Früher wusste ich mehr über ihr Leben als über meines.
Wir saßen jeden Tag nebeneinander.
Nicht aus Zwang. Sondern weil es einfach logisch war. Wie Zahnpasta auf der Zahnbürste. Wie Kopfhörer im Schulbus. Wie wir zwei.
Wir haben im Unterricht Nachrichten geschrieben, obwohl wir nebeneinander saßen.
„Hast du gelernt?“
„Nein. Du?“
„Auch nicht. Sterben wir zusammen?“
Wir kannten unsere Cringe-Phasen, unsere hässlichsten Selfies und unsere schlimmsten Familiengeschichten. Wir haben auf dem Schulklo geweint, über Typen gelacht, die unseren Namen nicht mal richtig schreiben konnten, und Pläne gemacht wie:
„Wenn wir 30 sind, wohnen wir nebeneinander.“
„Unsere Kinder werden beste Freunde.“
„Egal was passiert, wir bleiben so.“
Spoiler: Sind wir nicht.
Nicht, weil etwas passiert ist.
Sondern weil irgendwann… nichts mehr passiert ist.
Nach der Schule war erst noch alles wie ein verlängertes Wochenende.
„Wir müssen uns SO bald treffen!!“
„Fix nächste Woche!“
„Ich meld mich!!“
Aus nächster Woche wurde nächsten Monat.
Aus nächstem Monat wurde: „Boah, die Zeit vergeht so schnell.“
Man musste erst in seinem Terminkalender nachschauen, ob man am Donnerstag in drei Monaten um 10:00 nicht doch schon etwas vorhat.
Und irgendwann bestand unsere Freundschaft aus:
Likes auf Insta-Stories
„Alles Gute zum Geburtstag!! Hoffe dir geht’s gut“
Wir haben uns nicht gestritten.
Wir haben uns nicht angeschrien.
Wir haben uns einfach… verloren. Leise. Ohne Drama. Wie ein Lied, das langsam ausgeblendet wird.
Manchmal scrolle ich ganz runter in unseren Chat. Zu den Nachrichten von vor drei, vier Jahren.
Sprachnachrichten über Typen, die wir heute nicht mal mehr erkennen würden.
Fotos von Schulpausen-Snacks.
„ICH HASSE MATHE, ICH WILL HEIM.“
Und ich sitze da und denke:
Wie kann jemand mal dein Zuhause gewesen sein
und jetzt nur noch ein Kontakt in deiner Liste?
Das letzte Mal habe ich sie beim Klassentreffen gesehen.
Es war komisch und vertraut gleichzeitig. Wir haben uns umarmt wie früher – nur kürzer. Wir haben gelacht. Alte Insider ausgepackt wie verstaubte Deko aus dem Keller.
„Weißt du noch, wie wir…?“
„Oh mein Gott, JAAA!“
Für ein paar Stunden waren wir wieder wir.
Nicht die Versionen mit neuen Freunden, neuen Städten, neuen Leben.
Sondern einfach zwei Mädchen aus der dritten Klasse, die keinen Plan vom Leben hatten – aber einander.
Beim Heimgehen hat sie gesagt:
„Wir dürfen uns echt nicht wieder so aus den Augen verlieren.“
Ich habe genickt. Gelächelt.
„Ja, fix.“
Und doch wussten wir beide, dass aus Wochen wieder Monate werden würden und wir uns bis zum nächsten Klassentreffen eh nicht begegnen würden.
Und trotzdem war’s schön.
Manche Freundschaften sind nicht für immer.
Sondern für eine bestimmte Zeit.
Für genau die Jahre, in denen man sie am meisten gebraucht hat.
Auch wenn wir uns heute nur noch beim Klassentreffen sehen –
sie war ein Kapitel in meinem Leben, das ich nie überblättern würde.
Manche Menschen bleiben nicht.
Aber was sie mit dir waren, bleibt für immer.
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