himbeereis

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05.04.2026
2 Min.
ein letzter aufschrei versickert im künstlichen morgenrot. (Foto: Birmingham Museums Trust auf Unsplash.)

sie winselt und weint 
und bettelt und fleht 
nach gnade, mit kaltem schweiß
sie bibbert und hält
in linker hand
ein schmelzendes himbeereis

ihr tropft der wein von den lippen herab 
mit glänzender galle beschmiert
auf ihre porzellanhaut rinnt blut hinab
ihr purpurnes kleid zu zieren
die fensterläd’n schrei’n ihren namen
und lecken sich festlich die lippen 
neben der zunge im einmachglas 
liegt ein aschenbecher voll kippen

sprudelwasser quillt von den lidern 
hummer krabbeln hinter rippen hervor und mit lieblichen hoheliedern 
steigen sie ihren körper empor 
im hintergrund läuft leise wagner 
aus einem zerbrochenen salzstreuer 
und neben der kofferwage
lodert ein züngelndes, rotes feuer 

sie kann sich schon kaum mehr finden ihr hochmut zerquetscht ihr die daumen
und während sie sich leise windet
explodiert ihre decke aus daunen
aus dunklen gewitterwolken 
regnet es nieren und herzen von hunden 
und was auch immer sie werden sollte
erliegt ihren tödlichen wunden

ein strauß getrockneter nelken 
steht in der spülmaschine 
und im dunklen zimmer verwelkt
ein würfel gelatine 
ein zigarettenhalter zerbricht 
wenn der nachtwind ihn umwebt
und er rinnt auf ihr gesicht 
als hätte sie nie gelebt

mit blutiger hand gehalten
zitternd ergreift sie die fahne
und wirft sie unverhalten
auf das porträt ihrer ahnen
noch sind es rauchzeichen
die ihre existenz beweisen
doch bald wächst statt ihr eine eiche
und in ihrem hals steckt ein eisen 

sie wagt es nicht, sich zu rühren
sie weiß, rennen nützt ihr nichts
und um noch etwas zu spüren
schiebt sie sich das eis ins gesicht 
die tränen schmecken nach himbeer 
der hummer ist endlich tot
und ein letzter aufschrei versickert
im künstlichen morgenrot.


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