Anthime Sommen (18) absolviert derzeit sein erstes Jahr in einer Vorbereitungsklasse für die französischen Ingenieursschulen. Gemeinsam mit seinem Mitschüler Paulain (18) erlebt er aktuell die jüngste Eskalation an den französischen Gymnasien hautnah mit.
Ich spreche per Zoom mit den beiden Jugendlichen über ihre Frustration, den Einsatz von Pyrotechnik und Tränengas sowie die Frage, wie Unterricht überhaupt noch für sie möglich ist, wenn ihr Schulhof barrikadiert ist und der Unterricht wie zur COVID-Zeit wieder ins Internet wandert.
campus a college: Anthime, die Bilder aus den sozialen Medien wirken verstörend. Was genau hat zu dieser gewaltigen Protestwelle an den französischen Schulen geführt?
Anthime: Die Hauptursache sind die miserablen Bildungsbedingungen. Wir sitzen teilweise in Klassen mit 40 Schüler*innen, in meiner Vorbereitungsklasse für die Ingenieursschule sogar mit 48 Schüler*innen pro Lehrer*in. An vielen Gymnasien gibt es nicht einmal saubere Toiletten, geschweige denn Seife zum Händewaschen. Es gibt hier teilweise sogar Schulen, in denen schlichtweg kein vernünftiger Unterricht möglich ist. Die PISA-Ergebnisse zeigen seit Jahren, dass das Bildungsniveau sinkt, und wir protestieren, weil wir endlich bessere Lernbedingungen wollen.
campus a college: Betreffen diese Zustände alle Schulen gleichermaßen?
Anthime: An meiner Schule ist es im Vergleich noch ruhig, obwohl wir im Unterricht eben auch bis zu 48 Schüler*innen im Raum sind. Viele von uns gehen aber bewusst zu anderen Gymnasien, wo die Lage noch viel schlimmer ist, um die Mitschüler*innen vor Ort bei den Protesten zu unterstützen. Wir kämpfen gemeinsam für unser Bildungssystem.

campus a college: Wo liegt der Grund für diesen extremen Mangel an Lehrer*innen und Ressourcen?
Anthime: Das ist vor allem eine Geldfrage. Der Lehrer*innenberuf war früher hoch angesehen, hat aber über die Jahre drastisch an Respekt verloren. Der Staat hat aus irgendeinem Grund auch das Gehalt gekürzt, wodurch natürlich immer weniger Menschen diesen Job wählen. Um die Lücken in den Schulen zu füllen, hat die Regierung daraufhin die Lehramtsprüfungen massiv vereinfacht. Sie hat damit bewirkt, dass unqualifizierte Menschen jetzt die Klassen unterrichten, und als der Staat das gesehen hat, hat er die Mittel gekürzt.
„Die Schulen brennen“
campus a college: Die Demonstrationen sind sehr schnell in rohe Gewalt umgeschlagen. Was hast du am Morgen der Blockaden selbst erlebt?
Anthime: Als ich morgens um 8 Uhr ankam, war die Lage extrem beängstigend. Protestierende Schüler*innen haben kleine Sprengkörper direkt in die dichte Menge aus eigenen Mitschüler*innen geworfen. Beide Schultore waren mit Mülltonnen, Barrikaden und Schildern komplett versperrt. Später sah ich von anderen Schulen noch viel schlimmere Videos. Am meisten Angst hat mir ein Video von einem Freund bereitet: Ein Junge läuft voller Flammen und um Hilfe schreiend direkt vor ihm vorbei, und ich höre nur Geschrei im Hintergrund. Das hat mich schon beunruhigt und mir klargemacht, dass das hier nichts mehr mit einem legitimen Protest für Bildung zu tun hat.
campus a college: Paulain, du warst direkt vor Ort an Schulen, an denen es zu schweren Ausschreitungen kam. Wie hast du diese Augenblicke erlebt?
