Es war eine ganz normale Unterrichtsstunde im Fach Regionaltourismus. Unsere Klassenvorständin brauchte zu Beginn des Schuljahres jemanden, der die Klassenkasse übernimmt. Sie fragte in die Runde, wer diese Aufgabe übernehmen möchte. Zuerst meldete sich niemand.
Ich saß in der letzten Reihe. Dann meldete sich Thomas, ein Mitschüler aus meiner Freundesgruppe, und sagte über unsere jüdische Mitschülerin Antonia: „Das soll doch Antonia machen, da eure Leute sich ja so gut mit Geld auskennen.“
Im ersten Moment habe ich mitgelacht. Auch ein großer Teil der Klasse lachte. Einige blieben still. Ich dachte mir zunächst nicht viel dabei. Es war eben ein Spruch. Dann schaute ich zu Antonia. Sie sagte nichts.
Erst in diesem Augenblick merkte ich, dass der Satz bei ihr anders angekommen sein musste als bei uns. Unsere Lehrerin griff schließlich ein und sagte, dass man über so etwas keine Witze macht. Danach ging der Unterricht weiter.
Ich hatte danach ein schlechtes Gewissen. Nicht nur wegen Thomas' Spruch, sondern auch, weil ich selbst darüber gelacht hatte. Ich hatte den Satz in diesem Augenblick nicht hinterfragt. Erst Antonias Reaktion brachte mich dazu, darüber nachzudenken.
„Ich hab es nur als Witz gemeint“
Ein paar Tage später habe ich Thomas gefragt, was er sich eigentlich dabei gedacht hatte. Seine Antwort war überraschend unspektakulär: Er habe es nur als Witz gemeint. Er habe einen ähnlichen Spruch schon einmal auf Social Media gesehen und ihn deshalb wieder aufgegriffen. Dass darin ein antisemitisches Klischee steckt, sei ihm in diesem Moment nicht bewusst gewesen.
Er habe auch gar nicht zu Antonia geschaut und deshalb ihre Reaktion nicht mitbekommen.
Heute sieht er den Spruch anders. Auf die Frage, ob er ihn noch einmal machen würde, sagt er klar: Nein. Er findet ihn inzwischen nicht angemessen. Antisemitisch würde er sich deshalb trotzdem nicht nennen, weil keine böse Absicht dahintergesteckt habe.
Genau hier wird es interessant. Was passiert eigentlich, wenn ein Spruch verletzend oder diskriminierend ist, derjenige ihn aber gar nicht verletzend gemeint hat? Thomas sagt heute selbst, dass er bei dem Satz „War doch nur ein Witz“ darüber nachdenken würde, ob es tatsächlich für jeden ein Witz war.
Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Punkt. Bei einem Witz denkt man zuerst an die Person, die ihn erzählt. Viel seltener denkt man darüber nach, wie er bei der Person ankommt, über die gelacht wird.
„Nicht schon wieder“
Ich wollte deshalb auch von Antonia wissen, was sie in diesem Moment gedacht hat. Ihre Antwort war weniger dramatisch, als ich erwartet hatte. Sie sagte: „Nicht schon wieder.“
Sie habe solche Aussagen schon öfter gehört. Diesmal sei sie vor allem genervt gewesen. Verletzt habe sie der Spruch nicht, aber er habe sie gestört. Besonders genervt habe sie, dass so viele in der Klasse darüber gelacht haben.
Auf die Frage, ob sie erwartet hätte, dass jemand etwas sagt, meinte sie, dass Thomas öfter „Blödsinn“ sage. Sie sei solche Sprüche deshalb schon ein wenig gewohnt.
Dieser Satz ist mir besonders hängen geblieben: „Nicht schon wieder.“
Denn genau darin steckt etwas, das man von außen leicht übersieht. Für denjenigen, der den Witz macht, dauert die Situation vielleicht fünf Sekunden. Für die Person, die immer wieder zum Ziel solcher Sprüche wird, kann es sich wie eine Wiederholung anfühlen.
Antonia hätte sich vor allem gewünscht, dass nicht so viele darüber lachen. Auf die Frage, was sie jemandem sagen würde, der behauptet, es sei doch nur Spaß gewesen, hatte sie eine einfache Antwort: „Ich würde ihn fragen, ob es für ihn auch nur ein Spaß wäre, wenn er in meiner Situation wäre.“
Wann hört ein Witz auf, ein Witz zu sein?
