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Frauenmedizin: Ein Fortschritt auf Kosten von Frauen

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Volontärin · Bundesgymnasium und Wirtschaftskundliches Realgymnasium Linz
9 Kommentare
11.02.2026
4 Min.

Frauenmedizin ist kein neutrales Feld. Medizinischer Fortschritt rettet Leben, doch für viele Frauen bedeutet er Schmerz, Ausbeutung und Unsichtbarkeit. Von den grausamen Anfängen der Gynäkologie bis in die Gegenwart zieht sich ein Muster, in dem weibliche Körper weniger zählen und Leiden verharmlost werden.

Frauenmedizin wird noch heute vernachlässigt. (Foto: Pexels)

Eine junge Frau liegt auf dem OP-Tisch. Rechts und links stehen ihre Freundinnen, die sie festhalten, bis sie selbst an der Reihe sind. Jeder Schnitt und jeder Schrei hallt nach und gräbt sich in ihre Köpfe ein. Sie leiden nicht nur selbst, sie sind gezwungen, das Leiden der anderen direkt mitzuerleben. Dr. James Marion Sims führt medizinische Experimente an ihnen durch, und das ganz ohne Anästhesie und jegliche Einwilligung. Was wie ein Horrorfilm klingt, ist der Beginn der modernen Gynäkologie.

Späte Aufarbeitung

Die Aufarbeitung des Falls von Anarcha Westcott findet erst rund 180 Jahre später statt, unter anderem in der Praxis Psychologie Berlin. Im Alabama der 1840er-Jahre mussten versklavte Frauen wie Anarcha Westcott selbst in der Schwangerschaft schwere Arbeit bis kurz vor der Geburt verrichten. Medizinische Unterstützung erhielten sie keine. Die Folgen zeigten sich in ihrem Fall nach der Entbindung, als sie an anhaltenden Geburtsverletzungen litt, sogenannten Fisteln. Hierbei handelt es sich um unnatürliche Verbindungen zwischen Geburtskanal und inneren Organen.

Dr. James M. Sims benutzte sie und einige andere versklavte Frauen als Versuchspersonen, mit unbeschränktem Zugang zu ihren Körpern, ohne rechtliche oder ethische Konsequenzen fürchten zu müssen. Die Frauen sahen keine Möglichkeit, das Leiden ihrer Krankheit erträglich zu machen. Aus den Experimenten entwickelte Sims wichtige, heute noch verwendete Instrumente und Techniken, die er in der Folge an weißen, reichen Frauen einsetzte. Hier allerdings mit Anästhesie.

Insgesamt führte Sims über 30 Eingriffe an Anarcha durch, bei denen sie jeden Schnitt, jeden Stich und jede weitere Narbe spürte, ohne Einwilligung und Schmerzlinderung. Es galt die Behauptung, schwarze Menschen besäßen eine höhere Schmerztoleranz.

Unvergessenes Leid

Es ist von immenser Bedeutung, die Leiden dieser Frauen nicht zu vergessen und unsere Sprache zu ändern. Anstatt James M. Sims als Vater der Gynäkologie zu bezeichnen, sollten Frauen wie Anarcha als Mütter der Gynäkologie in Erinnerung bleiben.

Wenn die medizinische Forschung nicht gerade einem Albtraum gleicht, ignoriert sie Frauen in wichtigen Studien. Eine große Studienanalyse von klinischen Studien aus Top-Fachzeitschriften in den USA zeigt die Unterrepräsentation von Frauen. Demnach nehmen an medizinischen Studien 44,6 Prozent Frauen und 55,4 Prozent Männer teil. Die Folgen der Unterrepräsentation und des fehlenden Wissens über Frauen in der Medizin sind Fehldiagnosen, unterschiedliche Medikamentenwirkung oder erfolglose Behandlungsversuche. Denn männliche und weibliche Körper funktionieren nicht gleich.

Als Beispiel beschreibt die erfahrene und gegenwärtig praktizierende Hebamme Kathrin Koller die vaginale Untersuchung während des Geburtsprozesses. Während der Geburt ist eine bestmögliche Betreuung der Entbindenden unumgänglich. Doch immer wieder setzen Fachkräfte vaginale Untersuchungen trotz deutlicher Schmerzen fort, ohne Rücksicht auf die Frau zu nehmen oder das Vorgehen zu erklären.

Und das, obwohl die Geburt selbst bereits eine massive Grenzerfahrung darstellt. Koller beschreibt Situationen wie diese als keine Einzelfälle, sondern als belastende Momente, in denen für viele Frauen Stress und Verunsicherung überwiegen.

