Im Zoom-Call wurden viele Themen angesprochen, die zunächst fast unscheinbar wirken. Ich war überrascht, von den Dingen, die ich noch nicht gewusst habe. So viele spannende und hilfreiche Infos sprudelten plötzlich in meinen Kopf herein. Vor paar Tagen konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass Populismus und das Wahlrecht zu den wichtigsten Themen überhaupt gehören. Ohne das Wahlrecht hätten wir kaum Eingriff in die heutige Welt. Ich gehe hier auf die Fragen ein, die der Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik beantwortete.
Die Älteren bestimmen die Richtung
Regelmäßig finden Wahlen statt. Vor Ort befragen Institute wie Foresight, im Auftrag des ORF, Menschenmengen nach der Stimmabgabe anonym zu ihrem Alter und Verhalten. Diese Analysen zeigen regelmäßig, dass die Beteiligung bei den über 60-Jährigen deutlich über dem Schnitt liegt, während sie bei den 18- bis 30-Jährigen oft am niedrigsten ist.
Ein Beispiel ist die Nationalratswahl 2024. Die Zahlen zeigen es deutlich. Bei dieser Wahl lag die Beteiligung bei rund 77,7 Prozent. Laut den Wahltagsbefragungenwaren es bei den unter 34-Jährigen nur etwa bei 66 Prozent, während von den Über-60-Jährigen mehr als 80 Prozent wählen gingen.
Wieso gehen junge Menschen selten wählen?
Junge Menschen gehen also seltener wählen als ältere. Aber woran liegt das? Es liegt nicht an der Faulheit, sondern daran, dass die meisten nicht wissen, welche Partei sie wählen sollen. Meist haben jüngere Altersgruppen kaum Ahnung von Politik, darum wissen sie nichrt, wozu sie überhaupt wählen gehen sollen und lassen es lieber.
Viele Jugendliche fühlen sich von der Politik nicht angesprochen, da ihre Wünsche kaum berücksichtigt werden. Außerdem sind die meisten unzufrieden mit der Demokratie oder enttäuscht, wenn Wahlversprechen nicht schnell genug umgesetzt werden.
Laut der Studie des Sozialforschungsinstituts Foresight denken aktuell nur noch 44 Prozent der 16- bis 25-Jährigen, dass das politische System gut funktioniert. Im Jahr 2018 waren es noch 69 Prozent.
Was würden Sie jungen Menschen sagen, die aus Frust über Parteien gar nicht wählen wollen?
Laurenz Ennser-Jedenastik gab seine Meinung zu diesem Thema bekannt: ,,Wenn du nicht wählst, entscheiden die anderen über dich – und du musst das Ergebnis am Ende trotzdem ausbaden. Nichtwählen ist keine Enthaltung, sondern eine Stimme für die stärkste Kraft. Wenn man nicht wählen geht, verringert man die Gesamtzahl der Stimmen. Das bedeutet: Jede abgegebene Stimme derer, die man vielleicht am wenigsten mag, zählt prozentual plötzlich mehr.“
Der Politikwissenschaftler beantwortete die Frage nachdenklich: ,,Wähle das geringste Übel, damit der Schaden begrenzt wird, und investiere deinen echten Frust danach in Aktivismus, Demos oder Vereine. Wählen ist das absolute Minimum an Mitsprache – es ist die Basis, nicht das Ende der politischen Beteiligung.“
Ein dazu passendes Sprichwort geht so: Wählen ist wie Busfahren: Man nimmt nicht das perfekte Fahrzeug, sondern das, das einen am nächsten ans Ziel bringt, damit nicht andere bestimmen, wo man landet.
Welche Fehler machen Parteien im Umgang mit der Jugend?
