Vor ein paar Jahren hätte ich sofort geantwortet: Ich wäre gerne ein Videospielcharakter, der stark, mutig und frei von Zweifeln ist. In Spielen gibt es klare Ziele und schnelle Belohnungen, man fühlt sich selten hilflos und darf jemand anderes sein – oft stärker und sicherer als im echten Leben.
Videospiele als Rückzugsort
Genau deshalb sind Videospiele für viele Menschen, besonders für Kinder und Jugendliche, so bedeutend. Sie bieten einen Raum ohne reale Konsequenzen, in dem man Rollen ausprobieren, Gefühle ausleben und zur Ruhe kommen kann. Spiele sind damit nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein psychologischer Rückzugsort.
Wenn das Spiel wichtiger wird als das echte Leben
Doch genau dieser Raum kann gefährlich werden, wenn man beginnt, ihn dem echten Leben vorzuziehen. Die Grenzen zwischen Spiel und Realität sind nicht immer klar erkennbar. Was als Ausgleich beginnt, kann langsam zum Mittelpunkt werden. Das Spiel vermittelt Struktur, Sinn und Erfolg – Dinge, die im realen Leben oft komplizierter, langsamer und frustrierender sind. Irgendwann lebt man nicht mehr, um zu spielen, sondern spielt, um überhaupt noch etwas zu fühlen.
Ein persönlicher Wendepunkt
Als Kind habe ich Super Mario auf der Nintendo gespielt und es geliebt. Ich habe gemerkt, dass ich mich im Spiel freier gefühlt habe als im echten Leben, dass ich dort mutiger, entschlossener und selbstsicherer war. Genau dieser Gedanke ließ mich erkennen, dass etwas nicht stimmte. Zu diesem Zeitpunkt bestand mein Alltag fast nur noch aus Spielen. Ein Spiel sollte ergänzen, nicht ersetzen. Es sollte ein Ort sein, zu dem man zurückkehren kann – nicht der einzige Ort, an dem man sich selbst erträgt.
Deshalb habe ich aufgehört zu spielen. Nicht, weil Videospiele grundsätzlich schlecht sind, sondern weil ich gelernt habe, wie leicht man sich selbst darin verlieren kann. Ich wollte nicht länger jemand anderes sein, um mich gut zu fühlen. Ich wollte lernen, auch im echten Leben mit Unsicherheiten, Langeweile und Überforderung umzugehen.
Zurück ins eigene Leben
Heute würde ich keinen Videospielcharakter mehr wählen, der ich gerne wäre. Stattdessen würde ich sagen: Ich möchte ich selbst sein – mit all den Unvollkommenheiten, die das mit sich bringt. Videospiele haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich auszuleben, zur Ruhe zu kommen und Fantasie zuzulassen. Aber sie haben mir auch gezeigt, wie wichtig es ist, die Grenze zu erkennen, bevor man vergisst, wo man eigentlich lebt.
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