„Es sind nicht genug gestorben. Warum gibt es euch noch?“ Der Satz steht unter einem TikTok des Jüdischen Museums Wien. Ich sitze im Büro in der Dorotheergasse und bleibe beim Lesen hängen. Beim ersten Mal bin ich wirklich schockiert. Tief in mir überrascht es mich trotzdem kaum. Seit dem 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza ist die Stimmung angespannt, auch jüdische Einrichtungen bekommen das zu spüren. Mit problematischen Kommentaren hatte ich gerechnet. Etwas anderes ist es, selbst vor dem Bildschirm zu sitzen und einen Satz zu lesen, der sich wünscht, dass noch mehr jüdische Menschen ermordet worden wären.
Nach dem Lesen verschwindet der Kommentar nicht einfach. Ich mache einen Screenshot und lade ihn in eine interne Datei hoch, in der solche Inhalte dokumentiert werden. Danach melde ich ihn auf TikTok wegen Hass und Hetze. Die weitere Bearbeitung übernimmt jemand aus dem Team. Ob einzelne Fälle später auch angezeigt werden, bekomme ich in meinem Arbeitsbereich nicht immer mit.
Besonders erschüttert mich, wie viel Aufwand manche Accounts in ihren Hass stecken. Einmal sehe ich einen Sticker mit einem KI-Bild, das auf den ersten Blick kaum auffällt. Betrachtet man es aus einem bestimmten Winkel, erscheint darin ein Hakenkreuz. In anderen Kommentaren verstecken Nutzer Hinweise auf den Holocaust in kryptischen Schriften. Es sind nicht immer ein paar impulsiv getippte Wörter. Manche gestalten Bilder und Codes, nur um eine antisemitische Botschaft in eine Kommentarspalte zu bekommen.
Seitdem beschäftigt mich eine Frage noch stärker: Würde dieselbe Person all diese Mühe investieren und denselben Hass äußern, wenn ihr ein jüdischer Mensch gegenüberstünde?
Vier von zehn Accounts ohne Namen
Eine Befragung der EU-Grundrechteagentur FRA zeigt, warum diese Frage relevant ist. 363 jüdische Menschen aus Österreich nahmen zwischen Jänner und Juni 2023 an einer europäischen Onlinebefragung teil. Beim zuletzt erlebten antisemitischen Vorfall im Netz nannten 40 Prozent einen anonymen Account als Urheber. Damit waren Profile ohne erkennbare persönliche Angaben in Österreich die am häufigsten genannte Gruppe. Im Durchschnitt der untersuchten EU-Länder lag der Anteil bei 29 Prozent.
Die Zahl braucht eine Einordnung. Die Befragung war keine repräsentative Erhebung und liefert keinen repräsentativen Querschnitt aller jüdischen Menschen in Österreich. Außerdem endete sie bereits im Juni 2023, mehrere Monate vor dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober und dem folgenden Krieg.
Trotzdem zeigt sie etwas, das ich während meines Praktikums auf meinem eigenen Bildschirm erlebe: Bei einem erheblichen Teil des antisemitischen Hasses bleibt die Person dahinter unsichtbar.
Warum ein Bildschirm Hemmungen verändern kann
In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Online-Enthemmung. Menschen äußern im Internet mitunter Gedanken, die sie in einer persönlichen Begegnung eher zurückhalten würden. Gesichtsausdruck, Tonfall und die unmittelbare Reaktion des Gegenübers fehlen. Zwischen dem eigenen Satz und dem Menschen, den er trifft, liegt ein Bildschirm.
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus 2024 wertete 15 Studien zu Jugendlichen und Cyberbullying aus. Cyberbullying bezeichnet gezielte Angriffe oder Schikanen über digitale Medien. Stärkere Online-Enthemmung hing in den untersuchten Studien mit einer höheren Beteiligung an solchen Angriffen zusammen.
Bei der Anonymität allein war das Ergebnis weniger eindeutig. Einige Studien fanden einen Zusammenhang, andere keinen. Ein fehlendes Profilbild erklärt also nicht, warum jemand antisemitisch denkt.
Das finde ich wichtig. Ein anonymer Account erzeugt keinen Judenhass. Antisemitische Einstellungen müssen bereits irgendwo vorhanden sein. Die Distanz des Internets kann jedoch dabei helfen, diese Gedanken leichter auszusprechen oder weiterzutragen.
Wenn selbst ein Museumsobjekt bei Gaza landet
Im Jüdischen Museum sehe ich noch einen anderen Mechanismus. Unter Videos über historische Gegenstände oder jüdisches Leben tauchen plötzlich Kommentare über Israel und Gaza auf. Ein Museumsbeitrag reicht bei manchen Accounts aus, um jüdische Menschen mit den Handlungen der israelischen Regierung gleichzusetzen.
Kritik an der israelischen Regierung gehört zu einer politischen Debatte. Antisemitismus beginnt etwa dort, wo jüdische Menschen kollektiv für Israel verantwortlich gemacht werden, alte judenfeindliche Bilder auftauchen oder die Schoah relativiert und geleugnet wird.
Die Antisemitismus-Meldestelle der IKG registrierte 2025 insgesamt 1.532 antisemitische Vorfälle in Österreich. Das ist der höchste Jahreswert seit Beginn ihrer Aufzeichnungen. In 625 registrierten Fällen kam Schoah-Relativierung oder Schoah-Leugnung vor. 1.186 Fälle enthielten israelbezogenen Antisemitismus. Ein Vorfall kann gleichzeitig mehreren Kategorien zugeordnet sein.
