Wir kennen die österreichische Politik oft als eher Mitte-rechts bis rechts geprägt. Ein Blick auf die Nationalratswahl 2024 bestätigt diesen Eindruck deutlich: Die stimmenstärkste Partei war die FPÖ mit 28,8 Prozent, gefolgt von der ÖVP mit 26,3 Prozent. Erst danach kam die SPÖ mit 21,1 Prozent. Insgesamt zeigt sich damit eine klare Gewichtung zugunsten rechter und Mitte-rechter Parteien, da mehr als die Hälfte der Stimmen auf FPÖ und ÖVP entfielen.
Auch regional zeigt sich dieses Muster. In der Steiermark war die FPÖ 2024 die stärkste Kraft und färbte das Bundesland politisch „dunkelblau“. Graz hingegen sticht deutlich heraus: Die Stadt wählte sichtbar anders als ihr Umland und zeigt ein wesentlich linker geprägtes Wahlverhalten.
Graz als politischer Sonderfall
In Graz wurde die SPÖ mit 21,9 Prozent stärkste Partei, knapp vor ÖVP (21,1 Prozent) und FPÖ (19,6 Prozent). Die KPÖ erreichte 6,1 Prozent und lag damit deutlich über ihrem bundesweiten Ergebnis von 2,4 Prozent. Auch Grüne (15,7 Prozent statt 8,2 Prozent) und NEOS (12,1 Prozent statt 9,1 Prozent) schnitten in Graz überdurchschnittlich gut ab. Insgesamt zeigt sich damit ein klar urbaner Trend: Während große Teile Österreichs konservativer wählen, positioniert sich Graz deutlich progressiver.
Ähnliche Muster finden sich auch in wenigen anderen Städten, etwa in St. Pölten, Eisenstadt, Linz, Steyr und Innsbruck sowie in vielen Wiener Bezirken. Im Vergleich zum Rest des Landes ist diese Gruppe jedoch klein, was die Besonderheit von Graz zusätzlich unterstreicht.
Auffällig ist zudem, dass Graz bereits bei früheren Wahlen von diesem Muster abwich. 2021 sorgte der Erfolg der KPÖ bei der Gemeinderatswahl für österreichweites Aufsehen, da die Partei im restlichen Land nur eine sehr geringe Rolle spielte, in Graz jedoch deutlich stärker abschneidet.
Der Aufstieg der KPÖ in Graz
Ein Blick in die Geschichte zeigt eine langfristige Entwicklung. Die KPÖ startete 1945 in Graz mit rund sieben Prozent, fiel in den folgenden Jahrzehnten jedoch bis auf etwa zwei Prozent im Jahr 1983 zurück. Danach setzte jedoch eine deutliche Trendwende ein: Ab den 1990er-Jahren gewann die Partei wieder an Bedeutung, und 2003 erreichte sie bereits 20,9 Prozent.
Parallel dazu verlor die SPÖ in Graz kontinuierlich an Zustimmung, von 42,5 Prozent im Jahr 1988 auf 15,3 Prozent im Jahr 2012. Dieser Rückgang veränderte das politische Kräfteverhältnis in der Stadt nachhaltig und schuf Raum für neue politische Konstellationen.
Der entscheidende Durchbruch gelang 2021: Die KPÖ gewann die Gemeinderatswahl mit 28,8 Prozent vor der ÖVP mit 25,9 Prozent. Damit wurde Elke Kahr zur Bürgermeisterin von Graz und löste Siegfried Nagl ab.
Auch aktuell deutet vieles darauf hin, dass die KPÖ ihre starke Position halten könnte. Eine im April 2026 veröffentlichte Umfrage sieht sie weiterhin bei rund 27 Prozent, gefolgt von der ÖVP (24 Prozent), den Grünen (17 Prozent), der FPÖ (14 bis 15 Prozent) sowie SPÖ und NEOS (je sieben bis acht Prozent). Zwar könnten sich bis zur Wahl am 28. Juni noch Verschiebungen ergeben, etwa durch neue Programme oder Wahlkampfthemen, doch eine grundlegende Veränderung des Kräfteverhältnisses erscheint derzeit eher unwahrscheinlich.
Warum wählt Graz anders?
Die Gründe für die besondere politische Lage in Graz sind vielfältig und nicht eindeutig erklärbar. Häufig genannt wird die starke Orientierung an sozialen Themen wie leistbares Wohnen, Bildung und öffentliche Infrastruktur. Gerade die KPÖ hat sich in Graz stark auf diese Themen konzentriert und konnte damit viele Wählerinnen und Wähler erreichen.
Hinzu kommt die demografische Struktur: Graz hat einen hohen Anteil an Studierenden und Akademikerinnen und Akademikern. Statistiken zeigen, dass höhere Bildungsabschlüsse oft mit einer stärkeren Unterstützung linker Parteien einhergehen. Gleichzeitig ist Wohnen in Graz – wie in vielen Städten – zu einem zentralen politischen Thema geworden, was Parteien mit sozialpolitischem Fokus zusätzlich stärkt.
Auch der politische Stil spielt möglicherweise eine Rolle. In Graz scheint Sachpolitik wichtiger zu sein als ideologische Positionierung. Parteien werden weniger nach traditionellen Lagern bewertet, sondern stärker danach, ob sie konkrete Probleme lösen.
Insgesamt bleibt der Erfolg der KPÖ in Graz ein komplexes Zusammenspiel aus sozialen Themen, Stadtstruktur und politischer Kultur. Eindeutige Erklärungen gibt es nicht – aber viele plausible Faktoren, die diesen besonderen politischen Trend verständlich machen.
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