Elias: Wenn die Leute erfahren, dass Sie für die NASA arbeiten beziehungsweise gearbeitet haben: Was wollen sie als Erstes über Sie oder Ihre Arbeit wissen?
Brady Pyle: Die Menschen reagieren immer begeistert, wenn sie erfahren, dass ich bei der NASA gearbeitet habe. Ich war 30 Jahre lang dort und wechselte vor ungefähr drei Jahren zum Space Center Houston, dem offiziellen Besucherzentrum der NASA. Eine bestimmte Frage wird mir nicht immer gestellt. Es ist eher die allgemeine Faszination für die NASA. Sie verbindet Menschen verschiedener Altersgruppen und sogar über politische Grenzen hinweg. Egal, ob jemand Demokrat oder Republikaner ist: Der Weltraum begeistert.
Simon: Wenn ich 17 bin und davon träume, bei der NASA zu arbeiten: Welches Studium sollte ich beginnen?
Brady Pyle: Bei der NASA arbeiten vor allem Ingenieure und Naturwissenschaftler, besonders aus dem Maschinenbau, der Elektrotechnik sowie der Luft- und Raumfahrttechnik. Je nach Interesse rate ich jungen Menschen meist zu Maschinenbau oder Elektrotechnik, weil diese Studienrichtungen später viele Möglichkeiten eröffnen. Etwa ein Viertel der Beschäftigten kommt aus wirtschaftlichen Bereichen. Ich selbst habe Personalmanagement studiert und arbeitete danach 30 Jahre lang im Personalwesen der NASA.
Elias: Suchen Sie bei jungen Bewerberinnen und Bewerbern vor allem nach bestimmten Fähigkeiten? Oder gibt es viele verschiedene Fähigkeiten und Ausbildungen, mit denen jemand bei der NASA arbeiten kann?
Brady Pyle: Wer direkt für die NASA arbeiten will, braucht die US-Staatsbürgerschaft, weil die NASA Teil der US-Regierung ist. Daneben gibt es andere Raumfahrtagenturen wie die Europäische Weltraumorganisation. Bei Bewerbern achten wir nicht nur auf den höchsten Notendurchschnitt. Gute Leistungen und die formalen Qualifikationen öffnen die Tür. Ebenso wichtig ist, ob jemand weitere Aufgaben bewältigt, Verantwortung übernimmt, sich engagiert und gut mit anderen zusammenarbeitet. Im Bewerbungsgespräch prüfen wir deshalb besonders die mündliche Kommunikation und die Teamfähigkeit. Teamarbeit gehört zum Kern der NASA-Kultur.
Simon: Ich habe auch gehört, dass Sie ein Buch geschrieben haben. Darin schreiben Sie, dass eine starke Kultur vom Zuhören, von Vertrauen und vom Lernen aus Fehlern abhängt. Wie kann ein junger Bewerber diese Eigenschaften zeigen, obwohl er noch kaum Berufserfahrung hat?
Brady Pyle: Jeder hat schon einen Rückschlag oder zumindest eine schwierige Situation erlebt, auch in der Schule oder bei Aktivitäten außerhalb davon. Entscheidend ist, diese Erfahrung beschreiben und zeigen zu können, was man daraus gelernt hat. Für die NASA wurde das nach dem Columbia-Unglück 2003 besonders wichtig. Beim Wiedereintritt verloren wir die Raumfähre und ihre Besatzung. Informationen waren im System vorhanden, erreichten aber nicht die richtigen Personen. Deshalb mussten wir eine Kultur schaffen, in der wir besser zuhören und kritische Hinweise wirklich wahrnehmen. Aus Fehlern zu lernen ist für mich ein Schlüssel zum Erfolg.
Elias: Ich möchte noch einmal kurz auf Bewerbungen und Lebensläufe zurückkommen. Was könnte zum Beispiel einen Recruiter der NASA beeindrucken? Angenommen, ich wäre US-Staatsbürger: Was könnte ich in meinen Lebenslauf schreiben, das Sie beeindruckt?
