„Schau, WhatsApp geht nicht mehr.“ Mein Vater legt mir sein Handy auf den Tisch und zeigt mir den Bildschirm. Ich nehme das Gerät, probiere ein paar Dinge aus und merke schnell, dass die App neu installiert werden muss. Wenige Minuten später funktioniert WhatsApp wieder. Mein Vater ist zufrieden, für ihn ist das Problem damit gelöst. Für mich ist es eine ganz alltägliche Situation, denn meinen Eltern helfe ich öfter gerne.
Mal hängt das Handy, mal möchten sie etwas in den Einstellungen ändern. Mein Vater freut sich, wenn ich eine Lösung finde. Häufig fallen ihm dann weitere Probleme ein, bei denen ich helfen kann. Für mich gehört das dazu. Von ihm habe ich vieles gelernt, was mich im Leben weiterbringt. Beim Smartphone kann ich etwas zurückgeben.
In 17 Klassen wechseln die Rollen
Auch außerhalb der Familie kann dieses Wissen nützlich sein. Am 23. September stellte das Bundeskanzleramt den Start von #GemeinsamDigital vor. An dem Kooperationsprojekt mit dem Bildungsministerium beteiligen sich 13 Schulen mit 17 Klassen aus sechs Bundesländern. Jugendliche unterstützen Seniorinnen und Senioren bei digitalen Alltagsaufgaben.
An der Wiener HLW19 arbeiten laut Bundeskanzleramt 16- bis 18-Jährige mit älteren Menschen aus einem Haus der Gruppe „Häuser zum Leben“ zusammen. Dabei geht es etwa um Online-Termine, Navigation und sichere Kommunikation. Die Bildungsagentur OeAD begleitet die Schulen mit Workshops und Materialien.
„Sie wenden ihr Wissen praktisch an, lernen es verständlich zu vermitteln und übernehmen Verantwortung“, sagt Bildungsminister Christoph Wiederkehr in der Mitteilung über die beteiligten Jugendlichen. Das ist ein anspruchsvolleres Ziel, als eine App für jemand anderen zu bedienen. Wer etwas erklären möchte, muss herausfinden, an welchem Schritt die andere Person Unterstützung braucht.
Bei meinem Vater hatte ich das Problem selbst gelöst. Eine kleine Reparatur ist hilfreich. Eine neue Funktion gemeinsam zu erlernen, wäre eine andere Aufgabe: Dann zählt auch, was jemand anschließend selbst ausprobieren kann.
Online sein heißt noch lange nicht, alles zu können
Das Bild von einer älteren Generation ohne Internet passt allerdings längst nicht zu allen. Laut Statistik Austria nutzten 2025 drei Viertel der 65- bis 84-Jährigen das Internet innerhalb der drei Monate vor ihrer Befragung. Die entsprechende Auswertung umfasst 1.617 Personen; die Befragung fand zwischen April und Juli telefonisch und online statt.
Diese Zahl beschreibt die Nutzung, keine Prüfung digitaler Fähigkeiten. Wer Nachrichten verschickt, kann bei einer ungewohnten Einstellung trotzdem Hilfe brauchen. Für uns als Helfende lohnt sich deshalb die Frage, was die Person bereits kann. Das Alter allein verrät uns weder ihre Erfahrung noch ihr konkretes Problem.
Eine Erklärung braucht manchmal einen zweiten Anlauf
Wie Unterstützung aussehen kann, beschreibt das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation in seinem Leitfaden „Digitale Gesundheitskompetenz“ von 2022. In den Tipps für Angehörige empfehlen die Autorinnen schrittweise Erklärungen, Wiederholungen und vertraute Wörter. Geduld gehört ebenso dazu wie ein erkennbarer Nutzen der Anwendung.
Für eine alltägliche Handyfrage bedeutet das beispielsweise: erst klären, welche Einstellung jemand verändern möchte, dann den Weg dorthin gemeinsam durchgehen. Ob wir selbst jeden Menüpunkt mühelos finden, sagt wenig darüber aus, wie verständlich wir ihn erklären. Auch diese Fähigkeit braucht Übung.
Das Schulprojekt will ältere Menschen zu einer sichereren und selbstständigeren Nutzung befähigen. Die Startmeldung liefert dafür noch keine Ergebnisse. Ein sinnvoller Maßstab wäre, ob Teilnehmende einen geübten Vorgang später allein bewältigen und sich bei neuen Fragen weiter Hilfe zutrauen.
Mein Vater fragt mich nach Unterstützung, obwohl er für mich ein Vorbild ist. Diese beiden Dinge passen gut zusammen. Wenn er mir sein Handy hinlegt, ändert das wenig daran, wie viel ich von ihm gelernt habe. Es zeigt mir, wie selbstverständlich wir auch einmal in die andere Richtung helfen können.
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