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Wer nicht wählen geht, überlässt sein Leben anderen. Wollen wir das wirklich?

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20.01.2026
4 Min.

Was passiert, wenn zu viele Menschen nicht mitentscheiden? Ein Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Wahlrechts zeigt, warum Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist und weshalb jede Stimme zählt, egal, ob in Österreich, den USA oder anderswo auf der Welt.

 

Wer nicht wählt, darf sich danach nicht wundern. (Foto: Ahmed/unsplash)

Stellt euch vor, ihr sitzt mit elf Leuten in einem Bus. Drei stimmen dafür, Eis essen zu fahren. Vier wollen von einer Klippe fahren. Die übrigen fünf enthalten sich. Obwohl acht Personen nicht für die Klippe sind, fährt der Bus trotzdem dorthin, weil niemand aktiv dagegen gestimmt hat.

So ähnlich funktionieren Wahlen. Wer nicht wählt, überlässt die Entscheidung anderen. Genau deshalb ist das Wahlrecht eines der wichtigsten Rechte in einer Demokratie.

Österreich: Ein langer Weg zur Mitbestimmung

Die Geschichte des Wahlrechts in Österreich beginnt 1848 mit der Revolution. Das Land war bis dahin eine Monarchie, doch große Teile der Bevölkerung forderten politische Mitsprache. Ein erster Erfolg stellte sich ein: Ein kleiner Teil der Bevölkerung durfte sogenannte Wahlmänner wählen, die wiederum Abgeordnete für den Reichstag bestimmten. Arbeiter, Arbeitslose, Dienstboten und Frauen blieben jedoch ausgeschlossen.

1873 folgte die direkte Wahl der Abgeordneten, allerdings weiterhin nicht für alle. Das sogenannte Kuriensystem teilte die Wählerschaft in Gruppen wie Großgrundbesitzer, Städte und Industrieorte, Handels- und Gewerbekammern sowie Landbezirke. Dieses System war stark unausgewogen: Während rund 18 Millionen Menschen in den Landbezirken 131 Abgeordnete wählten, entsandten etwa 5.000 Großgrundbesitzer ganze 85 Abgeordnete.

In den 1880er- und 1890er-Jahren kam es zu wichtigen Reformen. Ab 1882 durften alle Männer wählen, die mindestens fünf Gulden Steuern zahlten. In dieser Zeit entstanden auch erste politische Parteien wie die Christlichsoziale Partei und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. 1896 wurde eine fünfte Kurie eingeführt: Alle Männer über 24 Jahre durften nun 72 von insgesamt 425 Abgeordneten wählen.

1907 kam schließlich das gleiche Wahlrecht für alle Männer. Frauen waren damit allerdings vollständig ausgeschlossen. Doch nicht lange: 1918 wurde das gleiche Wahlrecht für alle Menschen eingeführt, ein Meilenstein für die junge Republik Österreich. Zwei Jahre später wurde es in der Verfassung verankert.

Zwischen der Ausschaltung des Parlaments 1933 durch Bundeskanzler Dollfuß und der Gründung der Zweiten Republik 1945 fanden keine fairen Parlamentswahlen statt. Seitdem hat sich am österreichischen Wahlsystem nur wenig verändert, abgesehen von der schrittweisen Senkung des Wahlalters von 21 auf heute 16 Jahre.

USA: Demokratie mit Hürden

In den Vereinigten Staaten verlief die Entwicklung anders. Anfangs durften ausschließlich weiße, evangelische Männer mit ausreichend Vermögen wählen. Ab den 1830er-Jahren wurde das Wahlrecht auf alle weißen Männer über 25 ausgeweitet.

Nach der Abschaffung der Sklaverei durften theoretisch auch ehemalige Sklaven wählen. In der Praxis verhinderten jedoch lokale Gesetze und Hürden wie Wahlgebühren ihre Teilnahme. Erst 1920, zwei Jahre nach Österreich, erhielten Frauen das Wahlrecht. Später wurde das Wahlalter auf 18 Jahre gesenkt, damit auch Soldaten mitbestimmen konnten.

