt sich plötzlich weiter weg an. Fast automatisch schaut man noch einmal hin, als könnte sich die Zahl durch Beobachten wieder erholen.

Bei uns bleibt das harmlos. Nach der Stunde klappen wir den Laptop zu und nehmen keinen Verlust mit nach Hause. Bei einem echten Depot leuchtet dieselbe rote Zahl später noch im Bus, am Schreibtisch oder abends im Bett. Der Creator aus dem Feed spricht zu diesem Zeitpunkt längst über die nächste Aktie. Sein Video verschwindet nach oben, der nächste Clip nimmt den ganzen Bildschirm ein. Unser Depot wischt nicht weiter.

Beim Zusammenstellen meines Testportfolios merke ich auch, wie schnell aus „Ich kaufe diese Aktie“ weitere Entscheidungen entstehen. Man schaut auf die Kursentwicklung, liest über das Unternehmen und muss abschätzen, welches Risiko man eingehen will. Wer bei seinem Geld auch auf Nachhaltigkeit, Arbeitsbedingungen oder einzelne Branchen achtet, bekommt noch eine weitere Ebene vor sich. Für meine eigene Auswahl spielt dieser moralische Blick eine kleinere Rolle, unsichtbar wird er dadurch nicht.

Wenn der Feed längst weitergezogen ist

Alexander investiert bereits und versucht zu verstehen, was hinter seinen Positionen steckt. Christian bleibt vorsichtig. Ich sitze irgendwo zwischen beiden und schaue auf dieselben grünen und roten Balken heute anders als noch im März.

Ein Computer mit einem Graphen eines Aktienportfolios.

Jede steigende oder fallende Linie steht für echtes Geld und Entscheidungen, die wir selbst treffen müssen.pixabay


Damals waren sie vor allem Zahlen auf einem Bildschirm. Dann kamen unser Testportfolio, Alexanders echtes Depot, die Menschen im Film über 2008 und die selbstbewussten Stimmen aus dem Feed. Seitdem steht hinter einer Linie, die nach oben oder unten läuft, plötzlich etwas, das auf keinem Chart Platz findet.

Der nächste Creator wird trotzdem auftauchen. Wieder wird ein Depot grün leuchten, eine Aktie besonders vielversprechend aussehen und irgendwo ein Finger über dem Kaufbutton schweben. Der Feed wird längst weitergezogen sein, wenn aus der grünen Linie auf unserem Bildschirm etwas geworden ist, das zu unserem eigenen Leben gehört.






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Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch die Kronen Zeitung.

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