„Ordensfrau“. Bei diesem Wort denken viele an ein stilles Kloster, an alte Gewänder und an ein Leben fernab der modernen Welt. Doch dieses Bild entspricht nicht mehr der Realität, wie Schwester Ida Vorel, eine Franziskanerin aus Vöcklabruck, beweist. In ihrer Ordenskleidung, einem grauen, langem Kleid mit schwarzem Schleier, ist sie kaum zu übersehen und mit der hölzernen Tau-Kette, einem Kreuzanhänger in Form des griechischen Buchstabens Tau, zeigt sie ihre Zugehörigkeit zum franziskanischen Orden, welcher auf Franz von Assisi zurück geht und für ein einfaches Leben, Nähe zu den Menschen und soziale Verantwortung steht.
Doch was macht die 32-jährige Schwester so besonders? Eine Antwort darauf gibt sie in einem persönlichen Interview mit mir selbst. Denn mit ihrem TikTok-Format „Klostertalk“ gewährt sie Einblicke in ihren Glauben, ihren Alltag und ihre Berufung und damit erreicht sie Menschen, die sonst vermutlich nie mit einer Ordensfrau in Kontakt gekommen wären.
Ein spontanes Video und 38.000 Follower*innen später
Alles begann mit einem spontanen Impuls während eines Gottesdienstes, ein Spaßvideo für TikTok aufzunehmen, welches sich unerwartet schnell verbreitete und ihre Reichweite innerhalb kürzester Zeit wachsen ließ. Inzwischen erreicht Schwester Ida auf der Plattform täglich über 38.000 Follower*innen mit ihren unterhaltsamen und zugleich lehrreichen Videos, wobei sie Wert auf eine persönliche und unmittelbare Art der Kommunikation legt. „Das ist das, was mich ein bisschen von anderen christlichen Influencern unterscheidet, weil ich nicht mit einer Moral komme, sondern einfach davon rede, wie es ist.“
Vom Urlaubsangebot zum Ordensleben
Mit 18 suchte sie nach einer günstigen Urlaubsmöglichkeit und stieß dabei auf die Franziskanerinnen in Vöcklabruck, bei denen sie zehn Tage lang lebte, ohne die Absicht, ins Kloster einzutreten. „In diesen zehn Tagen habe ich aber das Ordensleben so kennengelernt, wie es ist. In der Einfachheit, der Schlichtheit, im Gemeinschaftsleben, im gemeinsamen Gebetsleben und in einer Arbeit, die Sinn macht.“ Schwester Ida trat bereits mit 19 Jahren dem franziskanischen Orden bei und legte schließlich ihr Gelübde auf Lebenszeit im Jahr 2020 ab. Heute blickt sie auf mehrere Jahre im Orden zurück und spricht offen über das Zusammenleben mit den anderen Ordensschwestern.
Zwischen Zweifel, Glaube und Alltag
In ihrem Alltag als Ordensfrau erlebt Schwester Ida nicht immer nur Gewissheit. Auch Zweifel gehören zu ihrem Leben und genau diese Erfahrungen helfen ihr, im gemeinschaftlichen Miteinander zu wachsen. Viele Menschen reagieren überrascht, wie normal und zeitgemäß ihr alltägliches Leben als Ordensfrau ist, denn sie verbinden es noch immer mit Abgeschiedenheit, Strenge und einem Leben fern der Gesellschaft. „Diese Vorurteile haben sich nicht weiterentwickelt, wir und die Ordenswelt aber schon. Darum mache ich auch Social Media, um das ein bisschen zu aktualisieren.“
Ein Beruf der Leben verändert
Hauptberuflich leitet Schwester Ida das Quartier 16, eine Einrichtung für Frauen in Notsituationen. Diese Aufgabe bedeutet ihr viel, da sie darin eine konkrete Möglichkeit sieht, den Auftrag ihrer Gemeinschaft zu leben und Frauen in schwierigen Lebenslagen zur Seite zu stehen. Die Bedeutung dieser Arbeit bringt sie mit eigenen Worten auf den Punkt: „Wir sind da in einem Bereich tätig, wo der Staat Österreich auslässt, wo es nichts gibt für diese Frauen. Und genau da sind wir gefragt.“
Aus dieser Erfahrung heraus engagiert sie sich auch öffentlich und wirkte bei der Kampagne „Orange the World“ mit, die zwischen dem 25. November und 10. Dezember auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam gemacht hat. Der Zusammenhang mit ihrer täglichen Arbeit liegt für sie auf der Hand. Rund 80 Prozent der Frauen, die sie im Quartier 16 betreut, haben Gewalt erlebt.
Vielleicht denken Menschen bei dem Wort „Ordensfrau“ irgendwann nicht mehr nur an alte Klostermauern und an eine abgeschiedene Welt, sondern auch an eine junge Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, sozial engagiert ist, Fragen zulässt und ihren Glauben offen lebt. Wie Schwester Ida Vorel.
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