Bei meiner Tante ist es der Alkohol. Bei meinem Vater sind es die Zigaretten.
Und ich stehe irgendwo dazwischen und frage mich: Was, wenn wirklich alle sehen, dass ein Problem da ist – nur die Person selbst nicht?
Das Offensichtliche, das trotzdem niemand ausspricht
Das Komische an einer Sucht ist, dass sie nicht unbedingt geheim sein muss, damit sie unsichtbar bleibt.
Oft wissen es alle.
Familie. Freunde. Vielleicht sogar Menschen, die nur selten zu Besuch kommen. Bei meiner Tante ist es nicht nur ein gelegentliches Glas Alkohol. Sie trinkt jeden Tag. Besonders schwierig wird es für mich, wenn sie getrunken hat. Dann wird sie mir gegenüber teilweise richtig unangenehm und gemein. Vielleicht klingt das für andere nach einer Kleinigkeit. Für mich ist es das nicht.
Denn wenn ein Mensch, der eigentlich Familie und damit ein Teil des eigenen Lebens ist, plötzlich verletzende Dinge sagt oder sich anders verhält, bleibt das nicht einfach in diesem Moment. Die Worte bleiben im Kopf. Ich frage mich, warum das passiert. Ob sie es am nächsten Tag noch weiß. Ob sie selbst merkt, wie sehr sie andere damit trifft. Und irgendwann entsteht dieser Gedanke: Wie kann jemand jeden Tag trinken und trotzdem glauben, dass es kein Problem gibt?
Bei meinem Vater ist es anders. Bei ihm geht es um Zigaretten und darum, wie selbstverständlich sie für ihn geworden sind. Ich glaube nicht, dass er wirklich versteht, wie sehr er seiner Gesundheit damit schadet. Natürlich weiß er wahrscheinlich, dass Rauchen ungesund ist. Das weiß schließlich jeder. Aber zwischen „Rauchen ist ungesund“ und „Ich schade meinem eigenen Körper gerade jeden einzelnen Tag“ liegt ein gewaltiger Unterschied. Und genau dieser Unterschied macht mir Angst.
Ich bin nicht die Person mit der Sucht. Trotzdem betrifft sie mich.
Das ist der Teil, über den selten gesprochen wird. Wenn jemand aus der Familie ein Suchtproblem hat, betrifft es nicht nur diese Person. Es verändert auch die Menschen daneben.
Mich zum Beispiel. Ich kann nichts daran ändern, wie viel meine Tante trinkt. Ich kann meinem Vater nicht einfach die Zigarette aus der Hand nehmen und erwarten, dass damit alles vorbei ist.
Ich kann sie nicht retten.
Aber ich kann beobachten.
Und genau das ist manchmal das Schlimmste. Denn wenn ich etwas beobachte, kann ich nicht mehr so tun, als würde ich es nicht sehen. Ich sehe den Alkohol. Ich sehe die Zigaretten. Ich merke, wenn meine Tante nach dem Trinken anders mit mir umgeht. Ich sehe, wie selbstverständlich mein Vater weiterraucht. Und gleichzeitig kann ich nicht einfach entscheiden, dass sich das ab morgen ändern muss.
Wenn „Alles ist okay“ nicht mehr beruhigt
Vielleicht ist einer der schwierigsten Sätze überhaupt: „Es ist alles okay.“
Nicht, weil dieser Satz grundsätzlich falsch ist. Sondern weil er manchmal genau dann fällt, wenn eigentlich niemand mehr daran glaubt. Ich frage mich oft, ob meine Tante selbst merkt, wie sehr der Alkohol ihr Verhalten verändert. Ob sie merkt, dass sie mir gegenüber verletzend wird. Ob mein Vater wirklich darüber nachdenkt, was das Rauchen langfristig mit seinem Körper macht. Oder ob beides irgendwann so normal geworden ist, dass das Problem gar nicht mehr wie ein Problem aussieht.
Vielleicht ist genau das das Gefährliche an Sucht. Sie kann sich in den Alltag schleichen, bis etwas, das früher ungewöhnlich gewesen wäre, plötzlich völlig normal erscheint. Alkohol jeden Tag. Zigarette um Zigarette.
Und irgendwann fragt niemand mehr: „Warum?“
Das eigentlich Schwierige ist nicht der Alkohol oder die Zigarette
Eine Zigarette ist nur eine Zigarette.
Ein Glas Alkohol ist nur ein Glas Alkohol.
Zumindest könnte es so aussehen. Das Problem beginnt dort, wo aus einer Entscheidung etwas wird, auf das nicht mehr verzichtet werden kann. Wo eine Gewohnheit immer mehr Raum einnimmt. Wo nicht nur der eigene Körper, sondern auch Beziehungen darunter leiden.
