campus a college: Herr Mattle, wie fühlt es sich an, Landeshauptmann von Tirol zu sein?
Mattle: Es fühlt sich gut an, aber zunächst ist es eine megagroße Herausforderung, wenn man tatsächlich Regierungschef sein darf und die Verantwortung für 770.000 Tirolerinnen und Tiroler trägt. Aber mit jedem Tag lernt man mehr und mit dieser Erfahrung gelingt es, auf Alltagsfragen Antworten zu geben.
campus a college: Was sind derzeit Ihre größten Herausforderungen in Tirol?
Mattle: Ein wichtiges Thema für junge Leute, speziell in Innsbruck, ist das Thema Wohnen. Tirol ist generell teuer und die Situation im Großraum Innsbruck spitzt sich durch den Zuzug von Studierenden zu. Bei rund 120.000 Einwohnern haben wir 35.000 Studierende, was Wohnraum knapp und teuer macht. Auch weil Innsbruck als Mischung aus urbanem und alpinem Flair attraktiv ist. Durch klassische Marktmechanismen ist das Thema kaum lösbar, da braucht es die Politik.
campus a college: Wie steht es um die Transitbelastung?
Mattle: Dazu eine spannende Zahl: 29 Prozent der Tiroler Bevölkerung lebt an der Autobahn. Deshalb hat das Thema politisches Gewicht. Wir brauchen Mobilität für die Wirtschaft, aber auch den Schutz von Gesundheit und Naturschutz.
„Die Vision ist: keine Importe von Öl, Gas oder Atomstrom“
campus a college: Die Spritpreise steigen. Was kann das Land Tirol dagegen machen?
Mattle: Wir müssen genug erneuerbare Energien in Tirol erzeugen, um keine Importe zu brauchen. Die Vision ist: weder Öl, Gas noch Atomstrom aus Frankreich.
campus a college: Was tun Sie dafür?
Mattle: Wir brauchen mehr öffentlichen Verkehr. Dabei sind wir beim öffentlichen Personennahverkehr schon mit das beste Bundesland. Bei uns ist das Angebot pro Bewohner des Landes größer als in allen anderen Bundesländern. Zusätzlich machen wir Druck, dass von der Straße auch auf die Schiene verlagert wird. Aber zu einer wirklich großen Verbesserung wird es erst kommen, wenn wir einmal den Brenner-Basistunnel haben. Da kämpfe ich persönlich darum.

campus a college: Wie steht es um die Bildung Tirols?
Mattle: Wir führen als erstes Bundesland ein Recht auf Kinderbildung ab dem zweiten Geburtstag ein. Da geht es vor allem um soziale Bildung. Zusätzlich schauen wir darauf, dass jede Bezirkshauptstadt ein gutes Bildungsangebot hat. Das gab es zu meiner Zeit noch nicht. Eines möchte ich besonders erwähnen: 40 Prozent der Tirolerinnen und Tiroler machen eine Lehre. Dank des Zusammenspiels zwischen Bildung und Lehre haben wir eine ganz geringe Jugendarbeitslosigkeit.
„Die Tiroler Jugend hat Visionen“
campus a college: Wenn Sie die Jugend Tirols ansehen, was macht Ihnen Sorgen?
Mattle: Ich bin stolz auf die Tiroler Jugend, weil in ihr Werte verankert sind, die über Generationen weitergegeben werden und viele sich ehrenamtlich engagieren, etwa im Skiclub, Fußballklub, bei der Musikkapelle oder in der Schützenkompanie. In Gesprächen merke ich auch, dass viele junge Leute klare Zukunftsvisionen haben. Sie wollen eine gute Ausbildung, einen sicheren Arbeitsplatz und auch stabile Beziehungen. Es wird immer wieder schlecht über Jugendliche geredet, doch sie nutzen die Möglichkeiten, die Tirol bietet.
„Jugendförderungen bleiben bei den Bundesländern“
campus a college: Sie setzen sich ja für einen vereinheitlichten Jugendschutz ein. Was genau bedeutet das jetzt aber für uns Jugendliche?
Mattle: Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind nicht mehr so groß, da viele Bereiche bereits harmonisiert wurden. Im Rahmen der Landeshauptleutekonferenz und der Reformpartnerschaft wollen wir den Jugendschutz österreichweit vereinheitlichen, etwa bei den Ausgehzeiten. Gleichzeitig sollen die Jugendförderungen weiterhin bei den Bundesländern bleiben.

campus a college: In Tirols Tälern kommt es öfter zu Straßensperren wegen Lawinen, Muren und Schnee. Wie bekommt man das in den Griff?
