Im Mai 2025 löschen Tausende Menschen ihre Duolingo-App aus Protest, manche nach mehr als tausend Tagen ununterbrochenem Üben. Auf TikTok kursieren Videos von zerstörten Streaks, garniert mit Sprüchen wie „Jetzt bin ich cool genug, dich zu löschen“.
Der Auslöser: Firmenchef Luis von Ahn hatte intern verkündet, sein Unternehmen werde künftig „AI-first“ arbeiten, und externe Sprachkurs-Ersteller*innen sollten schrittweise durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Der Shitstorm ist so heftig, dass Duolingo vorübergehend sämtliche eigenen TikTok-Videos offline nimmt.
Wer daraus schließt, die Aktie sei damals eingebrochen, irrt. Sie klettert in den Monaten danach weiter und erreicht erst im November 2025 mit 353 Dollar ihr Rekordhoch. Der eigentliche Absturz kommt erst 2026, ausgelöst nicht von wütenden Nutzer*innen, sondern von nüchternen Quartalszahlen.
Elias Pell, 17, kennt das Gefühl, das damals so viele zum Löschen brachte, und ist trotzdem geblieben. „Ich hatte einmal über 200 Tage und wollte dann sogar noch eine Übung machen, obwohl ich schon ur müde war, einfach damit die Serie nicht weg ist“, erzählt er. Von der KI-Debatte hat er mitbekommen, aufgehört hat er trotzdem nicht: „Ich finde es schon komisch, wenn immer mehr mit KI gemacht wird, weil ich die App gerade deshalb mag, weil ich das Gefühl hab, selber ein bisschen was zu lernen.“
Der Boykott, der keiner war
Der Aufruhr im Mai 2025 wirkt aus heutiger Sicht wie ein Sturm im Wasserglas. Duolingo meldet für das zweite Quartal 2025 Rekordwerte bei den täglich aktiven Nutzerinnen und ein Umsatzwachstum von 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Empörung in den sozialen Netzwerken schlägt sich offenbar nicht eins zu eins in gelöschten Abos nieder. Anlegerinnen interessiert vor allem, ob das Unternehmen wächst und das tut es zunächst kräftig weiter.
Diese Lehre lohnt es sich zu merken: Ein Shitstorm in den sozialen Medien und ein fallender Aktienkurs sind zwei verschiedene Dinge. Erst wenn sich öffentlicher Unmut tatsächlich in schwächeren Geschäftszahlen niederschlägt, reagiert die Börse.
2026: Wenn die Wachstumsstory ins Wanken gerät
Anfang 2026 kippt die Stimmung, aber aus anderen Gründen. Das Management kündigt an, 2026 bewusst in Wachstum statt in kurzfristigen Gewinn zu investieren, etwa durch Werbung mit weniger Reibung und langsameres Monetarisieren. Anleger*innen lesen das als Warnsignal: Wenn ein Unternehmen selbst sagt, die Gewinnspanne werde sinken, wird die bisher extrem hohe Bewertung der Aktie plötzlich zum Risiko. Die Aktie fällt 2026 zeitweise auf ein Jahrestief von 87,89 Dollar, mehr als drei Viertel unter ihrem Novemberhoch.
Die Quartalszahlen zeichnen inzwischen ein gemischtes Bild. Im ersten Quartal 2026 wachsen die täglich aktiven Nutzer*innen noch um 21 Prozent, die Buchungen um 14 Prozent. Im zweiten Quartal beschleunigt sich das Nutzerwachstum sogar leicht auf 23 Prozent, doch die Buchungen legen nur noch um 8 Prozent zu, gebremst durch einen besonders starken Vorjahresvergleich. Mitte September 2026 notiert die Aktie bei rund 139 Dollar, gut 60 Prozent unter ihrem Rekordhoch.
Was das für Anlegerinnen bedeutet, zeigt ein Rechenbeispiel: Wer im November 2025 für 1.000 Euro Duolingo-Aktien zum Höchstkurs von 353 Dollar kauft, hält davon heute nur noch Papiere im Wert von rund 394 Euro – ein Buchverlust von über 600 Euro, ganz ohne einen einzigen Verkauf. Analystinnen sind inzwischen gespalten: Das durchschnittliche Kursziel liegt Anfang September mit etwa 134 Dollar sogar leicht unter dem damaligen Kurs, die Einstufung vieler Häuser lautet nüchtern „Halten“.
„Bei Wachstumsaktien wie Duolingo reagieren die Kurse oft stärker auf Erwartungen als bei etablierten Unternehmen. Anleger kaufen nicht nur die aktuelle Geschäftslage, sondern auch die Hoffnung, dass das Unternehmen in Zukunft noch deutlich wächst“, erklärt Stefan Zivkovic, 43, Finanzexperte bei AGO Holdings. „Deshalb kann der Kurs auch ohne eine große negative Nachricht kräftig fallen. Wenn viele Anleger gleichzeitig ihre Erwartungen nach unten korrigieren oder Gewinne mitnehmen, kann das eine starke Bewegung auslösen. Gerade bei Unternehmen, deren Bewertung stark auf zukünftiges Wachstum setzt, sind solche Schwankungen nicht ungewöhnlich.“
Eine App, die viele im Klassenzimmer kennen
Für campus-a-college-Leser*innen ist der Fall auch deshalb interessant, weil kaum eine Börsenstory näher am eigenen Handy liegt als diese. Die grüne Eule ist an vielen Schulen Alltag, ob für Französisch-Vokabeln oder aus Langeweile in der Straßenbahn. Wer volljährig ist und über ein Wertpapierdepot verfügt, kann die Aktie einer App kaufen, die er selbst täglich nutzt – ein direkterer Bezug zur Börse als bei den meisten Industriekonzernen im Depot der Eltern.
Ob sich die Wachstumsstrategie des Unternehmens auszahlt, bleibt offen. Fest steht bislang nur, dass der Protest gegen künstliche Intelligenz die Aktie nicht zu Fall gebracht hat, sondern eine ganz gewöhnliche Wachstumsverlangsamung.
Christian Geck, 18, bringt genau dieses Spannungsfeld auf den Punkt. „Ich hab meine Streak mittlerweile echt liebgewonnen, auch wenn ich weiß, dass sie eigentlich nur eine Zahl ist. Wenn ich nach einem langen Schultag noch schnell eine Übung mache, geht's mir manchmal gar nicht mehr ums Spanischlernen, sondern einfach darum, dass die 236 nicht weg ist“, sagt er. „Bei AI ist es für mich schon ein Unterschied. Wenn ich merke, dass eine Übung oder ein Beispiel einfach automatisch erstellt wurde, fühlt es sich ein bisschen weniger nach Lernen an. Ich will ja nicht nur irgendeine richtige Antwort anklicken, sondern am Ende wirklich das Gefühl haben, dass ich selber besser Spanisch kann. Trotzdem werde ich die App wahrscheinlich weiter benutzen. Solange ich das Gefühl habe, dass ich dabei wirklich etwas lerne und nicht nur meine Streak am Leben halte, passt es für mich.“
Kommentare