Kultur Österreich Fakten

„Ich würde mir als Fach soziales Verhalten wünschen": Thomas Brezina über Schule, Bücher und warum TikTok auch Vorteile hat

Profile Image
49
1
TOP 25 Autorin
Volontärin · HTL Braunau
24.08.2026
8 Min.

INTERVIEW: „Schreibe Bücher für dein Baumhaus“ steht auf Thomas Brezinas Schreibtisch. Ein Satz, der zeigt, was ihn seit seiner Jugend antreibt: Geschichten zu erzählen, die ihn selbst und andere berühren.

„Ich hätte nie gedacht, einmal vor einem Regal voller eigener Bücher zu sitzen." Heute empfängt uns Thomas Brezina in seinem Büro, hinter ihm tausende davon. (Foto: Emilia Tilzer)

campus a college: Sie begleiten Kinder und Jugendliche mit ihren Geschichten seit mehreren Generationen. Was würden Sie sagen, wer ist Thomas Brezina eigentlich, abseits von Tom Turbo oder Knickerbocker-Bande und Co.?

Brezina: Ich bin derjenige, den du siehst. Derjenige, der das alles schreibt. Ich bin derjenige, den man im Fernsehen gesehen hat. Da gibt es keine großen Unterschiede. Ich hatte immer den Gedanken, etwas zu schreiben, das die Augen meiner Leserschaft zum Leuchten bringt. Das war immer mein Gefühl und das ist es bis heute.

campus a college: Gibt es irgendeine Ihrer Figuren aus ihren Büchern, in der besonders viel von Ihnen selbst steckt?

Brezina: Nein, ich glaube, es steckt in den meisten ein bisschen was von mir. Bei der Knickerbocker-Bande ist es so, dass ich wahrscheinlich eine Mischung aus Lilo und Axel bin. Er ist so eher der Außenseiter, ich war früher auch der Außenseiter, und sie ist die richtige Knobel-Rätselnuss. Das bin ich auch. Aber sonst, alle Figuren haben ein bisschen etwas. Aber ich würde nicht sagen, dass eine mir nachempfunden ist.

Helene und Thomas Brezina

"Wer schreiben will, soll sich hinsetzen und schreiben." Sagt Thomas Brezina im Interview mit Helene Meingassner aus der HTL BraunauEmilia Tilzer


campus a college: Gibt es etwas, das Sie einem Jugendlichen mitgeben möchten, der selbst gerne Geschichten schreibt, aber sich vielleicht noch nicht traut, mehr daraus zu machen?

Brezina: Wer schreiben will, soll sich hinsetzen und schreiben. Punkt. Man sollte am Anfang nicht darüber nachdenken, was daraus werden kann. Heute gibt es online viele Möglichkeiten, Geschichten selbst zu veröffentlichen und bekannt zu machen. Viele Autorinnen und Autoren haben ihre Bücher zunächst als E-Publishing veröffentlicht, damit Interesse geweckt und später einen Verlag gefunden. Das Wichtigste ist also, überhaupt zu schreiben und sich erst danach zu überlegen, was daraus werden kann.

campus a college: Und wie war es bei Ihnen?

Brezina: Ich habe mir schon immer gerne Geschichten ausgedacht, fast immer für Kinder. In der Schule wurde das belächelt, aber mit 16 gewann ich einen großen Schreibwettbewerb. Damals arbeitete ich neben der Schule als Puppenspieler beim Fernsehen. Der damalige Chef des Kinderprogramms kannte mich, bekam meine Drehbücher und fragte mich nach der Matura, ob ich etwas schreiben wolle. Er fand die Wettbewerbs-Drehbücher zwar unbrauchbar, sagte aber: ,Schreiben Sie mir etwas anderes.' Das habe ich gemacht und so begann es. Ich hätte nie gedacht, einmal vor einem Regal voller eigener Bücher zu sitzen. Ich habe es einfach gemacht und zu den Möglichkeiten, die auf mich zukamen, immer Ja gesagt, auch wenn mir dabei die Knie geschlottert haben.

„Ich würde mir das Fach soziales Verhalten wünschen"

campus a college: Denken Sie, dass die Schule junge Menschen gut auf das Leben vorbereitet oder gäbe es etwas, das Sie am Schulsystem ändern würden?

Brezina: Es gibt Schulen und Lehrerinnen und Lehrer, die junge Menschen gut auf das Leben vorbereiten, und genauso welche, die das nicht tun. Aus meiner Sicht hängt heute vieles mehr an den Menschen als am sogenannten System. Veränderungen im Lehrplan und mehr Fokus auf Themen, die mit der gegenwärtigen Situation zu tun haben, begrüße ich.

