Ich sitze mit Freunden beim Essen, erst gestern. Wir reden, lachen und haben eigentlich gerade eine gute Zeit. Dann greift plötzlich jemand zum Handy. Ein Foto vom Essen. Noch eines von uns. Kurz wird diskutiert, ob alle gut aussehen. Jemand hat geblinzelt, also noch einmal. Und obwohl das Ganze vielleicht nur zwei Minuten dauert, habe ich danach manchmal das Gefühl: Irgendwie war der Moment gerade anders.
Ich selbst bin in den sozialen Medien relativ inaktiv. Vielleicht fällt mir deshalb besonders auf, wie oft andere ihr Leben dokumentieren. Instagram-Story vom Essen, Foto vom Treffen, Video aus dem Urlaub. Kaum passiert etwas Schönes, wird das Handy gezückt.
Ein schöner Moment? Foto.
Ein Essen? Foto.
Urlaub? Natürlich wird erst einmal alles dokumentiert.
Ich mache vielleicht drei Mal im Jahr Fotos, wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Und auch dann merke ich manchmal, wie sich die Stimmung verändert. Vorher waren wir einfach unter uns. Plötzlich gibt es eine kleine Mission: der richtige Winkel muss gefunden werden, jemand hat geblinzelt, im Hintergrund steht noch jemand. Also noch einmal.
Eigentlich dauert das nicht lange. Trotzdem frage ich mich dann: Warum genießen wir den Moment nicht einfach?
„Das muss ich sofort posten!“
Noch weniger verstehe ich, wenn Menschen ihre Erlebnisse direkt in Echtzeit posten. Man sitzt gerade in einem Restaurant und plötzlich wissen andere, wo man gerade isst. Man liegt im Hotel und postet den Ausblick. Man ist im Urlaub und lädt sofort ein Foto vom Strand hoch.
Warum eigentlich sofort?
Die Fotos könnte man doch genauso gut am Abend posten, wenn man wieder im Hotel ist. Oder am nächsten Tag. Oder sogar erst, wenn man wieder zu Hause ist. Dann hat man den Moment zuerst selbst erlebt und kann ihn danach trotzdem mit anderen teilen.
Aber sehen das alle so?
Ich kenne niemanden, der wegen eines Fotos einen ganzen Abend vergisst. Trotzdem kenne ich eine Person, die gerne viele Fotos macht und auch direkt postet. Also habe ich sie gefragt: Warum eigentlich?
Ihre Antwort hat mich überrascht. Sie fotografiert nicht, weil ihr der eigentliche Moment egal ist. Im Gegenteil: Für sie gehören Fotos dazu, um Erinnerungen zu sammeln und später auf diese Momente zurückzublicken.
Und warum postet sie die Bilder sofort? Sie möchte den Kontakt zu ihren Followern halten und ihre sozialen Medien aktiv pflegen. Für sie gehört das einfach dazu.
Je länger ich darüber nachdenke, desto besser verstehe ich diese Sichtweise. Vielleicht ist Fotografieren also gar nicht automatisch das Gegenteil von Genießen. Vielleicht erleben manche Menschen einen Moment einfach anders als ich.
Das Internet muss nicht alles wissen
Trotzdem gibt es für mich einen Unterschied zwischen einem Foto, das man später mit anderen teilt, und einem Foto, das sofort verrät, wo man gerade ist.
Ich finde es selbst schön, Fotos zu teilen und zu sehen, was andere gerade machen. Aber muss wirklich jeder wissen, mit wem ich unterwegs bin, was ich mache und vor allem, wo ich mich gerade befinde?
Das Internet vergisst bekanntlich wenig. Und während die meisten Menschen wahrscheinlich einfach neugierig sind, gibt es auch Menschen, bei denen ich lieber nicht möchte, dass sie jederzeit wissen, wo ich gerade bin.
Deshalb finde ich: Manchmal kann man ein Foto einfach machen, ohne es sofort zu posten.
Vielleicht einfach später
Vielleicht müssen wir nicht jeden schönen Moment sofort festhalten und ins Internet stellen. Vielleicht können wir manchmal einfach das Handy weglegen, mit unseren Freunden lachen, unser Essen genießen oder den Urlaubsort anschauen.
Nicht jeder Moment braucht eine Story.
Und wenn wir danach noch ein Foto posten wollen? Dann machen wir es eben später.
So ist es viel stärker seine Geschichte: Er beobachtet etwas, erzählt von seinen eigenen Situationen, zweifelt an seiner ersten Meinung und kommt durch die andere Person zu einer differenzierteren Sicht.
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