„Ich kann das genauso lernen wie andere Sprachen“, sagt Lydia Fenkart gegenüber ORF Wissen. Sie unterrichtet an der KPH Wien/Niederösterreich, hat am neuen Lehrplan mitgearbeitet und gehört selbst zur Gehörlosencommunity.
Ihr Satz klingt selbstverständlich. Im österreichischen Schulsystem war diese Selbstverständlichkeit lange nicht vorhanden. Bis 1980 stand laut ORF sogar ein Verbot von Gebärdensprache in den Lehrplänen. Erst 2005 erkannte Österreich die Österreichische Gebärdensprache, kurz ÖGS, in der Bundesverfassung als eigenständige Sprache an. Seit diesem Schuljahr erreicht sie nun auch offiziell die AHS-Oberstufe.
Wer ÖGS jetzt wählen kann
Seit 1. September 2026 gilt der neue Lehrplan aufsteigend ab der fünften Klasse einer AHS. Eine Schule kann ÖGS über vier Jahre als zweite lebende Fremdsprache anbieten. Alternativ ist ein dreijähriges Wahlpflichtfach von der sechsten bis zur achten Klasse möglich.
Das Angebot richtet sich an gehörlose, schwerhörige und hörende Schülerinnen und Schüler. Auch Jugendliche ohne Vorkenntnisse dürfen beginnen. Sie lernen nach einem eigenen Lehrplan und sollen im vierjährigen Pflichtgegenstand das Sprachniveau B1 erreichen.
Ab dem Schuljahr 2029/30 ist außerdem eine Matura in ÖGS möglich. Dann ist der Lehrplan erstmals vollständig von der fünften bis zur achten Klasse in Kraft. Das geht aus einem Informationsblatt des Bildungsministeriums hervor.
Mehr als Bewegungen mit den Händen
ÖGS besteht nicht einfach aus deutschen Wörtern, die mit den Händen dargestellt werden. Sie besitzt eine eigene Grammatik. Hände, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und der Raum vor dem Körper tragen gemeinsam zur Bedeutung eines Satzes bei.
Auch die Geschichte und Kultur gehörloser Menschen gehören zum Unterricht. Dieser Bereich wird „Deaf Studies“ genannt. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten unter anderem mit Videos, Projekten und Exkursionen. Videomaterial spielt eine wichtige Rolle, weil sich Bewegungen damit aus verschiedenen Perspektiven betrachten und wiederholen lassen.
„ÖGS ist einfach ein Teil der österreichischen Sprachenlandschaft“, sagte Fenkart gegenüber ORF Wissen. Für sie ist das neue Fach deshalb mehr als ein zusätzliches Angebot im Stundenplan. Es macht eine Sprache sichtbar, die in Österreich seit Generationen verwendet wird.
Der Lehrplan ist da, die Lehrkräfte fehlen
Auf dem Papier kann jede AHS das neue Fach anbieten. In der Praxis startet ÖGS zunächst nur an wenigen Standorten. Jede Schule entscheidet selbst, welche Fremdsprachen und Wahlpflichtfächer sie führt. Zusätzlich braucht sie eine geeignete Lehrkraft.
Laut einer ORF-Recherche beginnt der Unterricht etwa am Körnergymnasium in Linz. In Wien war zum Schulstart ein Standort bekannt. Kärnten und Salzburg planten einen späteren Beginn, während im Burgenland und in Vorarlberg zunächst keine teilnehmende Schule gemeldet war.
Ideal wären gehörlose Pädagoginnen und Pädagogen mit der passenden Ausbildung. Sie bringen neben ihren Sprachkenntnissen auch Erfahrungen aus der Gehörlosencommunity mit. Hörende Lehrkräfte dürfen ebenfalls unterrichten, benötigen dafür aber ein sehr hohes ÖGS-Sprachniveau.
Neue Weiterbildungen sollen das Angebot vergrößern. Die KPH Wien/Niederösterreich bietet ab dem Wintersemester 2026/27 zusätzliche Lehrgänge für Gebärdensprachpädagogik und ÖGS an. Bis genügend Lehrkräfte ausgebildet sind, wird der Ausbau trotzdem Zeit brauchen.
Auch in der Pflichtschule gibt es neue Regeln
Für Volksschulen und Unterstufen gilt ein eigenes Modell. Seit September 2025 erhalten gehörlose Kinder mit dem entsprechenden Lehrplanzusatz einen Anspruch auf ÖGS-Unterricht. Andere Schulen können Gebärdensprache als freiwillige, unverbindliche Übung anbieten.
Im Schuljahr 2026/27 gilt dieser Lehrplanzusatz aufsteigend für die erste, zweite, fünfte und sechste Schulstufe. Bis 2028/29 sollen alle acht Schulstufen erfasst sein. Auch hier hängt die tatsächliche Umsetzung von Personal und Schulstandort ab.
Zum ersten Mal führt der österreichische Lehrplan damit einen Weg von den ersten Schuljahren bis zur Matura. Die Sprache hat ihren Platz im Stundenplan bekommen. Ob Jugendliche sie tatsächlich lernen können, entscheidet sich jetzt an einer viel einfacheren Frage: Öffnet ihre Schule auch eine Klasse dafür?
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