Gisele Pelicot. Ein Fall, der im vergangenen Jahr um die Welt ging. Eine der schockierendsten Vergewaltigungstaten seit Langem. Der Täter? Ein Familienvater und Ehemann, von dem es keiner erwartet hätte. Gerade dieses unerwartete Täterprofil legt offen, wie sehr mediale Narrative unsere Vorstellung von Tätern prägen und damit auch den gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt und Femiziden beeinflussen.
Dieser Fall ist keine Ausnahme. Allein im vergangenen Jahr erfassten die Behörden 1.355 Vergewaltigungen in Österreich, die Dunkelziffer ist dabei schwer abzuschätzen. Doch nicht nur die Zahl der sexuellen Übergriffe ist erschreckend hoch.
Gewalttaten und Berichterstattung
2020 wurden in Österreich 23 Frauen getötet. Nicht wegen eines bestimmten Motivs wie Habgier bei einem Raubüberfall. Einzig und allein, weil sie Frauen waren. Die Studienlage zeigt eindeutig, Frauen müssen weder am meisten vor der unbekannten Person in der Straßenbahn noch vor dem Mann auf dem unbeleuchteten Weg Angst haben. Frauen müssen vor den Männern Angst haben, die sie am besten zu kennen glauben. Vor ihren Verwandten, ihrem Ex-Mann, ihrem Ehemann.
Zwar spricht die Gesellschaft in den letzten Jahren sehr viel mehr über dieses Thema, jedoch halten sich Vorurteile und Tabus, die die Betroffenen belasten und auch die Taten verharmlosen. Fragen wie „Was hattest du denn an?“, „Hast du ihn provoziert?“ und der Umgang der Medien mit diesem Thema spielen die Taten herunter und schieben die Schuld den Frauen zu.
Diese bewusste oder unbewusste Verharmlosung der Fälle prägt den Blick der Gesellschaft auf das Thema Gewalt gegen Frauen. Das Problem dabei? Medien haben durch ihre Berichterstattung einen Einfluss darauf, wie die Gesellschaft Themen aufarbeitet und bewertet.
Erfolgt diese Berichterstattung nun einseitig oder ist sie geprägt von sexistischen und patriarchalen Mustern, betrachten auch Leser*innen die berichteten Taten als harmloser, als sie eigentlich sind. Zu demselben Ergebnis kommt auch eine Studie des Frauennotrufs München aus dem Jahr 2021.
Ebenfalls ein relevanter Punkt ist die Unterrepräsentation in den Medien von bestimmten Formen von Gewalt oder Betroffenengruppen. Berichten Zeitungen immer nur von einer Betroffenengruppe, nehmen Leser*innen Frauen weniger ernst, die nicht in dieses Schema passen, wie ältere Frauen oder Frauen mit Beeinträchtigung.
Gleiches gilt für die Täter. Berichten Medien beispielsweise immer nur von Migranten als Täter, besteht die Gefahr, Verdächtige mit österreichischem Hintergrund vorschnell als unschuldig abzutun. Eine Analyse des Mediendienst Integration zeigt, deutsche Leitmedien berichten deutlich überrepräsentiert über Gewalttaten von Personen „ausländischer Herkunft“, verglichen mit ihrem Anteil an tatsächlichen Straftaten in der polizeilichen Kriminalstatistik.
Doch wie lässt sich dieses Problem lösen?
Gesetzesänderungen wie Nur Ja heißt Ja oder die Einführung von Femiziden als eigenständigen Straftatbestand können zu einer Sensibilisierung in der Gesellschaft führen. Außerdem sollten Journalist*innen den Leitfaden für sensible Berichterstattung, wie den der Frauenabteilung der Stadt Wien, befolgen.
Auch Männer können einen wesentlichen Beitrag leisten. Verpflichtende Workshops oder Schulungen bei bereits vorbestraften Männern können ihnen helfen, mit Aggressivität umgehen zu
lernen und Wut richtig zu kommunizieren. Allgemein sollten auch junge Burschen von klein auf lernen, Emotionen und Aggressivität auf andere Art als mit Gewalt auszudrücken.
Mit den richtigen, sensiblen Zugängen zu dieser Thematik kann sich viel verändern. Vielleicht müssen Frauen in Zukunft keine Angst mehr vor ihren Freunden und Partnern haben. Vielleicht müssen sie keine Angst mehr haben, alleine im Dunkeln nach Hause zu gehen. Und vielleicht müssen wir alle das Wort Femizid bald nicht mehr verwenden.
Kommentare
Bin stolz auf dich mein Schatz
:)