Wir treffen uns für das Experiment bei Elias zu Hause. Dort ist es ruhig und wir können Ablenkungen von außen möglichst gering halten. Die drei machen den Versuch nacheinander und jeweils alleine. So können sie sich nicht gegenseitig beschäftigen. Die Regeln sind für alle gleich: kein Handy, keine Musik, kein YouTube, kein Gaming, kein Fernseher und keine andere fertige Unterhaltung. Sie dürfen aufstehen, aus dem Fenster schauen, nachdenken, aufräumen, zeichnen oder selbst eine Beschäftigung finden. Die Smartphones liegen währenddessen außer Reichweite. Ich beobachte, was in den 60 Minuten passiert.
Vier Minuten. Länger braucht Johannes nicht. Dann schaut der 17-Jährige zum ersten Mal auf die Uhr. Kurz darauf verändert er immer wieder seine Sitzposition, steht auf und läuft durch den Raum. Nach ungefähr zehn Minuten greift er in seine Hosentasche. Dort steckt normalerweise sein Smartphone. Heute ist die Tasche leer.
„Natürlich. Es ist nur eine Stunde“, hat Johannes vor dem Experiment noch gesagt. Seine tägliche Bildschirmzeit liegt nach eigenen Angaben bei ungefähr sieben Stunden. TikTok, Instagram und YouTube nutzt er am häufigsten. Sobald ihm beim Warten, in den Öffis oder abends zu Hause langweilig wird, greift er normalerweise zum Smartphone. Heute darf er das nicht.
Alle glauben, die Stunde locker zu schaffen
Leon kommt mit rund sechs Stunden täglicher Bildschirmzeit zum Experiment, Elias mit vier bis fünf. Auch sie sind vorher ziemlich zuversichtlich. „Ja, locker. Eine Stunde ist jetzt nicht so lang“, sagt Leon. Er glaubt, sein Handy nach ungefähr 20 Minuten zum ersten Mal zu vermissen. Elias erwartet zwar Langeweile, rechnet aber ebenfalls damit, die Stunde problemlos durchzuhalten.
Die Unterschiede zeigen sich ziemlich schnell. Bei Leon kommt der erste Blick auf die Uhr nach acht Minuten. Nach zehn Minuten klopft er mit den Fingern auf den Tisch, nach 15 steht er auf und läuft herum. Elias hält etwas länger durch. Erst nach ungefähr zwölf Minuten schaut er auf die Uhr.
Die Hand greift fast von selbst zum Handy
Besonders auffällig sind die Bewegungen, über die keiner lange nachdenkt. Leon greift nach rund 20 Minuten fast automatisch in Richtung der Stelle, an der normalerweise sein Smartphone liegt. Als er merkt, was er gerade macht, muss er lachen. Johannes hatte schon früher in seine leere Hosentasche gegriffen.
Vorher hatte Leon geschätzt, er würde sein Handy wahrscheinlich nach 20 Minuten zum ersten Mal vermissen. Tatsächlich kommt der Impuls schon nach wenigen Minuten. Im Nachhinein schätzt er, während der Stunde mindestens zehnmal daran gedacht zu haben. Johannes hatte fünf Minuten vorausgesagt und liegt damit ziemlich gut. Nach ungefähr 20 Minuten fragt er: „Wie lange ist jetzt vergangen?“ Bei Minute 30 kann er kaum glauben, dass erst die Hälfte vorbei ist.
Nach einer halben Stunde verändert sich etwas
Bei allen drei verändert sich die Stimmung im Laufe des Experiments. Leon beginnt nach 30 Minuten, herumliegende Sachen zu ordnen. Zuvor fragt er noch ungläubig: „Ernsthaft erst die Hälfte?“ Danach schaut er immer länger aus dem Fenster. Ab Minute 40 wirkt er deutlich ruhiger.
Elias räumt bereits nach ungefähr 20 Minuten ein paar Sachen auf. Danach setzt er sich wieder hin und hängt seinen Gedanken nach. Bei Minute 40 sagt er: „Eigentlich ist es gar nicht so schlimm.“ Das letzte Drittel beschreibt er später sogar als angenehm.
