„Hallo Mama, das ist meine neue Nummer.“ Als so eine SMS auf meinem Handy auftaucht, muss ich lachen. Ich bin 18, männlich und habe keine Kinder. Bei mir ist die Masche damit ziemlich schlecht gelandet.
Die Watchlist Internet bezeichnet solche Nachrichten trotzdem als Phishing-Klassiker. Kriminelle verschicken sie in großer Zahl und hoffen, jemanden zu erwischen, bei dem „Hallo Mama“ tatsächlich Sinn ergibt. Danach folgt meist eine Geschichte über ein kaputtes Handy und irgendwann die Bitte um eine Überweisung.
63.459 Fälle in einem Jahr
Wie groß das Problem inzwischen ist, zeigt der neue Cyber Crime Report 2025 des österreichischen Bundeskriminalamts. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 63.459 Internetdelikte angezeigt, ein Plus von 1,8 Prozent gegenüber 2024. Bei Cybercrime im engeren Sinn, also Straftaten gegen Computer und andere IT-Systeme, stiegen die Anzeigen sogar um 8,6 Prozent auf 21.988 Fälle. Internetbetrug ging hingegen leicht zurück und kam auf 31.001 Anzeigen.
Hinter diesen Zahlen steckt also kein einzelnes Phänomen. Cybercrime kann ein Angriff auf ein Computersystem sein, ein gestohlener Account oder eine betrügerische Nachricht auf unserem Handy. Bundeskriminalamtsdirektor Andreas Holzer formuliert es so: „Die fortschreitende Digitalisierung verändert auch die Erscheinungsformen der Kriminalität.“
Post, Finanzamt, Bank und plötzlich Snapchat
Die meisten Betrugsversuche, die bei mir landen, wirken viel banaler. Ich habe Nachrichten von einer angeblichen Post, meiner vermeintlichen Bank oder dem Finanzamt bekommen. Auf Instagram tauchen manchmal dubiose Jobangebote auf. Auch bei meinem Snapchat-Account gab es bereits einen Versuch, Zugriff zu bekommen. Mehrere Freunde von mir hatten Probleme mit gehackten Instagram-Accounts.
Bei verdächtigen E-Mails schaue ich deshalb genauer hin und lasse Links prüfen. Wenn eine Nachricht unglaubwürdig wirkt, blockiere ich den Absender und lösche sie. Bisher waren viele Betrugsversuche ziemlich schlecht gemacht. Falsche Schreibweisen, komische Sätze oder eine seltsame Internetadresse haben sie oft verraten.
Die Watchlist Internet beobachtete 2025 allerdings einen starken Anstieg von Phishing-Attacken. Besonders häufig tauchten gefälschte Paketnachrichten, angebliche FinanzOnline-Meldungen und falsche Rückerstattungen auf. Gestohlene Daten können später für weitere Betrugsversuche verwendet werden.
Rechtschreibfehler werden als Warnsignal schwächer
Ausgerechnet mein bisher zuverlässigstes Warnsignal könnte künftig schlechter funktionieren. Das Bundeskriminalamt berichtet im neuen Cyber Crime Report auch vom Einsatz künstlicher Intelligenz. Kriminelle verwenden KI unter anderem für betrügerische Deepfakes sowie zur Automatisierung und Professionalisierung komplexer Betrugsmodelle. Phishing per E-Mail und SMS blieb 2025 eine häufig verwendete Methode.
Schon bei einer österreichischen Phishing-Kampagne 2025 warnten Bundeskriminalamt, Banken, Post, A1 und Watchlist Internet vor dieser Entwicklung. KI kann Texte sauberer formulieren, Fake-Webseiten glaubwürdiger wirken lassen und klassische Hinweise wie schlechte Sprache verschwinden lassen. Eine Nachricht voller Rechtschreibfehler bleibt verdächtig. Eine perfekte Nachricht ist deshalb noch lange kein Beweis für Echtheit.
Sind wir Jungen wirklich schwerer zu betrügen?
Ich hätte zuerst gesagt: Jugendliche erkennen Online-Betrug leichter, weil wir mit Instagram, Snapchat und Online-Banking aufgewachsen sind. Ältere Menschen kennen manche neuen Maschen vielleicht weniger gut.
Eine aktuelle EU-Auswertung der Agentur für Grundrechte FRA macht das Bild komplizierter. In ihrer Erhebung waren 25- bis 39-Jährige mit 30 Prozent sogar die Altersgruppe, die am häufigsten Erfahrungen mit Online-Betrug meldete. Bei Menschen ab 55 waren es 19 Prozent. Ein Teil des Unterschieds hängt damit zusammen, wie intensiv verschiedene Altersgruppen E-Mail und Messenger verwenden. Unter den Menschen, die diese Dienste tatsächlich nutzen, rücken die Werte näher zusammen. FRA EU
Jung und internetaffin zu sein ist also kein Schutzschild. Wir begegnen Betrugsversuchen auch an vielen Orten gleichzeitig: in E-Mails, auf Instagram, Snapchat, beim Shopping oder über Messenger. Saferinternet.at behandelt Internetbetrug deshalb inzwischen bereits ab der Sekundarstufe und nennt Phishing, Fake-Shops und Identitätsdiebstahl als typische Risiken im Alltag Jugendlicher.
Wenn die Stimme meiner Eltern plötzlich echt klingt
Noch heikler wird es bei KI-generierten Stimmen. Betrüger können mithilfe von Voice Cloning versuchen, vertraute Personen nachzuahmen. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit warnte bereits vor Betrugsversuchen mit künstlich erzeugten Stimmen von Familienmitgliedern oder Freunden.
Wenn mich eine unbekannte Nummer mit der Stimme eines Freundes oder meiner Eltern anrufen und Geld verlangen würde, wäre die Stimme für mich trotzdem kein ausreichender Beweis. Besonders eine neue IBAN würde mich misstrauisch machen. Ich würde die Person über die Nummer kontaktieren, die ich bereits gespeichert habe, bevor auch nur ein Euro überwiesen wird. Genau dieses Überprüfen wird wichtiger, je überzeugender KI wird.
Ein zweiter Kanal kann reichen
Das Bundeskriminalamt empfiehlt unter anderem unterschiedliche Passwörter, Zwei-Faktor-Authentifizierung und besondere Vorsicht bei unerwarteten Links oder Zahlungsaufforderungen. Bei Nachrichten von Banken, Paketdiensten oder Behörden ist der sicherste Weg oft simpel: die bekannte App oder Webseite selbst öffnen, anstatt den Link aus der Nachricht zu verwenden.
Dasselbe gilt bei gehackten Social-Media-Konten. Schickt ein Freund plötzlich einen Link, verlangt einen Code oder bittet um Geld, können wir ihn über einen anderen Kanal kontaktieren. Aus einer Instagram-Nachricht werden dann zwei Minuten Nachfragen. Im besten Fall war es wirklich der Freund. Im schlechteren Fall haben wir gerade verhindert, selbst zum nächsten Account in der Kette zu werden.
Meine „Hallo Mama“-SMS habe ich gelöscht. Bei mir landete sie beim Falschen.
Die Masche braucht keine perfekte Nachricht. Sie braucht nur den einen Menschen, bei dem „Hallo Mama“ im richtigen Moment glaubwürdig klingt.
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