Ein entscheidender Unterschied zu Österreich ist das Wahlmänner-System, das bis heute besteht. Bei Präsidentschaftswahlen stimmen die Bürger eines Bundesstaates für Wahlmänner, wobei meist das Prinzip „The winner takes it all“ gilt: Die Partei mit den meisten Stimmen erhält alle Wahlmänner dieses Staates. Der Präsident ist zugleich Staatsoberhaupt und Regierungschef und wird alle vier Jahre am Dienstag nach dem ersten Montag im November gewählt.

Dieses System trägt zu einer vergleichsweise niedrigen Wahlbeteiligung bei, die oft nur rund 50 Prozent beträgt. Hinzu kommt, dass sich Wähler aktiv registrieren müssen und es keine allgemeine Meldepflicht gibt. Zwar dürfen theoretisch alle Bürger über 18 ohne Vorstrafen wählen, doch viele tun es nicht. Einwohner von Washington, D.C., dürfen mitwählen, jene der US-Territorien wie Puerto Rico jedoch nicht.

Iran: Wahlen ohne echte Wahl

Im Iran funktioniert das politische System grundlegend anders. Seit der Islamischen Revolution ist das Staatsoberhaupt zugleich religiöser Führer. Ihm untersteht der Wächterrat, der überprüft, ob Gesetze mit dem Islam vereinbar sind. Sechs seiner Mitglieder werden direkt vom Religionsführer ernannt, die anderen sechs vom Parlament – allerdings auf Vorschlag des Justizchefs, der ebenfalls dem Religionsführer untersteht.

Daneben existiert der Expertenrat, der den Religionsführer theoretisch wählen und absetzen kann. In der Praxis setzt jedoch der Wächterrat seine Mitglieder ein. Außerdem entscheidet dieser Rat, wer überhaupt für das Parlament oder das Präsidentenamt kandidieren darf. Opposition ist dadurch kaum möglich, da kritische Kandidaten meist im Vorfeld ausgeschlossen werden. Auch das Parlament hat nur begrenzte Macht, da der Wächterrat jederzeit ein Veto einlegen kann.

Weltweit: Ein Recht, das nicht selbstverständlich ist

Ein Blick auf verschiedene Länder zeigt, wie unterschiedlich Wahl- und Rechtssysteme weltweit sind. Historisch wurden Menschen nach Religion, Vermögen oder Herkunft vom Wahlrecht ausgeschlossen. Auch heute noch können nicht überall alle Menschen frei wählen. Ob durch fehlende Rechte, gezielte Hürden oder bewusste Wahlsabotage – demokratische Ergebnisse sind längst nicht überall garantiert.

Warum das Wahlrecht so wichtig ist

Das Beispiel mit dem Bus und der Klippe zeigt deutlich, warum Wählen entscheidend ist. Wer sich enthält, überlässt anderen die Richtung. Ähnlich wird das Brexit-Ergebnis erklärt: Viele Menschen gingen nicht wählen, weil sie glaubten, Großbritannien würde ohnehin in der EU bleiben.

Deshalb ist es so wichtig, seine Stimme abzugeben. Selbst eine ungültige Stimme zeigt Beteiligung. Wählt die Partei, die euren Überzeugungen am nächsten kommt – auch wenn keine perfekt passt. Andernfalls besteht die Gefahr, dass genau jene Kräfte gewinnen, die ihr am wenigsten wollt.

Mit dem Gang zur Wahlurne setzt ihr ein klares Zeichen: Das Schicksal dieses Landes ist mir nicht egal.

In Österreich haben wir das große Privileg, alle mitentscheiden zu dürfen. In vielen anderen Ländern gilt das nicht. Wir können helfen, durch Unterstützung von Hilfsorganisationen, durch Proteste oder öffentliche Aufmerksamkeit. Wenn viele Menschen ein wenig beitragen, kann vielleicht eines Tages jeder Mensch mitentscheiden, was in seinem Land und in seiner Welt passiert.



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Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch den Österreichischen Rechtsanwaltskammertag.

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Kommentare

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    vor 3 Wochen Felicia Tomitz
    Ein super spannender Artikel über ein super Thema! Mir gefällt das Beispiel mit dem Bus echt gut!