Wenn die Frau Professor den Klassenraum betritt und sagt, es gebe jetzt etwas nur für die Mädchen, schnellt natürlich der Arm eines Jungen zum Spaß in die Höhe.
Zwei Monate später ist er auf einmal ein bekennender Feminist.
Wie konnte das nur passieren? Dieser Clown hat sich doch nicht etwa ernsthaft mit einem Thema auseinandergesetzt?
Wenn jemand „Schuld“ am Sexismus trägt, dann Männer. Natürlich ist der Ursprung des Sexismus eine soziologische Frage, die ganz und gar nicht einfach zu klären ist. Doch im Alltag sind es meistens Männer, die teils bewusst, teils unbewusst sexistisch sind. Das fängt bei Sprüchen an und hört bei Vergewaltigungen und Femiziden auf. Wer einen Blick auf die Kriminalstatistik wirft, sieht hier keine Übertreibung. Sexismus ist kein Luxusproblem.
Wer meint, Sexismus betreffe Männer nicht, vergisst: Auch sie leiden unter dem Patriarchat. Einstellungen wie „Ein echter Mann weint nicht“ oder „Ein echter Mann muss groß und stark sein“ bereiten vielen Probleme, die nicht in dieses enge Raster hineinpassen.
Grundsätzlich kann eine freie Gesellschaft, in der einige freier und gleicher sind als andere, nicht funktionieren. Wir erreichen Gleichberechtigung nicht bereits dann, wenn sich Frauen angstfrei im öffentlichen Raum und im eigenen Zuhause bewegen können, sondern erst, wenn es selbstverständlich ist. Genauso wie es heutzutage normal ist, wenn eine Frau sich ihr Leben so gestalten kann, wie es ihr gefällt, und nicht, wie es der Vater oder der Ehemann vorschreibt.
Die Frauen in der westlichen Welt haben sich in den letzten hundert Jahren ihre Rechte hart erkämpft. Daher stellt sie die Gesetzgebung heute weitestgehend gleich. Doch der Wandel in der Geisteshaltung fehlt. Hier müssen Männer sich offen als Feministen definieren und auch ihre Erwartungshaltung an Frauen und ihre traditionellen „Pflichten“ ändern.
Dazu gehört auch, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. „Habe ich Vorurteile? Warum teilen wir uns den Haushalt so auf, wie wir es tun? Warum will der Junge wie selbstverständlich zum Fußballtraining und das Mädchen zum Reiten? Warum kommt die Frau mit Make-up und schickem Outfit zum Date, während ich selbst das trage, was ich immer trage?“ Natürlich ist das anstrengend, aber ein echter Mann schafft das schon.
Daher ist es eben nicht egal, wer welchen Namen annimmt, wer das Essen kocht, wer in die Karenz geht und schon gar nicht, wer wie viel verdient. Natürlich ist es in Ordnung, wenn sich eine Frau dazu entscheidet, den Namen ihres Mannes anzunehmen und Hausfrau zu sein, die Gesellschaft sollte es aber nicht automatisch erwarten.
Für den Anfang sollten wir Kindern keine Geschlechterrollen und keine Vorurteile mehr vorleben. Die Eltern sind ein Team, da hat keiner „die Hosen an“, sie arbeiten zusammen. Im Haushalt helfen alle mit; wenn nicht, dann sollte das einen guten Grund haben. Doch das funktioniert nur, wenn Männer sich von selbst beteiligen, anstatt ihre Frauen zu zwingen, den Haushalt allein zu regeln. „Ich bin ein Feminist, ich helfe meiner Frau sogar im Haushalt“ ist ein in sich widersprüchlicher Satz.
Menschen, die Texte von Schüler*innen über Feminismus lesen, verstehen das wahrscheinlich alles schon. Jedoch müssen wir auch die erreichen, die das nicht tun. Das ist nicht einfach, doch wir beeinflussen uns alle gegenseitig. Je mehr Menschen sich zu bestimmten Werten bekennen, desto schneller tun dies auch andere.
Deshalb müssen alle, insbesondere Männer, proaktiv handeln. Sexismus ist nicht nur ein Frauenproblem, und doch haben sie dagegen immer fast allein gekämpft. Die Hälfte der Bevölkerung darf nicht länger ein fundamentales Problem ignorieren. Alle müssen mithelfen und besonders die, die das Problem auslösen (und wenn es nur aus Versehen ist, wie bei Jungs, die sich zum Spaß melden). Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, doch danach geht es noch weiter. Feminismus ist jetzt Männersache.
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