Auch diese Zahlen lassen sich nicht eins zu eins mit meiner Kommentarspalte vergleichen. Mehrere antisemitische Antworten unter demselben Social-Media-Beitrag können von der Meldestelle gemeinsam als ein Vorfall gezählt werden. Hinter einer einzigen Zahl können damit viele Kommentare und Accounts stehen.
Auf der anderen Seite sitzt kein anonymer Account
Während meines Praktikums beschäftige ich mich vor allem mit der Seite, von der der Hass kommt. Ich sehe Nutzernamen, Profilbilder oder eben gar keine persönlichen Informationen. Entscheidend ist aber auch die andere Seite.
Milli Li Rabinovici ist 20 und Co-Präsidentin der Jüdischen Österreichischen Hochschüler. Sie erzählte 2025, wie sich ihr Alltag als junge Jüdin verändert hat. Kleidung ihrer jüdischen Jugendorganisation trugen sie und andere zeitweise auf der Straße nicht sichtbar. Einige ihrer männlichen Freunde verstecken ihre Kippa unter einer Baseballkappe.
Rabinovici sagt dazu: „In Österreich soll sich niemand verstecken müssen. Wenn das passiert, hat der Antisemitismus gewonnen.“
Als ich dieses Zitat lese, denke ich wieder an unsere Kommentarspalten. Für den anonymen Account dauert ein antisemitischer Kommentar vielleicht wenige Sekunden. Für einen jungen jüdischen Menschen kann dieselbe Stimmung beeinflussen, welchen Anhänger er sichtbar trägt, welche Kleidung er anzieht oder ob seine jüdische Identität auf einem Foto erkennbar sein soll.
Plötzlich bekommt meine Frage aus dem Büro eine zweite Seite. Es geht nicht nur darum, warum jemand hinter einem anonymen Profil Hass schreibt. Es geht darum, was dieser Hass mit der Person macht, die ihn lesen muss.
Warum uns Junge das besonders betrifft
Antisemitische Einstellungen sind auch unter jungen Menschen vorhanden. Die Antisemitismusstudie des österreichischen Parlaments aus 2024 zeigt bei den unter 25-Jährigen in mehreren Bereichen höhere Zustimmungswerte als in der Gesamtbevölkerung.
15 Prozent hielten die Aussage für zutreffend, in Berichten über Konzentrationslager und Judenverfolgung werde vieles übertrieben dargestellt. In der Gesamtbevölkerung waren es acht Prozent. 18 Prozent der jungen Befragten stimmten einer offen judenfeindlichen Aussage zu, gegenüber neun Prozent in der Gesamtbevölkerung.
Dazu kommen Wissenslücken. Rund zwei Drittel der jungen Befragten kannten die Zahl der Holocaust-Opfer nicht.
Für uns spielt Social Media dabei eine besondere Rolle. Nachrichten, politische Diskussionen und historische Inhalte erreichen uns zwischen TikToks, Reels und Kommentaren. Dort stehen wissenschaftliche Informationen neben Verschwörungsmythen, politische Kritik neben Antisemitismus und echte historische Bilder neben KI-Stickern, in denen jemand ein Hakenkreuz versteckt.
Wer wenig über die Geschichte weiß, muss diese Unterschiede trotzdem erkennen können.
Wenn Hass verändert, was wir posten
Die FRA-Befragung zeigt auch, was solche Erfahrungen bei jüdischen Menschen auslösen können. 62 Prozent der 363 Befragten aus Österreich gaben an, im Jahr vor der Erhebung ständig auf Antisemitismus im Internet gestoßen zu sein.
21 Prozent schränkten deshalb ihre Teilnahme an Online-Diskussionen ein. 18 Prozent berichteten von negativen Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit.
Diese Befragung fand noch vor dem 7. Oktober 2023 statt. Schon damals führte Hass im Netz bei einem Teil der Befragten dazu, sich aus Diskussionen zurückzuziehen.
Damit wird der Unterschied zwischen den beiden Seiten des Bildschirms besonders deutlich. Der Absender kann seinen Account schließen, einen neuen Nutzernamen wählen oder den eigenen Namen überhaupt nie zeigen. Die Person, gegen die sich der Hass richtet, nimmt die Erfahrung mit.
Nach dem Klick auf Melden
Bei meiner Arbeit im Museum läuft der Ablauf inzwischen routiniert ab. Screenshot machen, in der Datei dokumentieren, auf TikTok wegen Hass und Hetze melden und weitergeben. Danach wartet bereits der nächste Kommentar.
Routine bedeutet für mich aber nicht, mich daran gewöhnt zu haben.
Wenn wieder ein antisemitischer Sticker auftaucht oder jemand die Schoah relativiert, bin ich noch immer erschüttert. Vielleicht überrascht es mich nach allem, was ich während meines Praktikums gesehen habe, weniger als beim ersten Mal. Normal fühlt es sich trotzdem nie an.
Früher hätte ich bei einem Hasskommentar wahrscheinlich zuerst auf den Account geschaut und mich gefragt, wer so etwas schreibt. Heute wandert mein Gedanke zuerst in die andere Richtung.
Ich denke an die Person, die diesen Satz lesen muss.
Der Account kann keinen Namen und kein Gesicht haben. Der Mensch auf der anderen Seite hat beides.
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