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Energie-Expertin Liebich-Steiner: "Ein einzelner Turm beweist Machbarkeit, keine Wirtschaftlichkeit"

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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12.09.2026
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Barbara Liebich-Steiner sitzt im Aufsichtsrat der oekostrom AG. Im Interview erklärt sie, warum selbst das höchste Windrad der Welt Österreich nicht retten würde - und warum Tirol eine Chance verpasst.

Barbara Liebich-Steiner, Aufsichtsrätin der oekostrom AG ist realistisch: Leicht wird die Energiewende nicht. (Foto: Ökostrom)

In der Lausitz bei Schipkau steht seit Mitte Juli der Rohbau des höchsten Windrads der Welt. 365 Meter Gesamthöhe, fast so hoch wie der Berliner Fernsehturm. Ende 2026 soll die Anlage ans Netz gehen.

In Österreich sieht die Bilanz unterdessen anders aus: Bis Februar hätten die Bundesländer Gebiete für einen beschleunigten Windkraftausbau ausweisen müssen, wie es die EU vorschreibt. Passiert ist das kaum. Tirol hat bis heute kein einziges großes Windrad, obwohl das Bundesland laut IG Windkraft allein im Winter bis zu 50 Gigawattstunden Strom pro Monat importieren muss. Österreichs Windkraftleistung wuchs 2025 nur um sechs Prozent, weltweit waren es 40 Prozent.

Grund genug, mit einer Expertin über Riesen-Windräder, Stromausfälle im Nachbarland und die Situation in Österreich zu sprechen.

Campus a college: Frau Liebich-Steiner, in Schipkau steht bald das höchste Windrad der Welt. GICON verspricht bis zu 40 Prozent mehr Ertrag. Ist das der Durchbruch für die Windkraft?

Liebich-Steiner: „Günstiger als heutige Windräder“ ist derzeit eine Rechnung auf dem Papier, keine belegte Tatsache. Ein einzelner Turm beweist die Machbarkeit, aber noch nicht die Wirtschaftlichkeit. Das zeigt sich erst, wenn eine Serienfertigung kommt.

Campus a college: Warum weht der Wind in 300 Metern Höhe überhaupt so viel besser?

Liebich-Steiner: Bäume, Häuser und Gelände bremsen den Wind in Bodennähe und wirbeln ihn durcheinander. Weiter oben strömt er freier und gleichmäßiger. „300 Meter sind aber kein magischer Wert.“ Ob sich die Höhe an einem Standort wirklich lohnt, muss einzeln gemessen werden – über einen längeren Zeitraum und in mehreren Höhen.

Campus a college: Der Turm hat sich beim Bau immer wieder verzögert. Macht Ihnen das Sorgen?

Liebich-Steiner: Verzögerungen bei einem Prototyp mit komplett neuer Bauweise sind normal. Das ist etwas anderes als eine Verzögerung bei einer Serienanlage mit erprobter Technik. Entscheidend ist, was am Ende steht, nicht, wie glatt der Bauprozess verlief.

Campus a college: Kritiker sorgen sich um die Sicherheit der Rotorblätter in dieser Höhe und um den Boden rundherum. Zu Recht?

Liebich-Steiner: Dass Windräder den Boden rundherum austrocknen, lässt sich nicht pauschal behaupten. Kleinräumig können sich Temperatur und Luftfeuchtigkeit zwar verändern, das trocknet aber keinen ganzen Boden aus. Vor jedem Bauprojekt wird zudem geprüft, welche Vogelarten am Standort vorkommen. Je nach Ergebnis drohen zeitweise Abschaltungen als Schutzmaßnahme.

Campus a college: Ungarn und Rumänien hatten zuletzt massive Stromausfälle. Wäre mehr Windkraft die Lösung gewesen?

Liebich-Steiner: Windkraft ist wetterabhängig. Sie kann einen Ausfall wie in Ungarn oder Rumänien nur auffangen, wenn im gleichen Moment genug Speicher dahintersteht, um Flauten zu überbrücken – und genau da liegt das Problem. Europa knackte 2025 zum ersten Mal die Marke von 100 Gigawattstunden installierter Batteriespeicherkapazität. Das klingt nach viel. Das ungarische Atomkraftwerk Paks liefert aber normalerweise über 40 Gigawattstunden pro Tag. Die gesamte europäische Batteriespeicherkapazität würde einen Totalausfall wie in Ungarn also gerade einmal zwei bis drei Tage abdecken – und selbst das nur theoretisch. Diese Krise zeigt nicht, dass Windkraft allein die Lösung wäre, sondern dass Europa beim Speicherausbau massiv investieren muss.

Campus a college: Also ist Windkraft kein Gamechanger?

Liebich-Steiner: Windkraft, egal wie groß die Anlagen sind, hat einen klaren Nachteil: Sie ist wetterabhängig. Eine 24-Stunden-Dunkelflaute ist fast Normalzustand, die kommt monatlich vor. Eine Drei-Tage-Flaute tritt zweimal im Jahr auf, das lässt sich mit Speichern und professionellem Lastmanagement gut abfedern. Kritisch werden Flauten über fünf Tage, die kommen alle dreieinhalb Jahre vor. Dafür reicht aktuell kein Batteriespeicher der Welt, dafür braucht es gesicherte Reserveleistung aus Gas oder anderen Lösungen. Das ist kein Argument gegen den Windausbau, sondern dafür, ihn nicht isoliert zu planen.

Campus a college: Tirol hat bis heute kein einziges großes Windrad, obwohl das Bundesland im Winter Strom importieren muss. Ein Fehler?

Liebich-Steiner: Ob es am Ende viele Windräder werden, hängt nicht nur von den Windverhältnissen ab, sondern auch vom Naturschutz, von Abständen zu Siedlungen und vor allem von der Kapazität des Stromnetzes. Für die Versorgungssicherheit braucht Österreich einen Mix aus Wasserkraft, Windkraft, Photovoltaik, Speichern, Netzen und weiteren flexiblen Erzeugern. Wenn ein Bundesland eine ganze Technologie von vornherein ausschließt, fehlt dieser Baustein komplett.

Campus a college: Was müsste sich in Österreich ändern, damit der Ausbau schneller geht?

Liebich-Steiner: „Die Höhe allein macht noch kein gutes Windrad.“ Das gilt für Schipkau genauso wie für die Debatte in Österreich: Nicht die spektakulärste Anlage entscheidet, sondern ob Genehmigungen, Netzausbau und Speicher mit dem Tempo mithalten, das der Ausbau bräuchte.

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