Selbst Johannes findet irgendwann etwas. Er nimmt ein Blatt und beginnt zu zeichnen und zu kritzeln. Je länger er damit beschäftigt ist, desto seltener schaut er auf die Uhr. Bei Minute 50 sagt ausgerechnet er: „Jetzt geht es eigentlich.“
Keiner der drei bekommt während der Stunde eine Beschäftigung angeboten. Sie müssen selbst etwas finden. Sobald das passiert, scheint auch die Langeweile weniger zu werden.
„Die ersten 30 Minuten waren ewig“
Nach der Stunde beschreibt Leon den Anfang als deutlich anstrengender als das Ende. „Die ersten 30 Minuten waren ewig, die letzten 30 überraschend entspannt“, sagt er. Irgendwann habe er aufgehört, ständig auf die Zeit zu warten. Stattdessen dachte er unter anderem über die Schule und seine Pläne für die nächsten Tage nach.
Elias erlebt die Stunde noch entspannter. Er hatte erwartet, vor allem sein Smartphone zu vermissen. Tatsächlich fehlt ihm Musik teilweise stärker. „Ich dachte, ich würde mein Handy vermissen, aber irgendwann war die Ruhe eigentlich angenehm“, sagt er.
Auch Johannes entdeckt einen Unterschied zwischen dem Anfang und dem Ende. Die unangenehmste Phase liegt für ihn zwischen Minute 20 und 30. Als er mit dem Zeichnen beginnt, verändert sich das. „Das Schlimmste ist eigentlich nur der Anfang“, sagt er danach.
Zehntausende machten drei Wochen mit
Was bei unserem kleinen Versuch innerhalb einer Stunde passiert, erinnert an die Erfahrungen aus der ORF-Challenge. Beim großen Handyexperiment meldeten sich über 72.000 Kinder und Jugendliche für drei Wochen Smartphone-Verzicht an. 45.656 nahmen an der wissenschaftlichen Befragung teil. Gerade zu Beginn berichteten viele von Langeweile. Später füllten sie ihre freie Zeit häufiger mit anderen Beschäftigungen.
Auch die JIM-Studie 2025 zeigt einen interessanten Widerspruch. 68 Prozent der befragten 12- bis 19-Jährigen sagen, häufig länger am Handy zu verbringen, als sie ursprünglich geplant hatten. Gleichzeitig geben 67 Prozent an, Zeiten ohne Smartphone und Internet zu genießen.
Bei Leon, Elias und Johannes dauert es keine drei Wochen, bis sich etwas verändert. Alle drei sind am Anfang unruhiger als gegen Ende. Elias kommt am leichtesten damit zurecht, Johannes kämpft am längsten mit der Langeweile und Leon liegt irgendwo dazwischen.
Wer greift als Erster wieder zum Handy?
Nach 60 Minuten dürfen die Smartphones zurück. Johannes greift von den drei am schnellsten zu und kontrolliert Nachrichten und Instagram. Leon schaut ebenfalls ziemlich rasch nach seinen Nachrichten. Elias nimmt sein Smartphone zwar wieder, öffnet Social Media aber nicht sofort.
Keiner der drei hat abgebrochen. Leon merkt nach dem Versuch vor allem, wie häufig seine Hand automatisch zum Smartphone will. Johannes sagt ebenfalls, er greife viel öfter danach, als ihm normalerweise auffällt. Elias würde sich solche Phasen sogar wieder freiwillig nehmen, etwa vor dem Schlafengehen.
Johannes ist weniger begeistert. Noch einmal würde er das Experiment vielleicht machen, „aber nicht unbedingt freiwillig“. Trotzdem beschreibt gerade er ziemlich gut, was in seinen 60 Minuten passiert ist: „Ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen soll, bis ich irgendwann einfach irgendetwas gemacht habe.“
Drei Wochen ohne Smartphone haben wir nicht ausprobiert. Nach unseren 60 Minuten klingt die ORF-Challenge jedenfalls noch ein bisschen beeindruckender.
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