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Gegen Rollenbilder programmiert: Wie junge Frauen die Technik auf „VorderMann“ bringen

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Volontärin · Linzer Technikum - HTL Paul-Hahn-Straße
9 Kommentare
11.02.2026
4 Min.

Europa sucht händeringend nach Innovation – und übersieht dabei noch immer, wie viel Potenzial in technikaffinen jungen Frauen steckt. Das habe ich selbst erlebt, seit ich mich für die HTL entschieden habe: Skeptische Blicke, gut gemeinte Zweifel und alte Rollenbilder gehören zum Alltag. Dieser Artikel wirft einen Blick darauf, warum Frauen in technischen Berufen noch immer die Ausnahme sind, was sie zum Bleiben bewegt und warum sich Strukturen dringend ändern müssen.

Immer mehr junge Frauen entscheiden sich für technische Berufe und fordern mit Fachkompetenz, Mut und Ausdauer traditionelle Rollenbilder in einer männerdominierten Branche heraus. (Foto: Shutterstock)

Kann es sich Europa leisten, das Potenzial technikaffiner Frauen weiterhin ungenutzt zu lassen, wenn es für die Wettbewerbsfähigkeit und für Innovation entscheidend ist und somit einen wesentlichen Faktor für Europas Zukunftsfähigkeit darstellt? Diese Frage gewinnt angesichts des technologischen Rückstands und des Fachkräftemangels zunehmend an Bedeutung.

Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung bieten hervorragende Zukunftsaussichten für technische Berufe. Erfreulicherweise kämpfen immer mehr technisch und naturwissenschaftlich begabte junge Frauen gegen Geschlechterklischees und althergebrachte Rollenbilder und tief verankerte Vorurteile an. Der Anteil an Frauen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, den sogenannten MINT-Berufen, ist trotz Fachkräftemangels nach wie vor gering.

Auch im Berufsleben spiegelt sich die Ungleichheit wider. Laut Wirtschaftskammer Oberösterreich lag der Frauenanteil in technischen Berufen 2023 lediglich bei etwa zehn Prozent. Frauen brauchen neben fachlicher Kompetenz auch Mut und Durchhaltevermögen, um sich in einer männerdominierten Umgebung zu behaupten.

Ich bin Schülerin des Linzer Technikums und besuche aktuell die dritte Klasse der HTL für Mechatronik, dazu hat mich mein großes Interesse an innovativen technischen Lösungen als auch die Ergebnisse einer Kompetenzanalyse motiviert. Trotzdem reagierten viele aus meinem Umfeld mit Skepsis gegenüber einer jungen Frau in der Technik. Meine Schule unterstützt das Interesse von Mädchen an der Technik aber aktiv, etwa durch den Girls Day, gemeinsame Projekte zwischen verschiedenen Jahrgängen und den Austausch mit anderen Schülerinnen.

Frau Christina Reder, Klassenvorständin sowie Lehrerin für Mathematik und Physik, hebt hervor, ein einziges Mädchen könne bereits das Klassenklima positiv beeinflussen. Technisches Interesse sei entscheidend für den Schulerfolg, die Förderung sei jedoch häufig schon in der früheren Kindheit durch klischeehafte Rollenbilder unterschiedlich gestaltet.

Mehrere angehende Technikerinnen berichten, sich an der HTL gleichwertig behandelt zu fühlen und sich von Vorurteilen nicht entmutigen zu lassen, sondern sie als zusätzliche Motivation zu sehen, einen technischen Beruf zu ergreifen. Da sie von klein auf mit Rollenklischees konfrontiert sind, entwickeln viele Mädchen einen besonderen Ehrgeiz. Gerade diese Erfahrungen motivieren sie, bestehende Vorurteile zu widerlegen und zu zeigen, wie leistungsfähig sie in technischen Fächern im Vergleich zu ihren männlichen Mitschülern sind. Ein Blick auf die Zahlen bestätigt das: Die Drop-out-Rate unter den Schülerinnen an der HTL Linzer Technikum ist niedriger als unter den Schülern. Das ist ein starkes Zeichen dafür, wie zielstrebig und motiviert viele junge Frauen sind.

Doch es reicht nicht aus, Mädchen für technische Ausbildungen zu begeistern. Entscheidend ist vielmehr, die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern, damit Frauen nach der HTL auch langfristig in technischen Berufen bleiben können und ihr Potenzial nicht verloren geht.

Eine aktuelle Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) zeigt: Viele junge Frauen setzen trotz fundierter technischer Ausbildung ihren Weg in die MINT-Berufe nicht fort. Besonders kritisch ist der Übergang nach der HTL.

Nur 15 Prozent der Absolventinnen einer MINT-BHS beginnen ein technisches Studium, bei den Absolventen ist der Anteil mehr als doppelt so hoch. Insgesamt schließen lediglich drei Prozent der Frauen, die eine technische BHS begonnen haben, auch ein entsprechendes Studium ab.

Aber auch im Berufsleben setzt sich dieser Verlust fort. Nur knapp ein Drittel der Frauen mit einem technischen Abschluss arbeitet tatsächlich in einem MINT-Beruf. Das liegt nicht an mangelndem Interesse oder fehlender fachlicher Kompetenz, sondern vor allem an ungünstigen Arbeitsbedingungen und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten, die die Mehrheit der Frauen zum Ausstieg bewegen. Nur drei Prozent der Berufsaussteigerinnen schätzen ihre Qualifikation als unzureichend ein. Die Ursachen für den Ausstieg liegen also weniger bei den Frauen selbst als vielmehr in den bestehenden Strukturen und Rahmenbedingungen.

