Ich kann die Bettlerin aus London nicht vergessen

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Volontär · BHAK Lienz
2 Kommentare
01.09.2026
3 Min.

Bei unserem Campingurlaub in London besuchten wir viele verschiedene Orte. Doch eine Begegnung auf dem Camden Market ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Eine Frau saß auf der Straße, vor sich einen Becher, und bat die vorbeigehenden Menschen um Geld. Was ich dabei beobachtete, hat mich überrascht und zum Nachdenken gebracht.

In London sind nach aktuellen Schätzungen rund 180.000 Menschen wohnungslos oder ohne feste eigene Unterkunft. (Foto: Pixabay)

Wir waren nun schon den vierten Tag in London unterwegs und hatten bei Weitem noch nicht alles gesehen. Vielleicht lag es auch an meinem Bruder, der in jedem der kleinen Souvenirshops nach dem perfekten Andenken suchte. Auf den Straßen herrschte viel Betrieb. Touristen liefen mit Kameras durch die Gegend, Autos fuhren vorbei und an jeder Ecke gab es etwas zu entdecken. Es war typisches englisches Wetter: Der Himmel war mit Wolken bedeckt und trotzdem war uns allen sehr heiß – von den vielen Kilometern, die wir an diesem Tag schon zurückgelegt hatten.

London ist eine riesige Stadt. Gleichzeitig leben hier viele Menschen ohne eigene Wohnung. Offiziellen Schätzungen zufolge wurden mehr als 13.000 Menschen beim Schlafen auf der Straße angetroffen. Gezählt werden dabei alle Personen, die im Laufe eines Jahres von Streetworkern auf der Straße gesehen wurden. Nicht jene, die gleichzeitig obdachlos sind. Die Zahl der Wohnungslosen insgesamt dürfte sogar bei rund 180.000 liegen.

Während wir durch den Camden Market im Nordwesten der Stadt schlenderten, bemerkte ich eine Frau, die auf dem Boden saß. Sie hatte eine Decke um sich gelegt und vor sich einen Becher stehen. Immer wieder sprach sie vorbeigehende Menschen an und bat sie um Geld. Einige gingen einfach weiter, andere blieben kurz stehen und gaben ihr etwas. Ich beobachtete die Frau eine Weile, weil mir ihre Situation auffiel.

Was versteckt sich unter der Decke?

Plötzlich sah ich, dass sie immer wieder unter ihre Decke schaute. Zunächst wusste ich nicht, was sie dort machte. Dann erkannte ich, dass sie ein Handy in der Hand hielt.

Während sie die Menschen weiterhin um Geld bat, schaute sie gleichzeitig auf ihr Smartphone. Danach versteckte sie es wieder unter der Decke und setzte ihr Betteln fort.

Es gibt für alles einen Grund

Diese Beobachtung überraschte mich. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie währenddessen ihr Handy benutzen würde. Auch meine Familie bemerkte es, und wir fragten uns, warum sie es so heimlich benutzte. Mein kleiner Bruder meinte zu mir: „Hey, wie ist das möglich, dass diese Bettlerin ein Handy hat?“ Sein Satz brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was ich eigentlich über diese Frau wusste. Eigentlich fast nichts. Ich wusste nicht, warum sie auf der Straße saß, wem das Telefon gehörte oder wie ihre persönliche Situation aussah.

Vielleicht gab es einen Grund für ihr Verhalten, den wir nicht erkennen konnten. Vielleicht wollte sie nur kurz etwas nachsehen oder mit jemandem Kontakt aufnehmen. Vielleicht aber gehörte sich auch zu einer kriminellen Vereinigung, einer Bettelbande, die manchmal nicht so arm ist wie es den Anschein hat.

Zuerst denken, dann urteilen

Die Begegnung dauerte nur wenige Minuten, aber ich musste noch länger darüber nachdenken. Ich fühlte mich auch ein wenig schlecht wegen meiner Vorurteile. Die Begegnung hat mir gezeigt, dass wir im Alltag manchmal Dinge beobachten, die auf den ersten Blick seltsam wirken.

Wir sollten deshalb nicht sofort über andere Menschen urteilen. Wir sehen oft nur einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben und kennen die ganze Geschichte dahinter nicht. Denn egal, warum sie bettelt: Es ist traurig, dass sie es tut oder tun muss.

Kommentare

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    vor 5 Tagen Tobias Urban
    Handy ist heutzutage halt echt kein Luxus mehr, sondern auch auf der Straße überlebenswichtig, um überhaupt irgendwie Kontakt zu halten oder Hilfe zu bekommen. Voll stark, wie ehrlich du deine eigenen Vorurteile reflektierst – man kennt die echte Geschichte der Leute eben meistens gar nicht.

    Mega cool geschrieben, hab das voll gern gelesen! ;)