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Bildung war ein Wort, das im Armenhaus nie ausgesprochen wurde

Wir hören es oft: Viele erfolgreiche Menschen waren in der Schule keine Überflieger. Albert Einstein, der als schwieriger Schüler galt, lebt als das Genie schlechthin in der Erinnerung Tausender weiter. Steve Jobs brach sein Studium ab, um Apple zu gründen und Richard Branson wurde auch ohne Highschool-Abschluss einer der reichsten Unternehmer der Welt. Die Botschaft ist klar: Schulnoten definieren nicht, was aus einem Menschen werden kann; also lass dich von ihnen nicht einschränken.

Dickens arbeitete sich bis in die Elite der klassischen Literatur hoch. (Foto: Shutterstock)

Diesmal möchte ich jedoch eine andere Seite des schulischen Misserfolgs beleuchten, von den Menschen erzählen, die ihre Ausbildung nicht freiwillig abbrechen, sondern weil das Leben ihnen keine andere Wahl lässt. Denn manchmal stehen Krankheit, Armut oder Schicksalsschläge im Weg. Ich will aufzeigen, dass auch dann nichts verloren ist, Aufgeben die einzige nicht mögliche Option ist.

Nicht jeder kann seine Schulausbildung ungestört durchlaufen. Manche, wie Agatha Christie, mussten wegen Krankheit auf Unterricht verzichten. Andere, wie Greta Thunberg, opferten bewusst Schulzeit, um sich für eine größere Sache einzusetzen. Doch egal, aus welchem Grund jemand scheitert oder pausieren muss, es bedeutet nie, dass der Bildungsweg vorbei ist.

Heute erzähle ich von einer Person, die diese Wahrheit für sich selbst gefunden hat und schon vor 200 Jahren Aktivismus für das Recht auf Bildung betrieb, ein Recht, das ihr verwehrt blieb.

Aktivismus für Recht auf Bildung

Die Rede ist von Charles Dickens. Jeder kennt ihn als den berühmten Autor von „Eine Weihnachtsgeschichte“ oder „Oliver Twist“. Doch nur wenige wissen, dass Dickens als Kind kaum zur Schule gehen konnte.

Denn Dickens wurde in ärmliche Verhältnisse geboren. Mit 12 Jahren musste er von der Schule abgehen, um den Unterhalt für die Familie zu verdienen. Für einen Hungerlohn arbeitete er mit anderen Kindern in einem Fertigungsbetrieb für Schuhpolitur. Dort klebte er Etiketten auf Schuhcreme-Dosen, Tag ein, Tag aus, unter schlechten Bedingungen.

Diese Erfahrungen mit Armut, Elend und Kinderarbeit prägten ihn tief und tauchen später in vielen seiner Bücher auf. Doch Dickens ließ sich von seinem schweren Start ins Leben nicht unterkriegen.

Charles kehrte wieder zurück in die Schule und arbeitete sich nach dem Abschluss bis zum Parlamentsstenografen (parlamentarischer Berichterstatter) hoch, bevor er beschloss, lieber Schriftsteller zu werden. Zunächst schrieb er für eine Zeitung Kurzgeschichten, später ganze Romane. Er nutzte seine Geschichten, um soziale Ungerechtigkeit anzuprangern und auf das Elend der Armen aufmerksam zu machen sowie um der untersten Gesellschaftsschicht Hoffnung einzuflößen.


David Copperfield, eine autobiografisch inspirierte Figur

No words can express the secret agony of my soul as I sunk into this companionship; compared these every-day associates with those of my happier childhood... and felt my hopes of growing up to be a learned and distinguished man crushed in my bosom”

David Copperfield, Kapitel XI („I Begin Life on My Own Account, and Don’t Like It“)

David Copperfield, die Hauptfigur in Dickens‘ Roman, musste in einer Weinmanufaktur schuften, Dickens in einer Schuhpoliturmanufaktur. Gespiegelt in seiner Figur David lässt Dickens seine Zeit in der Manufaktur Revue passieren. Das Kinderarbeiten empfand Dickens als tiefe Demütigung und beschreibt einen gewissen Verlust seiner Kindheit.

David Copperfield entdeckt nach Rückkehr zur Schule das Schreiben für sich und erstrebt eine literarische Karriere. Das ist auch Dickens’ eigene Wendung: Nach seiner Kindheitserniedrigung arbeitet er sich als Journalist und Kurzgeschichtenautor zu einem der wichtigsten Schriftsteller der 19. Jahrhunderts empor. David beschreibt das Schreiben als seine Form von Selbstheilung und Selbstbestimmung, genau wie Dickens später seine eigene Literatur betrachtet.

Harte Zeiten damals

Schule ist wichtig, ja, aber sie ist nicht die einzige Quelle von Bildung. Man lernt ein Leben lang. Doch wenn die Neugier erloschen und die Kreativität tot ist, fehlt ganz einfach das Warum. Warum muss man durchhalten, sich durch den Mathematikstoff quälen, den Zeichenblock in der anderen Ecke des Zimmers wieder aufheben? Warum, wenn das Motiv fehlt, die Motivation?

Oft liegt das Problem nicht in der Bildung selbst, sondern am System, das sie vermittelt. Ein Schulsystem, das Leistung über Leidenschaft stellt, erstickt den eigentlichen Sinn des Lernens im Keim. Oder ganz konkret, wie es Charles Dickens selbst schon vor 200 Jahren auf den Punkt brachte: “Now, what I want is, Facts. Teach these boys and girls nothing but Facts. Facts alone are wanted in life. Plant nothing else and root out everything else.” - Mr. Gradgrind (Hard Times - 1854)

Gleich die Eröffnung seines Romans „Hard Times“ ist eine Parodie auf den utilitaristischen Bildungswahn. Dickens kritisiert das System, mit dem er selbst aufgewachsen ist, einem Erziehungsstil, der Nützlichkeit über Menschlichkeit, Fakten über Kreativität stellt.

„A Last Retrospect“: das Schlusskapitel von David Copperfield

"Whatever I have tried to do in life, I have tried with all my heart to do well; whatever I have devoted myself to, I have devoted myself completely."

Wer heute Schwierigkeiten in der Schule hat, sollte wissen:

1 . Das sagt nichts über dein Potenzial aus, sondern zeigt nur auf, dass es nicht der optimale Weg für dich ist.
2. Wenn das Herz dabei ist, wird es gelingen, sonst versucht man es einfach noch einmal.
3. Am Ende wird es immer gelingen, wenn man Scheitern einfach nie als das Ende akzeptiert.




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