Ich hatte zum Beispiel Latein in der Schule und habe es als quälend empfunden und ich kann nicht behaupten, dass es mein Leben maßgeblich beeinflusst hat. Der Englischunterricht hingegen hat mein Leben geprägt, sowohl sprachlich als auch menschlich. Meine Englischprofessorin hat mich für Literatur begeistert und auch meine Weltoffenheit geprägt. Deshalb glaube ich, dass es auch ein bisschen Glückssache ist, welche Menschen man in der Schule trifft. Ich bin nicht für Verbote, sondern dafür, viel mehr zu unterrichten und zu zeigen, wie man mit diesen Dingen umgeht.

campus a college: Hätten Sie auch eine Idee für ein Schulfach, das Sie persönlich gerne einführen würden?

Brezina: Ich würde mir das Fach soziales Verhalten wünschen. Das, glaube ich, gibt es sogar in manchen Ländern. Es wäre sehr interessant, ein Schulfach zu haben, in dem man den richtigen Umgang mit anderen Menschen lernt. Wie gehe ich mit einem Streit um? Wie gehe ich mit extremen, anderen Meinungen um? Wie gehe ich mit Menschen um, die mich unter Druck setzen? Wie gehe ich mit verschiedensten Medien um? Wie gehe ich mit KI um? In diesem Unterricht könnten solche Situationen durchgespielt, simuliert und dadurch erlebt werden.

Brezina und Helene

Brezina ist das Schreiben sehr wichtig, deswegen verzichtet er auch auf Partys. Mittlerweile nimmt er sich aber auch einen Tag freiEmilia Tilzer


campus a college: Sie sind ja nicht nur Autor, sondern Schauspieler, Fernsehmoderator, Produzent und vieles mehr. Wie schaffen Sie es, all Ihre Projekte unter einen Hut zu bekommen?

Brezina: Mir ist das, was ich tue, sehr wichtig. Deshalb habe ich auf vieles verzichtet, ich gehe nicht auf Partys, lebe sehr zurückgezogen und habe einen kleinen, engen Freundeskreis. Ich teile meine Zeit genau ein und habe über Jahre sieben Tage die Woche gearbeitet, heute nehme ich mir einen Tag in der Woche frei.

campus a college: Wer hilft Ihnen dabei?

Brezina: Ich konzentriere mich auf das, was ich am besten kann: meine Geschichten. Für alles andere habe ich ein kleines, effizientes Team, das sich etwa um Verträge und wirtschaftliche Dinge kümmert. So kann ich mich voll auf meine Arbeit konzentrieren.

campus a college: Gibt es irgendeines von Ihren Projekten, das Sie aktuell besonders begeistert?

Brezina: Ja. Am 6. September feiert ein Projekt Premiere, bei dem ich künstlerischer Leiter bin: das Demokratino, welches in einem immersiven Kino in Mörbisch gespielt wird. Es ist ein einstündiges Erlebnis für Schulklassen, bei dem man in ein fantastisches Land kommt, in dem ein Diktator die Macht übernehmen will. Die Schülerinnen und Schüler müssen gemeinsam versuchen, das zu verhindern und eine Demokratie aufzubauen. Das Ganze ist wie ein 360-Grad-Film, bei dem man selbst Entscheidungen treffen und interaktiv eingreifen kann. Ich glaube, das ist eine sehr neuartige und ungewöhnliche Art des Lernens und deshalb mag ich das Projekt besonders.

„Meine ersten Leserinnen und Leser sind heute Anfang 50"

campus a college: Ihre Bücher handeln oft von Freundschaft, Mut, Zusammenhalt und davon Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Gibt es eine Botschaft, die Sie weitergeben möchten?

Brezina: Vieles von dem, was in meinen Büchern gesehen wird, ist mir erst später klar geworden. Meine ersten Leserinnen und Leser sind heute Anfang 50 und erzählen mir, was meine Bücher für sie bedeutet haben, das freut mich sehr. Ich habe mich aber nie hingesetzt und gesagt, ich werde jetzt eine Botschaft bringen. Das würde bedeuten, von oben herab zu erklären, wie die Welt funktioniert. Ich wollte immer Bücher schreiben, die Menschen begeistern und die mich selbst begeistert hätten. Als Kind habe ich meine Lieblingsbücher immer mit ins Baumhaus genommen. Deshalb steht auf meinem Schreibtisch, schreibe Bücher für dein Baumhaus.

campus a college: Wie bekommen Sie nach all den Jahren immer noch neue Ideen für neue Bücher und wie sieht so ein Schreibprozess bei Ihnen aus?