Paulain: Wir waren beim Lycée Michelet. Dort brannten zwei große Feuer, eins direkt vor dem Schuleingang und ein weiteres auf den Gleisen der angrenzenden Zugstrecke, sodass der gesamte Zugverkehr stillstand. Hunderte Jugendliche haben sich versammelt. Nach ungefähr 15 Minuten kam die Kavallerie mit fünf Einsatzwägen und setzte Tränengas ein. Das Gas brannte allen in den Augen, und die Beamt*innen drängten alle Schüler*innen einige hundert Meter zurück. Zwei Stunden später, als wir wiederkamen, war der Bereich zwar frei von Demonstrant*innen, aber komplett verwüstet. Die Glasscheiben der Bushaltestelle waren zersplittert, und der Boden hatte schwarze Brandspuren.

campus a college: Besonders schockierend waren die Bilder der brennenden Schule Lycée Mandela. Was ist dort passiert?
Paulain: Das Lycée Mandela war ein absoluter Tiefpunkt. Den Schüler*innen ging es eigentlich um mehr Geld und bessere Ressourcen für ihre Ausbildung. Dann kamen aber Gruppen von außerhalb, die überhaupt nichts mit der Schule zu tun hatten und nur auf Randale aus waren. Sie zündeten Müllberge an, und das Feuer breitete sich schnell auf den Teil der Wand aus, der aus Holz war. Auf Social Media sahen wir, wie teilweise Schüler*innen weinend davorstanden und zusehen mussten, wie ihre eigene Schule brennt. Diese Bilder gingen überall durch die französischen Medien.
„Wie zu Corona“
campus a college: Gab es auch Momente, in denen Lehrer*innen und Schüler*innen sich zusammenschlossen?
Anthime: Ja, absolut. Bei einem Protest haben sich zum Beispiel alle Lehrer*innen gemeinsam vor die demonstrierenden Schüler*innen gestellt, um sie vor Übergriffen oder Polizeigewalt zu schützen. Das war ein unglaublich starkes und bewegendes Signal.
campus a college: Wie haben deine Eltern auf die brennenden Schulen reagiert?
Anthime: Meine Mutter war besorgt um meine Sicherheit. Aber vor allem waren meine Eltern fassungslos darüber, dass Schulen zerstört werden. Sie sagten: „Bildung ist Wissen, und Wissen muss man schützen, nicht abbrennen.“
campus a college: Wenn die Eingänge blockiert sind, wie geht der Schulalltag jetzt für euch weiter?
Anthime: Die Schule hat den Präsenzunterricht komplett ausgesetzt. Unsere Lehrer*innen schalten uns ab morgen per Zoom zu. Wir sitzen jetzt wieder genau wie während der COVID-Pandemie zu Hause vor dem Laptop. Es fällt mir aber schwer, mich im eigenen Zimmer genauso zu konzentrieren wie in der Klasse.
Nur die Spitze des Eisbergs
campus a college: Glaubt ihr, dass dieser Protest die Regierung zum Umdenken bewegen wird?
Paulain: Ich befürchte eher das Gegenteil. Das Grundproblem bei solchen Demonstrationen ist, dass Randalierer*innen das Anliegen komplett in den Schatten stellen. In den Nachrichten sieht die Öffentlichkeit dann nur noch Gewalt, brennende Barrikaden und Tränengas, niemand redet über unsere berechtigten Forderungen nach besseren Schulen.
campus a college: Wie schätzt du die Stimmung im Land für die nächsten Wochen ein?
Paulain: Die Lage in Frankreich ist angespannt. Nächstes Jahr stehen die Wahlen an, und wie damals bei den Gelbwesten protestieren die Leute wieder gegen steigende Preise. Dazu kommt Polizeigewalt gegen Demonstrant*innen und Gewalt von Demonstrant*innen gegen die Polizei. Ich hoffe, dass die Leute beide Seiten sehen und verstehen, dass sich etwas ändern muss. Sonst kann es wirklich schlimm werden.
campus a college: Was müsste deiner Meinung nach passieren, damit das Bildungssystem wieder gerettet wird?
Anthime: Der Lehrer*innenberuf muss wieder den Respekt und die gesellschaftliche Wertschätzung erhalten, die er verdient. Lehrer*innen sind das Fundament der Zukunft der Nation. Wir brauchen kleinere Klassen, bessere Gehälter für Lehrer*innen und echte Investitionen in die Infrastruktur, anstatt die Lehramtsprüfungen immer weiter zu vereinfachen.
campus a college: Vielen Dank für das Gespräch.
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