Am Montag bin ich noch 17. Dienstag bin ich 18. Dazwischen liegen ein paar Stunden und trotzdem soll sich etwas Grundlegendes verändern. Ich darf plötzlich Verträge unterschreiben, finanzielle Entscheidungen selbst treffen und für meine Entscheidungen geradestehen. Aber werde ich deshalb am Dienstagmorgen anders aufwachen? Wahrscheinlich nicht.
Um herauszufinden, ob sich das Erwachsenwerden tatsächlich so besonders anfühlt, habe ich meine große Cousine gefragt. Sie ist selbst erst im Juni 18 geworden. Ihre Antwort kam ziemlich trocken: „Es ändert sich gar nichts, außer dass man wieder ein Jahr älter ist."
Eigentlich hatte ich eine spannendere Antwort erwartet. Jahrelang wartet man auf die 18, und dann sagt jemand, der sie gerade selbst erlebt hat: Nichts passiert. Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen 18 sein und erwachsen sein.
Was darf ich selbst entscheiden?
Mit 18 wird aus „Das müssen meine Eltern entscheiden“ plötzlich „Das entscheidest du“. Klingt erst einmal nach Freiheit. Ich kann selbst Verträge abschließen und über viele Dinge eigenständig entscheiden. Auch der Weg nach der Schule liegt immer mehr in meiner Hand. Niemand nimmt mir diese Entscheidungen ab. Aber genau hier wird es kompliziert: Was mache ich mit dieser Freiheit?
Nehmen wir das Geld. Ich bekomme mein erstes richtiges Einkommen. Jetzt kann ich selbst entscheiden, ob ich mir davon ein neues Handy kaufe, jeden Monat etwas zur Seite lege oder am Ende des Monats vor meinem leeren Konto sitze und mich frage, wo das Geld geblieben ist.
Oder die Zeit nach der Schule. Studium? Ausbildung? Ein Jahr ins Ausland? Erst einmal arbeiten? Mit 18 erwartet niemand, dass ich all diese Möglichkeiten schon ausprobiert habe. Trotzdem soll ich plötzlich wissen, welche davon die richtige ist. Meine Cousine hat mir gezeigt, dass diese Fragen nicht verschwinden, nur weil eine Zahl auf dem Ausweis größer wird.
Fürs Erwachsenwerden gibt es keinen Stundenplan
In der Schule weiß ich meistens, woran ich bin. Montag Mathe, Dienstag Englisch, irgendwann die nächste Prüfung. Es gibt Termine, Fristen und Menschen, die mir sagen, was als Nächstes kommt. Beim Erwachsenwerden gibt es diesen Plan nicht. Keiner steht morgens vor meiner Tür und sagt: „Herzlichen Glückwunsch, heute bist du bereit für dein eigenes Leben.“
Stattdessen sitzt man vielleicht irgendwann am Küchentisch und schaut auf Bewerbungen, Studiengänge oder Wohnungsanzeigen. Man liest zehn verschiedene Möglichkeiten und denkt bei der elften: Keine Ahnung, was davon ich machen soll. Und vielleicht ist genau das normal.
Denn mit 18 muss ich nicht wissen, wo ich mit 30 leben werde. Ich muss nicht schon meinen perfekten Beruf gefunden haben oder wissen, ob ich später in einer Großstadt, auf dem Land oder irgendwo ganz anders wohnen möchte. Ich darf mich umentscheiden.
Ich darf feststellen, dass mein Plan nicht funktioniert. Ich darf etwas anfangen und später wieder aufhören. Vielleicht ist Erwachsenwerden deshalb weniger die Fähigkeit, immer die richtige Entscheidung zu treffen, sondern die Verantwortung dafür zu übernehmen, wenn man eine falsche getroffen hat.
Vielleicht ist 18 gar kein Neustart
Je näher mein Geburtstag kommt, desto weniger glaube ich daran, dass um Mitternacht plötzlich alles anders wird. Ich werde am Montagabend mit 17 ins Bett gehen und am Dienstag mit 18 aufstehen. Wahrscheinlich werde ich noch dieselben Leute mögen, über dieselben Dinge lachen und morgens genauso schwer aus dem Bett kommen. Nur auf dem Papier steht dann eine andere Zahl.
Und trotzdem bedeutet sie etwas. Nicht, weil ich über Nacht erwachsen werde, sondern weil mir ab jetzt mehr zugetraut wird und ich mir selbst mehr zutrauen muss. Vielleicht werde ich irgendwann wissen, wo ich hinmöchte. Vielleicht ändere ich meine Meinung auch fünfmal. Am Dienstag muss ich das noch nicht wissen.
Um Mitternacht werde ich 18 sein. Die Zahl auf meinem Ausweis wird sich ändern. Ich wahrscheinlich nicht. Zumindest nicht in einer einzigen Nacht.
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