Die Geburtsposition ist ein weiteres Thema. So achtete Fachpersonal früher nicht auf die Bedürfnisse der Frau, sondern wählte eine Position, die dem Arzt den leichtesten Zugang erlaubte und wohlhabenden Männern sowie Königen eine gute Sicht. Laut Kathrin Koller hingegen sei die leicht erhöhte Seitenlage am schonendsten für die Bänder und Strukturen im Becken der Frau und auch am entspanntesten. Jede Frau sollte die für sich angenehmste Position finden und in keine andere gezwungen werden, nur weil es anderen praktischer erscheint.

Die Missachtung weiblicher Bedürfnisse zeigt sich auch in der Forschung zur Endometriose, eine Erkrankung, bei der sich Zellen, die der Gebärmutterschleimhaut ähneln, außerhalb der Gebärmutter ansiedeln und große Schmerzen verursachen.

Anstatt der Ursache oder Heilung dieser Krankheit nachzugehen, erstellte eine italienische Universitätsklinik 2013 absurderweise eine Studie darüber, ob eine Frau mit oder ohne Endometriose attraktiver sei. Die Universitätsklinik zog die Studie später wegen fehlender informierter Einwilligung, dem ethisch hochproblematischen Studiendesign und der starken Kritik aus gutem Grund zurück. Über 190 Millionen Frauen leiden an dieser Krankheit und leben mit einem um 31 Prozent erhöhten Risiko, vor dem 70. Lebensjahr zu sterben. Viele außerdem ohne sichere Diagnose, da die Forschung nach wie vor unzureichend ist.

Ebenso wenig Forschung existiert in Bezug auf die Wechseljahre und den weiblichen Zyklus im Allgemeinen. Darüber spricht die Zyklusmentorin Tiffany Jacob im Onlinemagazin „Psylife“. Denn wenn sich der Hormonhaushalt verändert, wirkt sich das auf die diversesten Prozesse im Körper aus. Aufgrund fehlenden Wissens können Ärzt*innen Beschwerden der Wechseljahre fälschlicherweise als Symptome psychischer Krankheiten deuten und dadurch einen natürlicher Zustand pathologisieren. Patriarchale Strukturen erwarten von Frauen häufig, unabhängig von ihren hormonellen Veränderungen wie gewohnt zu funktionieren.

Gesundheit ist kein Tabuthema. Die Forschung muss die Lücken schließen, sonst bleibt die Hälfte der Bevölkerung unsichtbar. Kein Verheimlichen und Verstecken. Die Leiden, Bedürfnisse und medizinische Realität der Frauen müssen endlich ernst genommen werden. Es ist an der Zeit, die Frauenmedizin verantwortungsvoll und umfassend voranzutreiben, damit sich das Leid von Frauen wie Anarcha Westcott nicht wiederholt.


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Kommentare

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    am 11.02.2026 Maria Milojkovic
    Soo traurig, dass der Mann dafür Anerkennung bekommen hat und sie und die anderen Frauen nichts.
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    vor 3 Wochen Pia Preiner
    Traurig sowas zu lesen! Aber sehr sehr gut geschrieben liebe Emma!!
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    vor 3 Wochen Agyei Oforiwaa
    OMG das ist so gut geschrieben!!
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    vor 3 Wochen Christine Maria Krenn
    Ein starker Artikel und mutige Stimme für ein derart wichtiges Tabuthema - Bravo und Danke an eine junge Frau mit wirklich großem Schreibtalent!
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    vor 3 Wochen Karin Diaz
    Gratulation, toll geschrieben, auch wenn der Artikel ziemlich an die Nieren, nee an
    die Eierstöcke geht 🥴.
    Sehr mutig 👌🏼
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    vor 3 Wochen Lucia Schramm-Kaineder
    Toller Artikel Emma! Danke für die wichtige Aufklärung rund um das Leiden von Anarcha Westcott. Echt unglaublich und brutal 😢
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    vor 3 Wochen Wolfgang Krenn
    Investigative Recherchen exzellent formuliert! Du hast brisante Sachverhalte von öffentlichem Interesse dargestellt. Das geht unter die Haut! Liebe Grüße aus der Steiermark
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    vor 3 Wochen Michi Pechhacker
    Eine schockierende Geschichte , aber unglaublich mutig und klar geschrieben .
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    vor 2 Wochen iris toto
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass auch Frauen sich selbst und einander einen enormen Druck machen – zumindest in der hiesigen Gesellschaft.

    Das ist ein toller und interessanter Beitrag! Weiter so!