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Herr Stocker, der Schaden ist angerichtet!

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
13.08.2026
4 Min.

Bundeskanzler Christian Stocker sagte, Kinderbetreuung sei für ihn keine Arbeit. Einen Tag später entschuldigte er sich, doch die Aufregung hält an. Zu Recht. Was sagen Schüler dazu?

 

Bundeskanzler Christian Stockerlöste eine neue Debatte über die Bedeutung und die Strapazen der Kinderbetreuung aus. (Foto: APA-Images / APA / HANS KLAUS TECHT )

Herr Stocker, Sie wurden gefragt, wie Sie Frauen unterstützen wollen, wenn gleichzeitig viel unbezahlte Arbeit in Familien geleistet wird. Ihre Antwort sorgte für Aufregung: Sie würden Kinderbetreuung „nicht als Arbeit sehen“. Sie erklärten Familie später als etwas, das nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen sei.

Einen Tag später bezeichneten Sie Ihre Aussage selbst als falsch und entschuldigten sich. Kinderbetreuung sei Arbeit, stellten Sie nun klar.

Diese Entschuldigung war richtig. Aber der Schaden ist angerichtet.

Denn so einen Satz hätten Sie als Bundeskanzler niemals sagen dürfen. Er klingt nicht nur schlecht formuliert. Er wirkt ahnungslos gegenüber dem Alltag vieler Familien und zeigt, welches Bild von Arbeit hinter Ihrer ursprünglichen Aussage steckt. Kinder wecken, Frühstück machen, Wäsche waschen, Hausübungen kontrollieren, zum Arzt fahren, Streit schlichten, Termine organisieren und nachts aufstehen, wenn ein Kind krank ist. Wenn all das keine Arbeit ist, Herr Stocker, was dann?

Sie haben Ihre ursprüngliche Aussage später damit erklärt, Familie sei kein Unternehmen und kein Job. Der Lohn sei nicht in Geld zu messen, sondern in Vertrauen, Zusammenhalt und gemeinsamen Momenten. Natürlich ist eine Familie kein Unternehmen. Niemand stellt seinen Kindern am Ende des Monats eine Rechnung aus.

Aber Arbeit hört nicht auf, Arbeit zu sein, nur weil wir sie für Menschen machen, die wir lieben.

Johannes hat diese Arbeit lange nicht gesehen

Johannes ist 17. Wenn er an seine Kindheit zurückdenkt, beschreibt er sie als schön und ziemlich normal. Seine Eltern waren beide für ihn da. Erst heute merkt er, wie unterschiedlich die alltäglichen Aufgaben verteilt waren.

Wer schaute morgens meistens, ob er rechtzeitig für die Schule fertig wurde? Seine Mutter. Wer lernte häufiger mit ihm und half bei Hausübungen? Eher seine Mutter. Wer ging mit ihm zum Arzt und blieb bei ihm, wenn er krank war? Wieder seine Mutter. Auch beim Kochen, Waschen und Aufräumen erinnert sich Johannes daran, dass sie mehr übernommen hat.

Sein Vater war ebenfalls da. Er machte mit Johannes Sport, unternahm Ausflüge und verbrachte am Wochenende Zeit mit ihm. Fahrten zu Freunden, Sport und anderen Terminen teilten sich seine Eltern relativ gut auf. Trotzdem kommt Johannes heute zu einem klaren Ergebnis.

„Wenn ich heute darüber nachdenke, wahrscheinlich meine Mutter“, sagt er auf die Frage, wer wegen der Kinder mehr Arbeit hatte. Die Verteilung würde er rückblickend ungefähr auf 70 zu 30 schätzen.

Als Kind hat er davon kaum etwas bemerkt. „Für mich war das einfach normal. Das Essen war da, die Wäsche war gemacht und irgendwie ist man überall hingekommen. Darüber denkt man als Kind nicht wirklich nach.“

Herr Stocker, vielleicht ist genau das das Problem mit Kinderbetreuung: Wenn sie funktioniert, sehen wir sie kaum.