Brady Pyle: Ein überzeugender Lebenslauf zeigt eine ausgewogene Kombination. Es geht nicht nur um das Studium und die Noten. Wichtig sind auch Aktivitäten außerhalb der Universität, übernommene Verantwortung und konkrete Beispiele dafür, dass jemand in einem Team oder einer Gemeinschaft arbeiten kann. Diese Erfahrungen helfen einem Bewerber, aufzufallen.
Simon: Welche Fehler machen junge Leute am häufigsten, wenn sie sich bei der NASA oder allgemein um eine Stelle bewerben?
Brady Pyle: Der größte Fehler ist, denselben Lebenslauf an 50 Arbeitgeber zu schicken. Bewerber sollten ihn an die konkrete Stelle und die Anforderungen der jeweiligen Organisation anpassen. Ebenso wichtig ist, das eigene Interesse zu erklären: Warum möchte man gerade dort arbeiten? Ein gutes Anschreiben zeigt, dass man sich mit dem Arbeitgeber beschäftigt hat, statt die Bewerbung nur möglichst oft zu verschicken.
Elias: Wie wichtig sind Praktika, eigene Projekte, ehrenamtliches Engagement oder Nebenjobs im Vergleich zu schulischen beziehungsweise akademischen Leistungen? Was davon ist am wichtigsten?
Brady Pyle: Ich halte Praktika für entscheidend. Nach meinem ersten Studienjahr arbeitete ich in einer Buchhaltungsabteilung. Es war eine gute Stelle, aber ich erkannte, dass Buchhaltung nicht zu mir passte. Im nächsten Jahr machte ich ein Praktikum im Personalwesen. Dort saß ich im Büro, telefonierte viel und merkte, dass mir die Arbeit mit Menschen gefiel. Auch die NASA stellt viele Personen über Praktikumsprogramme ein. Die Plätze sind äußerst umkämpft. Wer aufgenommen wird und gute Arbeit leistet, erhält danach häufig ein Stellenangebot. Andere Programme führen nicht direkt zu einer Anstellung, vermitteln aber wertvolle Erfahrung. Praktika helfen jungen Menschen früh herauszufinden, welche Arbeit ihnen liegt.
Elias: Sie haben gerade erwähnt, dass Sie ziemlich früh ins Personalwesen gekommen sind. Was hat Ihnen an dieser Arbeit konkret gefallen?
Brady Pyle: In meinem zweiten Studienjahr wusste ich kaum, was Personalwesen überhaupt bedeutete. Ich wollte für den Staat arbeiten und bewarb mich deshalb bei mehreren Behörden. Schließlich kam ich zum Department of Health and Human Services in Dallas. Am Personalwesen gefiel mir die Mischung: Man arbeitet mit Zahlen, liest viel und hat gleichzeitig engen Kontakt zu Menschen. Es verband mehrere Bereiche, die mich schon im Studium interessiert hatten.
Elias: Sie haben bereits einige Eigenschaften genannt, auf die Sie bei der Einstellung achten. Wie wichtig sind Kommunikation, Teamarbeit, Neugier oder sogar Humor? Woran erkennen Sie im Gespräch, dass eine Bewerberin oder ein Bewerber etwas Besonderes mitbringt und neue Ideen zur NASA beitragen könnte?
Brady Pyle: Neugier ist sehr wichtig. Bewerber fallen auf, wenn sie durchdachte Fragen zur Organisation stellen. Auch Humor spielt eine Rolle, denn als Interviewer fragt man sich: Möchte ich mit dieser Person zusammenarbeiten? Kann eine Verbindung entstehen? Wer sich mit dem Unternehmen, der Stelle und der Kultur beschäftigt hat, kann im Gespräch besser zeigen, welchen Beitrag er mit seinen Erfahrungen leisten kann. Von Studierenden erwarten wir aktuelles Wissen aus der Universität. Im Gespräch wollen wir erkennen, ob sie ihre Ideen verständlich äußern und in unterschiedlichen Situationen einbringen können. Deshalb sprechen mehrere Personen mit den Bewerbern und erleben sie in verschiedenen Gesprächssituationen.