Laut Claudia Eichmeyer, einer erfahrenen Technikerin der Firma System 7, stehen Frauen in technischen Berufen fachlich vor denselben Herausforderungen wie ihre männlichen Kollegen. Oft müssen sie ihre Kompetenz zunächst unter Beweis stellen, damit Kollegen sie ernst nehmen. Ihrer Erfahrung nach vereinen divers zusammengesetzte Teams aber unterschiedliche Lösungsansätze und erzielen dadurch häufig bessere und nachhaltig erfolgreiche technische Ergebnisse.

Entscheidend für Frauen in technischen Berufen ist eine familienfreundliche Unternehmenskultur, die Wiedereinstiege und Karrierewege auch in Teilzeit ermöglicht, damit Mütter nicht in Randbereichen landen und ihr fachliches Potenzial langfristig nutzen können. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und Teilzeitmodelle erleichtern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Ergänzend zu den Erfahrungen von Schülerinnen und Technikerinnen holte diese Recherche auch die Perspektive der Wirtschaft ein. Markus Söllinger, Geschäftsführer von System 7, betont die Wichtigkeit, Kinder und Jugendliche frühzeitig und unabhängig von Geschlechterrollen für Technik zu begeistern.

Erste positive Erfahrungen mit technischen Themen – etwa durch spielerisches Entdecken, technisches Werken oder den Kontakt mit Automatisierung/Robotik und Digitalisierung – würden maßgeblich beeinflussen, ob Mädchen technische Berufe später überhaupt als realistische Option wahrnehmen. Gleichzeitig unterstreicht er, technische Berufe müssten auch langfristig attraktiv bleiben: Chancengleichheit im Recruiting, flexible Arbeitszeitmodelle sowie familienfreundliche Rahmenbedingungen seien zentrale Voraussetzungen, um Frauen – insbesondere nach der Geburt eines Kindes – dauerhaft im technischen Beruf zu halten. Teilzeit und Karenz dürften dabei nicht nachteilig wirken, sondern könnten durch gute Organisation sogar zu höherer Effizienz führen.

Abschließend lässt sich sagen, Politik und Firmen erkennen inzwischen das Potenzial von Frauen in der Technik. Entscheidend ist es, Frauen wirksam zu fördern und sie im System nicht zu benachteiligen. In der noch immer männerdominierten technischen Berufswelt gilt es, die Rahmenbedingungen effizient zu gestalten und dabei ihre Bedürfnisse gezielt zu berücksichtigen.


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Kommentare

  • Kein Profil-Bild gefunden.
    am 10.02.2026 Anja Weiermann
    Liebe Helena!

    Herzliche Gratulation zu diesem großartigen Artikel. Ich wünsche mir sehr, dass wir Frauen eines Tages nicht mehr um Gleichberechtigung kämpfen müssen, sondern dass sie ganz selbstverständlich gelebt wird.

    Mach weiter so!

    Liebe Grüße
    Anja Weiermann
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    am 11.02.2026 Alexander Grill
    Rede Helena
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    am 11.02.2026 Johanna Gesswagner
    Helena der Artikel ist voll gut geschrieben, danke für deinen Einsatz 🫶
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    am 11.02.2026 Barbara Bauer
    Helena, den Artikel hast du sehr gut verfasst und verständlich geschrieben, auch deine fachlichen Ausdrücke sind zu bestaunen. Da kann man nur Stolz auf dich sein, der Artikel ist dir auf jeden Fall gelungen.
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    am 11.02.2026 Alexander Holzer
    Ein richtig super geschriebener Artikel. Du zeigst super auf, dass Frauen in unserer technischen Welt leider immer noch nicht die Wertgeschätzung erfahren die sie absolut verdient haben. Toll geschrieben und sogar noch eigene Interviews gemacht. Bleib drann und viel Erfolg.
    Deine Klasse steht hinter dir
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    am 11.02.2026 Markus Söllinger
    Dieser Beitrag überzeugt durch seine Tiefe, Klarheit und seinen konstruktiven Blick nach vorne. Die Autorin verbindet persönliche Erfahrungen mit fundierten Zahlen, Stimmen aus Bildung und Wirtschaft sowie aktuellen Studien zu einem umfassend recherchierten und gut strukturierten Gesamtbild. Besonders gelungen finde ich, dass der Text nicht bei der Beschreibung von Ungleichheiten stehen bleibt, sondern konsequent nach Ursachen fragt und konkrete Lösungsansätze aufzeigt.
    Der Artikel von Frau Helena Söllinger macht deutlich, dass Frauen in der Technik eine echte Chance für Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Zukunft Europas sind. Gleichzeitig wirft er einen kritischen Blick auf internalisierte, oft unbewusst weitergegebene - sozusagen "programmierte" - Rollenbilder, die bereits früh wirken und sich später in Ausbildung, Studium und Berufsleben fortsetzen. Dass nicht mangelnde Kompetenz, sondern strukturelle Rahmenbedingungen Frauen aus MINT-Berufen drängen, wird hier klar und nachvollziehbar herausgearbeitet.
    Besonders positiv ist der lösungsorientierte Zugang: von früher technischer Förderung über schulische Unterstützung bis hin zu familienfreundlichen Arbeitsbedingungen und divers zusammengesetzten Teams. Der Beitrag zeigt eindrucksvoll, dass Veränderung möglich ist – wenn Strukturen hinterfragt und neu gestaltet werden.
    Ein wichtiger, kluger und ermutigender Text, der sowohl zum Nachdenken anregt als auch konkrete Perspektiven eröffnet – für Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen!
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    am 11.02.2026 Markus Söllinger
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    am 12.02.2026 Sophia Schlesinger
    Liebe Helena,
    dein Artikel ist sehr gut geschrieben und man hat beim Lesen gemerkt, dass du dir wirklich Mühe gegeben hast. Weiter so!