Brezina: Ich bin unglaublich neugierig, habe überall Augen und Ohren und informiere mich über die unterschiedlichsten Dinge. Ideen schnappe ich manchmal im Freundeskreis, manchmal irgendwo anders auf, beim Lesen oder wenn ich etwas sehe. Oft kommen auch konkrete Auslöser von meinen Verlegern. So entstand zum Beispiel die Idee für einen Krimi über das Hotel Sacher, das sein 150-jähriges Jubiläum feierte. Ich fand die Geschichte von Anna Sacher spannend, die vor über 100 Jahren ein Hotel führte, obwohl man damals meinte, eine Frau könne das nicht. Solche Auslöser sind für mich wichtig. Sobald ich eine Grundidee habe, beginne ich zu recherchieren, überlege und lasse die Geschichte in mir wachsen.

„Ich habe ein Problem mit dem Begriff ‚Jugend von heute'"

campus a college: Wenn Sie Ihre eigene Jugend mit der Jugend von heute vergleichen, was war für Sie damals besser und was haben Jugendliche heute vielleicht besser? Und gibt es etwas, das Sie der heutigen Generation aus Ihrer Jugend mitgeben möchten?

Brezina: Ich habe ein Problem mit dem Begriff ,Jugend von heute'. Jede Zeit hat ihre guten, aber auch ihre schwierigen und herausfordernden Seiten. Zu meiner Jugend gab es vor allem Fernsehen und Radio: war das einfacher? Vielleicht. Gleichzeitig waren Themen wie Freundschaften, Streit, Cliquen und die Frage, wo man dazugehört, genauso präsent wie heute. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, und das finde ich großartig. Wichtig ist aber, die richtige Dosis zu finden, auch ich bleibe manchmal stundenlang beim Scrollen hängen. Entscheidend ist, bewusst auszuwählen, was einem gut tut und was man in sein Leben lässt.

„TikTok hat sehr viel ermöglicht"

campus a college: Sie sind ja aktiv auf Social Media. Sehen Sie Social Media eher als Konkurrenz zum Lesen oder vielleicht sogar als Möglichkeit, junge Menschen wieder mehr für Geschichten und Bücher zu begeistern?

Brezina: Eine der größten Buchbewegungen der letzten Zeit, New Adult, ist über TikTok gekommen. Es gibt mittlerweile eigene Regale mit BookTok-Büchern. TikTok hat also sehr viel ausgelöst und ermöglicht. Ich sehe Social Media und Bücher nicht als Konkurrenten, sondern als verschiedene Medien, auf die sich die Zeit verteilt. Entscheidend ist, wie viel Zeit jeder dafür verwenden möchte.

campus a college: Auf Instagram posten Sie unter dem Titel „Heute, ehrlich" täglich kleine Situationen aus Ihrem Leben. Was wollen Sie Ihren Followern damit zeigen?

Brezina: Ich will damit Momente im Leben zeigen, wo ich sage, das war überraschend, das hat gut getan, oder heute hatte ich eine schöne Begegnung. Mir ist es ein Anliegen, Dinge zu erzählen, wo ich selber gelernt habe, mit all dem, was uns jeden Tag um die Ohren fliegt, besser umzugehen. Manchmal sind das kleine Beispiele, manchmal sind es einfach lustige Momente.

campus a college: Ist das auch die Message, die Sie damit mitgeben wollen?

Brezina: Ich denke nicht so. Weil, das würde ja heißen, dass ich mich hinsetze und jetzt etwas konstruiere. Das tue ich nicht. Sondern, ich habe mir plötzlich gedacht, ich möchte eine Serie machen, jeden Tag etwas erzählen ganz egal ob im Urlaub oder beim Arbeiten. Wenn jemand darin etwas Hilfreiches, Nützliches sieht, dann freut mich das. Wenn jemand nur lacht, ist es genauso gut. Und wenn jemand sagt, interessiert mich nicht, lebe ich auch damit.

campus a college: Wenn Sie selbst heute noch einmal 17 Jahre alt wären, gäbe es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Brezina: Ich würde gerne meinen Körper haben, wie er mit 20 war, aber mit der Erfahrung, die ich heute habe. (lacht) Mit 17 kam mir das Leben oft bedrohlich, groß und unbekannt vor, und ich hatte viele Sorgen und Ängste. Wenn ich noch einmal 17 wäre, wäre ich froh, das nicht zu haben, aber wie sollte das ohne die Lebenserfahrung von heute funktionieren? Ich habe in meinem Leben vieles gemacht, das zu sehr schönen Ergebnissen geführt hat, aber auch einiges, das ich rückblickend als Quatsch bezeichnen würde. Das ist das Leben.

campus a college: Vielen Dank für das spannende Gespräch.






Kommentare