Ich scrolle durch soziale Medien, bleibe kurz bei einem Video hängen, dann beim nächsten. Ein Mann spricht selbstbewusst in die Kamera, kommentiert Beziehungen, Rollenbilder, „Männlichkeit“. Der Ton ist bestimmt, die Aussagen eindeutig und genau solche Inhalte tauchen immer wieder auf, wenn ich einmal stehen bleibe.
Vor allem Männer und Jugendliche scheinen für solche Inhalte besonders empfänglich zu sein. Dies zeigt auch eine Metaanalyse im Fachjournal Psychological Bulletin. Sie umfasst 26 Länder, 257 Studien und rund 133.000 Testpersonen, mit einem klaren Ergebnis: Nach dem Konsum frauenfeindlicher Inhalte zeigen männliche Probanden häufiger misogyne Einstellungen, darunter erhöhte Zustimmung zu aggressivem Verhalten und sogenannten Vergewaltigungsmythen.
Böse, böse Gesellschaft
Doch wie der Zufall es will, sind nicht einzelne Männer allein verantwortlich für diese Entwicklung. Vielmehr spielen gesellschaftliche Strukturen und digitale Plattformen eine zentrale Rolle. Täglich konsumieren Millionen Menschen Inhalte, die sexistische oder frauenfeindliche Narrative enthalten, unter anderem auch durch Influencer wie Andrew Tate. Ein einzelnes Video verändert keinen Menschen sofort, doch wie ein Sprichwort sagt: Die Menge macht das Gift.
Hinzu kommt, dass diese Menge nicht aktiv gewählt wird, sondern durch Algorithmen verstärkt auftritt. Wer einmal in dieses Themenfeld gerät, bekommt immer mehr ähnliche Inhalte angezeigt. Mit der Zeit verschiebt sich dadurch die Wahrnehmung: problematische Aussagen wirken weniger extrem, sondern zunehmend normalisiert. Genau darin liegt das Problem.
Unsicherheit als Antrieb
Besonders Jugendliche sind dafür empfänglich. In einer Zeit voller globaler Krisen, politischer Unsicherheit und Zukunftsängste suchen viele nach Orientierung und klaren Antworten. Vertraute, einfache Rollenbilder wirken dabei stabilisierend.
Diese Unsicherheit nutzen einige Influencer gezielt aus, sowohl in der sogenannten „Manosphere“ als auch in Teilen der „Tradwife“-Bewegung. Sie vermitteln scheinbar klare Vorstellungen von „echter Männlichkeit“ oder „echter Weiblichkeit“. Dabei werden stark vereinfachte und problematische Rollenbilder reproduziert, in denen Macht und Unterordnung als „natürlich“ dargestellt werden.
Veränderung ist entscheidend
Wenn gesellschaftliche Muster das Problem sind, muss auch die Lösung dort ansetzen. Es braucht mehr Aufklärung in Schulen und im öffentlichen Diskurs über digitale Radikalisierung und Rollenbilder. Gleichzeitig sollten Plattformen ihre Mechanismen und Meldefunktionen so verbessern, dass problematische Inhalte früher erkannt und eingeschränkt werden. Ziel muss sein, dass solche Narrative nicht als normal wahrgenommen werden, denn Gewalt gegen Frauen ist niemals akzeptabel.
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