Eine Helmkamera läuft mit: Auf rund 3.000 Metern, auf einem schmalen und ausgesetzten Steig, schiebt sich ein Bergführer mit seiner Gruppe an einem Paar vorbei. Einer der beiden spricht ihn auf das Manöver an. Kurz darauf wird der Bergführer handgreiflich. "Halt dein Maul. Ich bin Bergführer", ist auf dem Video zu hören.
Die Aufnahme landet auf Instagram und geht durch die Decke. Bis Ende August sammelte das Video mehr als 770.000 Aufrufe. In der Alpin-Community sorgt es für Wirbel.
Was am 22. August passierte
Der Vorfall ereignete sich am Mürztalersteig, auf dem Weg zur Erzherzog-Johann-Hütte. Die Hütte liegt auf 3.454 Metern und ist die höchstgelegene Schutzhütte der Ostalpen. Fast alle, die hier heraufsteigen, wollen weiter zum Gipfel des Großglockners auf 3.798 Meter.
Der Bergführer war privat unterwegs, vermittelt über das Bergführerbüro in Kals. Das polnische Paar filmte die Szene selbst.
Die Polizei Matrei in Osttirol ermittelt wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit, bestätigte der stellvertretende Postenkommandant Anton Raffler gegenüber dem ORF. Der Bergführerverein Kals sprach von inakzeptablem Verhalten und beendete die Zusammenarbeit mit dem Mann, der aus Salzburg stammen soll.
Überholen gehört dazu – bis es kippt
Auf beliebten Gipfeln überholen schnellere Seilschaften langsamere. Das ist Alltag am Berg. Wolfgang Russegger-Holzer vom Verband der Salzburger Bergführer sagte gegenüber SALZBURG24, Überholen sei gängige Praxis. Auf stark frequentierten Bergen komme es dabei leider manchmal zu Reibereien. Ein unmittelbares Sicherheitsrisiko habe er im Video zwar nicht erkannt. Die körperliche Attacke aber nennt er absolut inakzeptabel und schlecht für den ganzen Berufsstand.
Auch der österreichische Verband der Berg- und Skiführer distanzierte sich klar vom Auftreten des Bergführers. Disziplinarrechtliche Maßnahmen prüft der Verband derzeit.
Der Berg, den alle wollen
Der Großglockner steht auf vielen Bucket-Lists. "Einmal im Leben auf den Glockner" - diesen Satz kennen viele in Bergsteigerkreisen.
Und immer mehr Menschen zieht es hinauf. Der Österreichische Alpenverein zählte Ende 2025 748.046 Mitglieder, ein neuer Höchststand. Allein 2025 kamen 21.762 dazu. Fast ein Drittel davon gehört der Alpenvereinsjugend an. Das sind fast so viele Mitglieder, wie im ganzen Bundesland Tirol Menschen leben.
Auch bei uns Jungen wächst die Lust auf Berg und Kletterhalle. Wer die Halle kennt, spürt schnell den Reiz, das echte Gelände auszuprobieren. Und der Glockner ist der große Traum.
Der Andrang hat Folgen. An guten Tagen kommen am Glockner an die 300 Besteigungen zusammen. An einzelnen Nadelöhren staut es sich dann, vor allem an den Wochenenden. Die Tiroler Bergrettung meldete für 2025 einen Rekord an Einsätzen.
Paul Steiner, 18, kennt diese Situation aus eigener Erfahrung. Der Wiener Schüler war heuer im Sommer auf Hochtour und bekam die vollen Steige selbst zu spüren. "Es waren schon deutlich mehr Leute unterwegs, als ich erwartet hätte. An den schwierigeren Stellen hat sich das teilweise ziemlich gestaut", erzählt er im Gespräch mit campus & college. "Wirklich Streit hab ich keinen mitbekommen, aber man merkt schon, dass manche ziemlich genervt sind, wenn es nicht weitergeht."
Was am schmalen Steig zählt
Auf dem Weg zum Gipfel geht es über einen Grat mit Eisenstangen und Stahlseil. Der Fels fällt links und rechts steil ab. Auf so einer Passage wird aus Enge schnell Druck.
Wer früh startet, weicht dem größten Gedränge aus. Bergführer raten außerdem, die Tour unter der Woche zu planen. Dann ist weniger los.
Beim Überholen hilft Rücksicht: an einer sicheren Stelle warten, sich kurz absprechen, der aufsteigenden Gruppe Vorrang lassen. An einem Sommertag treffen hier Profis, gut vorbereitete Amateure und Leute ohne echte Hochtouren-Erfahrung aufeinander. Ein kühler Kopf bringt oben mehr als ein lautes Wort.
Oft geht es um Kleinigkeiten. "Teilweise stehen Leute einfach mitten im Weg, weil sie Fotos machen wollen", sagt Paul Steiner. "Und wenn hinter dir zehn Leute warten, ist das halt nicht unbedingt der beste Platz dafür."
Markus Gruber ist Hüttenwirt und selbst Berg- und Skiführer. Für ihn steckt dahinter selten böser Wille. "Das Hauptproblem ist meistens gar nicht, dass die Leute absichtlich rücksichtslos sind. Viele wissen einfach nicht, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollen", sagt er im Gespräch mit campus & college.
Sein Rat bleibt einfach: "Am Berg braucht es eigentlich nicht viel: vorausschauend gehen, an geeigneten Stellen ausweichen und andere nicht unnötig behindern. Und man sollte seine eigene Erfahrung realistisch einschätzen. Nur weil man ein paarmal wandern war, heißt das noch nicht, dass jede Hochtour problemlos machbar ist."
"Risikosport" ohne Ausbildung
Der Bergsport-Boom bringt neue Verantwortung. Je mehr Menschen in die Berge wollen, desto größer wird der Druck auf die Natur und auf die engen Stellen am Fels.
Alpenvereinspräsident Wolfgang Schnabl fasste die Kehrseite des Booms in einer Aussendung so zusammen: "Ohne fundierte Ausbildung wird Bergsport umso mehr zum Risikosport."
Für Paul Steiner bleibt vor allem der Clip hängen. "Das Video fand ich schon heftig", sagt er.
Und er richtet einen Wunsch an die eigene Generation: "Grundsätzlich find ich's ja super, wenn mehr junge Leute wandern gehen - aber ein bisschen Rücksicht gehört halt dazu."
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