Simon: Erinnern Sie sich an einen jungen Bewerber, der Ihnen sofort auffiel? Was machte er anders? Hatte er bereits alles durchgeplant oder wie war das?
Brady Pyle: Besonders häufig fallen Menschen durch ihr Anschreiben auf. Bei der NASA erklärten Bewerber oft, dass es ihr lebenslanger Traum sei, dort zu arbeiten. Sie beschrieben, was sie als Kind inspiriert hatte, was sie später studierten und wie sie sich auf diesen Weg vorbereitet hatten. Beim Space Center Houston erleben wir das seltener, weil wir eine gemeinnützige Bildungseinrichtung sind. Viele ehemalige Lehrkräfte arbeiten bei uns, um junge Menschen für eine Laufbahn in der Raumfahrt zu begeistern. Wer unsere Arbeit kennt und seine persönliche Verbindung zu unserer Organisation nachvollziehbar erklärt, bleibt im Gedächtnis.
Elias: In Österreich spielen Kontakte eine große Rolle. Hilft ein gutes Netzwerk oder persönliche Beziehungen dabei, bei der NASA aufgenommen zu werden? Oder läuft jedes Bewerbungsverfahren nach denselben Regeln ab?
Brady Pyle: Darauf gibt es zwei Antworten. Ungefähr die Hälfte der neuen NASA-Beschäftigten kommt über das stark umkämpfte Pathways Intern Program. Wer dort aufgenommen wird und überzeugt, erhält später häufig ein Stellenangebot. Die andere Hälfte besteht aus erfahrenen Fachkräften, die zuvor für Auftragnehmer der NASA gearbeitet haben. Am Space Center in Houston stehen etwa 3.000 Beschäftigten der Regierung ungefähr 9.000 Mitarbeiter von Vertragsunternehmen gegenüber, darunter Boeing, SpaceX, Intuitive Machines und Lockheed Martin.
Simon: Sie haben schon erklärt, dass man seine Bewerbung und seinen Lebenslauf anpassen muss, um wirklich aufzufallen. Wenn Sie mit Ihrer 30-jährigen Erfahrung bei der NASA noch einmal Ihr 20-jähriges Ich wären: Wie würden Sie sich heute bei der NASA bewerben? Womit würden Sie versuchen aufzufallen?
Brady Pyle: Mit 20 hatte ich neben meinem Studium bereits mehrere Praktika absolviert. Außerdem engagierte ich mich in meiner Kirchengemeinde, spielte in einer leistungsorientierten Softballmannschaft und hatte in der Highschool Baseball gespielt. Heute würde ich all diese Erfahrungen in den Lebenslauf aufnehmen. Sie zeigen, was ich außerhalb des Studiums gemacht habe. Anschließend würde ich klar erklären, warum ich gerade bei der NASA arbeiten möchte.
Elias: Was würden Sie einen jungen Bewerber fragen, um ihn ein wenig unter Druck zu setzen? Ist das notwendig?
Brady Pyle: Es geht nicht darum, jemanden absichtlich zu verunsichern. Wir wollen konkrete Beispiele hören, wie die Person mit Herausforderungen umgegangen ist. Ich könnte fragen: „Wie haben Sie konkurrierende Prioritäten zwischen der Schule und außerschulischen Aktivitäten bewältigt?“ Auch bei der Teamarbeit interessieren uns echte Situationen. Was geschah, als zwei Personen unterschiedliche Vorstellungen von einer Aufgabe hatten? Wie wurde der Konflikt gelöst, und blieb die Zusammenarbeit erhalten? Solche Antworten zeigen, wie jemand Prioritäten setzt, Meinungsverschiedenheiten bewältigt und auf Situationen reagiert, die auch im Arbeitsalltag vorkommen.
Elias: Gibt es Fähigkeiten, die junge Menschen heute unterschätzen? Also Fähigkeiten, die sie für unwichtig halten, obwohl sie im Beruf und für eine gute Zusammenarbeit eine große Rolle spielen, besonders bei der NASA?