Genau diese Frage lässt mich seit dieser Situation nicht mehr los. Nicht jeder schlechte Witz ist automatisch ein Zeichen von Hass. Thomas hatte keine böse Absicht. Er wollte einen Spruch machen, den er zuvor auf Social Media gesehen hatte. Trotzdem hatte der Satz eine Wirkung.
Das macht die Sache komplizierter, aber auch interessanter. Denn vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht nur, was jemand mit einem Witz bezwecken wollte. Vielleicht müssen wir uns auch fragen, was wir bereit sind, für einen Lacher in Kauf zu nehmen.
Dabei geht es nicht darum, Humor zu verbieten. Im Gegenteil. Humor kann provozieren, Grenzen austesten und gerade deshalb interessant sein. Auch jüdischer Humor spielt häufig mit Vorurteilen und Klischees und nimmt sie auf die Schaufel. Der Unterschied ist aber wichtig: Wer über die eigene Geschichte, die eigene Religion oder die eigenen Erfahrungen scherzt, kann selbst bestimmen, worüber er lacht. Etwas anderes ist es, wenn jemand von außen ein Vorurteil über eine Gruppe verwendet und eine konkrete Person damit zum Ziel macht.
Auch Psychologinnen und Psychologen beschäftigen sich mit diesem Unterschied. Forschungen zu sogenanntem „Disparagement Humor“ zeigen, dass abwertende Witze Vorurteile nicht einfach nur widerspiegeln können, sondern unter bestimmten Bedingungen auch dazu beitragen können, dass abwertende Einstellungen leichter akzeptiert werden. Gerade wenn eine Gruppe ohnehin mit Vorurteilen konfrontiert ist, kann ein „War doch nur ein Witz“ deshalb mehr sein als nur eine Ausrede.
Was soll sich an Schulen ändern?
Ich glaube deshalb nicht, dass die Lösung darin liegt, jeden schlechten Witz mit einer Strafe zu beantworten. Viel wichtiger wäre, darüber zu reden.
Was hätte mir in diesem Moment geholfen? Vielleicht genau das, was ich mir jetzt für andere wünsche: einen Ort, an dem man solche Situationen besprechen kann, ohne sofort in richtig und falsch eingeteilt zu werden. Einen Raum, in dem auch Thomas sagen kann, dass er etwas nicht böse gemeint hat, und Antonia gleichzeitig erklären kann, wie der Spruch bei ihr angekommen ist.
Ich wünsche mir daher mehr Gesprächsangebote an Schulen. Nicht nur Workshops, bei denen man einen Tag lang Informationen bekommt, sondern echte Gespräche über Situationen, die tatsächlich im Schulalltag passieren.
Vielleicht könnte eine Klasse gemeinsam darüber sprechen, was Humor darf und wo eine Grenze beginnt. Vielleicht könnte man Schülerinnen und Schüler fragen, warum sie bei einem Witz lachen, obwohl sie ihn selbst gar nicht lustig finden. Oder man könnte genau solche Situationen besprechen, in denen jemand sagt: „War doch nur ein Spaß.“
Denn auch ich habe an diesem Tag gelacht. Erst danach habe ich verstanden, dass ich mich fragen hätte sollen, worüber ich eigentlich lache.
Ein Witz dauert fünf Sekunden
Ich weiß nicht, ob Thomas diesen Spruch heute noch genauso erzählen würde. Ich weiß aber, dass er selbst sagt, dass er ihn heute nicht mehr machen würde.
Und ich weiß, dass Antonia solche Sprüche schon öfter gehört hat.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Schule ansetzen kann. Nicht bei der Frage, wer der Gute und wer der Böse ist. Sondern bei der Frage, was ein Satz auslösen kann und warum wir manchmal lachen, obwohl wir eigentlich gar nicht darüber nachgedacht haben.
Ich kann den Moment in unserer Klasse nicht zurückholen. Aber beim nächsten Mal möchte ich nicht erst auf das Gesicht meines Gegenübers schauen müssen, um zu merken, dass etwas nicht stimmt.
Vielleicht reicht manchmal schon eine einfache Frage:
„Wäre das für dich auch noch lustig, wenn du selbst das Ziel des Witzes wärst?“
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