Bei meiner Tante merke ich vor allem die Auswirkungen auf mich. Wenn sie getrunken hat und mir gegenüber gemein wird, kann ich nicht einfach vergessen, was passiert ist, nur weil am nächsten Tag wieder alles normal wirkt.
Bei meinem Vater ist es eher die Angst. Die Angst davor, dass er die gesundheitlichen Folgen irgendwann nicht mehr ignorieren kann. Und genau deshalb geht es für mich nicht einfach um Alkohol oder Zigaretten. Es geht um Menschen, die ich liebe.
Wo endet Fürsorge und wo beginnt Einmischung?
Das ist wahrscheinlich die Frage, die mich am meisten beschäftigt.
Ich möchte nicht über meine Tante oder meinen Vater bestimmen. Ich möchte ihnen auch nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Aber wie soll ich still bleiben, wenn mich etwas belastet? Wie soll ich so tun, als wäre alles normal, wenn es sich für mich nicht normal anfühlt?
Und vor allem: Wie hilft jemandem die Wahrheit, wenn die Person selbst sie noch nicht sehen will?
Ich kann meine Tante nicht dazu zwingen, ihren Alkoholkonsum als Problem zu erkennen.
Ich kann meinen Vater nicht dazu zwingen, mit dem Rauchen aufzuhören.
Ich kann keine Veränderung erzwingen. Aber ich kann sagen, was es mit mir macht. Ich kann sagen: „Das verletzt mich.“ Ich kann sagen: „Ich mache mir Sorgen um dich.“ Ich kann sagen: „Ich habe Angst, dass du dir selbst schadest.“ Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einem großen Knall. Vielleicht beginnt sie mit einem ehrlichen Satz.
Und was ist mit mir?
Bei all dem wird eine Person schnell vergessen: die Person, die danebensteht. Auch Angehörige dürfen überfordert sein. Auch Angehörige dürfen traurig, wütend, hilflos oder enttäuscht sein. Auch Angehörige dürfen sagen: „Das macht etwas mit mir.“
Ich habe lange gedacht, dass meine Gefühle weniger wichtig sind, weil es schließlich nicht meine Sucht ist. Aber das stimmt nicht. Wenn jemand jeden Tag trinkt und dadurch verletzend wird, spüren die Menschen in seiner Nähe das. Wenn jemand jeden Tag raucht, betrifft die Sorge um seine Gesundheit auch die Menschen, die ihn lieben. Ich kann nicht für sie entscheiden. Aber ich darf trotzdem Angst haben. Ich darf traurig sein. Und ich darf mir wünschen, dass sie irgendwann selbst sehen, was ich schon längst sehe.
Vielleicht ist das Schwerste daran, dass Liebe nicht immer reicht
Ich liebe meinen Vater. Ich liebe meine Tante. Und gerade deshalb tut es weh. Denn wenn ein Mensch, der einem wichtig ist, sich selbst schadet, entsteht ein Gefühl, das schwer zu erklären ist. Es ist gleichzeitig Sorge und Hilflosigkeit. Wut und Verständnis. Hoffnung und Angst. Ich wünsche mir nicht, dass jemand sich schuldig fühlt. Ich wünsche mir, dass jemand aufwacht.
Nicht im wörtlichen Sinn. Sondern in dem Sinn, dass irgendwann dieser eine Gedanke kommt: „Vielleicht ist das wirklich ein Problem.“
Denn vielleicht braucht es manchmal nicht jemanden, der sagt: „Du machst alles falsch.“ Vielleicht braucht es jemanden, der sagt:
„Ich sage dir das nicht, weil ich dich verurteilen will. Ich sage es, weil du mir wichtig bist.“
Wenn alle es sehen, bleibt trotzdem eine Frage
Was, wenn wirklich alle wissen, dass ein Problem existiert – außer der Person selbst?
Dann steht die Familie daneben. Sie beobachtet. Sie macht sich Sorgen. Sie schweigt vielleicht manchmal, um keinen Streit auszulösen. Und irgendwo dazwischen stehe ich, als Tochter und Nichte, und versuche zu verstehen, warum zwei Menschen, die mir wichtig sind, etwas nicht sehen können, das für mich selbst so offensichtlich geworden ist.
Ich kann die Augen meiner Tante nicht für sie öffnen. Ich kann meinem Vater nicht die Entscheidung abnehmen, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber ich kann meine eigenen Augen offen halten. Ich kann aussprechen, was mich belastet. Ich kann aufhören, meine Gefühle kleinzureden, nur weil das eigentliche Problem jemand anderem gehört.
Und vielleicht ist genau das der erste Schritt: nicht so zu tun, als wäre alles okay.
Sondern den Mut zu haben, zu sagen: „Ich sehe, was passiert. Und es tut weh, dabei zuzusehen.“
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