Brady Pyle: Die direkte zwischenmenschliche Kommunikation hat stark gelitten. Viele junge Menschen sprechen häufiger über ihr Smartphone mit Gleichaltrigen und tun sich dadurch im persönlichen Austausch schwerer. Beim Space Center Houston stellen wir viele junge Leute ein, die auf der Ausstellungsfläche mit Gästen sprechen. Wer offen auf Menschen zugehen und sie einbeziehen kann, hebt sich deutlich ab. Der Anteil junger Bewerber, denen das leichtfällt, scheint kleiner zu werden. In den USA verlagert sich die Kommunikation jüngerer Generationen zunehmend auf digitale Kanäle.
Simon: Alle Stellen direkt bei der NASA verlangen die US-Staatsbürgerschaft. Welche realistischen Wege gibt es für junge Menschen aus Österreich oder anderen Ländern, um in die Raumfahrt und möglichst nahe an die NASA zu kommen?
Brady Pyle: Ich würde mir die Europäische Weltraumorganisation und ihre Voraussetzungen genau ansehen. Die ESA leistet wichtige Arbeit und ist an zahlreichen Partnerschaften mit der NASA beteiligt. Sie baute etwa das Servicemodul für die Orion-Kapsel der Artemis-Mission. Für junge Menschen in Europa, die in der Raumfahrt arbeiten wollen, wäre sie meine erste Anlaufstelle.
Elias: Abschließend möchte ich Ihnen noch eine persönliche Frage stellen. Welches Gefühl hatten Sie, als Sie zur NASA kamen? Was bedeutete es Ihnen? Interessierten Sie sich schon vorher sehr für den Weltraum, oder entwickelte sich diese Begeisterung erst durch Ihre Arbeit bei der NASA?
Brady Pyle: Als ich dort anfing, wusste ich nicht besonders viel über die NASA. Sie war nicht das Ziel, nach dem ich lange gesucht hatte. Mich interessierte vor allem, wie ihre Personalabteilung aufgebaut war. Mein Plan war, ungefähr drei Jahre zu bleiben und danach zu einer anderen Behörde zu wechseln. Bei der NASA lernte ich jedoch jeden Tag etwas Neues über die Weltraumforschung und die laufenden Projekte. Die Gespräche und Möglichkeiten waren so spannend, dass ich nicht mehr wegwollte. Angebote anderer Organisationen erschienen mir nie so interessant. Als ich die NASA schließlich verließ, ging ich vorzeitig in Pension und wechselte zum Space Center Houston. Dort erzählen wir die Geschichte der bemannten Raumfahrt von der Vergangenheit bis in die Zukunft. So blieb ich diesem Umfeld verbunden. Wer die NASA einmal von innen erlebt, geht nur schwer wieder weg.
Simon: Meine letzte Frage in diesem Interview lautet: Welche besonderen Vorteile bringt eine Stelle bei der NASA mit sich? Die NASA ist wegen der Raketenwissenschaft und allem, was dazugehört, weltberühmt. Aber welche konkreten Vorteile hat die Arbeit dort?
Brady Pyle: Zuerst einmal darf man das coole NASA-Shirt tragen. Im Ernst: Ich erlebte dort ein sehr positives Arbeitsumfeld und baute über die Jahre enge Beziehungen zu vielen Menschen auf. Gleichzeitig konnte ich Beruf und Privatleben gut miteinander vereinbaren. Ich bin seit fast 30 Jahren verheiratet und habe drei Kinder. Unsere Tochter ist 26, ein Sohn hat mit 24 gerade sein Studium abgeschlossen, und unser jüngstes Kind ist 20. Ich konnte viel Zeit mit ihnen verbringen und die Basketballspiele meiner Söhne verfolgen. Die NASA bot mir eine anspruchsvolle und außergewöhnliche Aufgabe, ohne dass ich dafür meine Familie vernachlässigen musste. Das war für mich ein enormer Gewinn.
Simon: Ja, das kann man auf jeden Fall so nennen. Das wäre es von unserer Seite. Vielen Dank für Ihre Zeit, und dann sehen wir uns hoffentlich bald.
Elias: Es war uns eine große Ehre.
Brady Pyle: Es war mir eine Freude.
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