Mattle: Wir müssen vorbereitet sein. Wir werden nicht alles technisch verbauen können. Wir werden überall in den Talschaften Fachleute brauchen, die Gefahrensituationen beurteilen. Was wir allerdings schon spüren: Der Temperaturanstieg findet im Alpenbogen mit höherer Geschwindigkeit statt als im flachen Land. Wenn man sonst österreichweit vielleicht ein Plus von 1,5 Grad hat, im Alpenbogen sind wir eher schon bei Plus 2,5. Das macht mir Sorgen. Wir tragen Verantwortung für unsere nächste Generation und für die Umwelt.
„Touristisch bleibt Tirol im Sommer und Winter interessant“
campus a college: Wie wird sich der Tourismus in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren entwickeln?
Mattle: Bei uns wird es, so schätzen es auch viele Wissenschaftler ein, den Winter nach wie vor geben. In tiefen Lagen weniger. Ich glaube also schon, dass Tirol sowohl im Sommer als auch im Winter touristisch interessant bleibt. Es sind nicht nur die sportlichen Aktivitäten und es ist nicht nur der Wintersport, sondern die Touristen sehnen sich nach Sonne.
„Das Lawinenunglück von Galtür beschäftigt mich immer noch“
campus a college: Sie waren 1999 Bürgermeister von Galtür. Fühlen Sie sich bis heute schuldig?
Mattle: Bei uns in Galtür gab es 31 Lawinentote. Ich war Bürgermeister und auch Obmann der Lawinenkommission. Wir hatten damals alles sehr, sehr kleinräumig abgesperrt. Dann gehen zwei Lawinen ab, und das in einen Ortsteil, der bis dahin und auch heute als gefahrenfrei gilt. Niemand hat damit gerechnet, dass da etwas passieren kann. Es gibt Simulationen von damals: Es gibt kein Rechenmodell, das zeigt, dass eine Lawine so weit vordringen kann. Das war schon etwas, womit man zuerst einmal zurechtkommen musste.
campus a college: Die Staatsanwaltschaft hat damals ermittelt.
Mattle: In Österreich gehört es zum Rechtsstaat, dass die Staatsanwaltschaft in so einem Fall Ermittlungen einleitet und prüft, ob Fahrlässigkeit vorliegt oder Gefahren nicht erkannt wurden. Auf Basis eines unabhängigen Gutachtens des Eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungsinstituts wurde das Verfahren schließlich eingestellt.
campus a college: Und wie geht es Ihnen heute damit?
Mattle: Trotz des Einstellens des Verfahrens ich an diesem Tag ganz besondere Verantwortung Deshalb gibt es immer wieder Situationen, in denen ich über dieses Lawinenereignis rede, weil das etwas Befreiendes hat. Das Ereignis beschäftigt mich nach 27 Jahren immer noch.
„Mein Alltag beginnt um fünf Uhr früh im Stall“
campus a college: Zum Schluss persönliche Fragen: Was führte Sie in die Politik?
Mattle: Es begann als Klassensprecher in der Haupt- und Berufsschule, wo ich erste Erfahrungen sammeln konnte und merkte, dass es mir Freude macht, mich für andere einzusetzen. Ein prägendes Erlebnis war, als wir gemeinsam als Schüler eine Preissenkung für Wurstsemmeln durchsetzen konnten und ich gespürt habe, dass man gemeinsam etwas bewegen kann. Später kam ich, neben meiner beruflichen Laufbahn als Elektriker und Unternehmer, zurück nach Galtür in die Politik, wo ich mit 23 in den Gemeinderat einzog und dann Bürgermeister wurde, mit dem Ziel, Unzufriedenheit zu erkennen und aktiv zu verbessern.
campus a college: Wie schaut Ihr Alltag aus?
Mattle: Ich arbeite viele Stunden, fange meinen Tag aber nicht mit klassischer politischer Arbeit an. Ich habe eine kleine Landwirtschaft daheim. Mein Alltag beginnt um fünf Uhr morgens. Ich versorge meine fünf Mutterkühe, vier Kälber und zwei Haflinger. Dann gibt es ein gemeinsames Frühstück mit meiner Frau und zwischen halbsieben und halb acht fahre ich von Galtür nach Innsbruck und die Fahrzeit kann ich für Telefonate nutzen. Ich mache in der Regel so zwischen sieben und zehn Termine am Tag und ab etwa 18 Uhr gehe ich raus und nehme an Veranstaltungen teil. In der Regel mache ich um 22 Uhr Feierabend.
campus a college: Welche Tipps geben Sie jungen Menschen, die in die Politik wollen?
Mattle: Es ist wichtig, andere Menschen zu mögen. Es ist vielleicht ein Talent, wenn man auf die Leute zugehen und zuhören kann. Zuhören ist etwas vom Allerwichtigsten in der Politik. Sonst gebe ich den Jugendlichen mit: Immer mutig und selbstbewusst sein, das gehört schon auch dazu.
campus a college: Was gefällt Ihnen am besten in Tirol?
Mattle: Unsere Landschaft. Früher waren Berge einfach ein Hindernis. Heute sind sie für uns eine Sportmöglichkeit und eine Möglichkeit, Freiheit zu genießen.
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