Was hinter einem normalen Tag steckt

Maria ist 60 und Mutter. Auf Ihre ursprüngliche Aussage reagiert sie wesentlich schärfer. Kinderbetreuung sei „sehr wohl Arbeit“. So könne ihrer Ansicht nach nur ein Mann denken, der selbst eher ein „Freizeitvater“ gewesen sei.

Sie erinnert sich an Tage, die um sechs Uhr morgens begannen und erst gegen 22.30 Uhr endeten. Wenn ein Kind krank war oder nachts nicht schlafen konnte, gab es nicht einmal diese klare Grenze. Dann ging es auch nachts weiter.

Haushalt, Lernen, Waschen, Zähneputzen, Kinder zu Freunden bringen, deren Freunde zu Hause bewirten, Arztbesuche und Streit zwischen Geschwistern schlichten: All das zählt Maria auf, wenn ich sie frage, was Kinderbetreuung für sie bedeutete. Bei kleinen Kindern schätzt sie den zeitlichen Aufwand besonders hoch ein.

Ihre persönliche Erfahrung passt zu einem größeren Muster. Die Zeitverwendungserhebung von Statistik Austria zeigt, dass Frauen in verschiedengeschlechtlichen Paarhaushalten weiterhin deutlich mehr Kinderbetreuung übernehmen als Männer. Es geht also nicht nur um eine einzelne Familie oder darum, wer subjektiv das Gefühl hat, mehr zu machen.

Auch der Vater sieht die ungleiche Verteilung

Werner ist 62 und Vater. Ihre Aussage, Herr Stocker, nennt er „sehr missverständlich, schlecht formuliert“. Auch für ihn ist klar: Kinderbetreuung ist Arbeit.

Er selbst lernte mit den Kindern, lief ihnen wegen verschiedenster Dinge nach, spielte mit ihnen, redete mit ihnen und machte Sport. Trotzdem schätzt er seinen eigenen Anteil rückblickend nur auf ungefähr 30 Prozent. Auf die Frage, wer insgesamt mehr übernommen habe, antwortet auch er: die Mutter.

Damit erzählen Johannes, Maria und Werner aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln im Grunde dieselbe Geschichte. Der Sohn bemerkte als Kind kaum, wie viel im Hintergrund erledigt wurde. Die Mutter erinnert sich an lange Tage voller kleiner Aufgaben. Und selbst der Vater sagt rückblickend, dass der größere Teil nicht bei ihm lag.

Liebe und Arbeit schließen sich nicht aus

Herr Stocker, in einem Punkt haben Sie recht: Familie sollte kein Rechenbeispiel sein. Eltern bekommen Kinder nicht, um später auszurechnen, wie viele Stunden sie investiert und was sie dafür verdient haben.

Nur folgt daraus nicht, dass Kinderbetreuung keine Arbeit ist.

Wir können jemanden lieben und trotzdem wegen ihm nachts um drei Uhr aufstehen müssen. Wir können gerne mit unseren Kindern lernen und danach erschöpft sein. Wir können freiwillig kochen, waschen, fahren, organisieren und trösten und trotzdem anerkennen, wie viel Zeit all das kostet.

Gerade wir Kinder merken vieles davon lange nicht. Johannes bringt es vielleicht am besten auf den Punkt: Essen war da, Wäsche war gemacht und irgendwie kam er überall hin. Erst mit 17 sieht er, wie viel Arbeit hinter diesem „irgendwie“ steckte.

Herr Stocker, Sie haben Ihren Satz zurückgenommen. Das war notwendig. Ungesagt wird er dadurch trotzdem nicht.

Johannes war ein Kind. Er durfte diese Arbeit übersehen.

Herr Stocker, Sie sind Bundeskanzler. Sie hätten sie sehen müssen.





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