Parteien machen oft den Fehler, über junge Menschen zu sprechen, statt mit ihnen, was zu einer massiven Lücke führt. Laut dem Demokratie Monitor 2025 fühlt sich nur noch etwa ein Drittel der 16- bis 26-Jährigen im Parlament gut vertreten. Viele Fehler sind den Parteien nicht bewusst. Die Themen wie Pensionen oder Wehrpflicht werden oft ohne Einbezug der jungen Perspektive verhandelt. Jugendliche werden oft auf Social Media von Politiker ausgenutzt, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Jedoch lassen die Parteien die jüngeren Menschen im Stich, wenn es um die wahren Themen geht und verweigern ihre Ideen zu bestimmten Gesetzen.
Wie könnte man mögliche Zweifel von jungen Menschen verschwinden lassen und mehr mit der Jugend zusammenarbeiten?
Um die Zweifel junger Menschen zu beseitigen und die Zusammenarbeit zu stärken, muss Politik zu echter Mitgestaltung übergehen. Das politische Interesse ist bei Jugendlichen zwar hoch, das Vertrauen in die Institutionen jedoch stark gesunken.
Wenn das Handeln Folgen hat, verschwinden automatisch die Zweifel. Projekte wie das Wiener Kinder- und Jugendparlament oder lokale Jugendklimaräte zeigen, dass Motivation steigt, wenn Jugendliche über reale Budgets und konkrete Projekte in ihrer Gemeinde entscheiden dürfen.
Parteien sollten junge Menschen als Experten für ihre eigene Lebenswelt ernst nehmen. Das bedeutet, sie nicht nur als Wahlhelfer einzusetzen, sondern ihnen Entscheidungsmacht zu geben und Strategien gemeinsam mit ihnen zu entwickeln.
In der österreichischen Jugendstrategie werden bereits sogenannte Reality Checks genutzt, um politische Maßnahmen direkt mit Jugendlichen auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen. Solche Prozesse müssen verbindlicher werden, damit junge Stimmen nicht im Sand verlaufen.
Da sich fast alle 16- bis 26-Jährigen primär über soziale Medien informieren, müssen Politiker dort authentisch und nahbar kommunizieren, statt nur fertige Slogans zu posten.
Politische Bildung sollte über die Theorie hinausgehen. Praxisnahe Workshops und der direkte Dialog mit Abgeordneten im Klassenzimmer können Berührungsängste abbauen und zeigen, wie Interessenvertretung funktioniert.
Inwiefern verstärken Populismus und wachsender Parteienfrust das Gefühl politischer Wirkungslosigkeit bei Erswählern-und was bedeutet das langfristig für die Legitimität demokratischer Wahlen?
Populismus und Parteienfrust verstärken bei Erstwählern das Gefühl politischer Wirkungslosigkeit, indem sie die Distanz zwischen der eigenen Lebenswelt und dem politischen System vergrößern. Langfristig gefährdet dies die Legitimität demokratischer Wahlen, da eine repräsentative Demokratie auf der breiten Beteiligung aller Altersgruppen beruht. Die Populisten nützen aus, dass sich junge Menschen politisch nicht vertreten fühlen. Sie behaupten gern, dass Politiker sowieso machen, was sie wollen, wodurch junge Menschen das Gefühl bekommen, dass ihre Stimme am Ende gar keinen Unterschied macht.
Langfristige Folgen für die demokratische Legitimität
Ein dauerhaftes Gefühl der Wirkungslosigkeit bei jungen Wählern hat schwerwiegende Folgen für das demokratische System. Wenn ganze Generationen der Wahl fernbleiben, spiegelt das Wahlergebnis nicht mehr den Willen der gesamten Bevölkerung wider.
Da Wählen ein erlerntes Verhalten ist, droht eine Generation von Nichtwählern heranzuwachsen. Wer als Erstwähler aus Frust fernbleibt, entwickelt seltener die notwendige Wahlgewohnheit.
Eine Demokratie zieht ihre Kraft aus der Zustimmung ihrer Bürger. Sinkt die Beteiligung bei jungen Menschen dauerhaft, verlieren demokratische Entscheidungen an Rückhalt, was den Boden für autoritäre Alternativen bereiten kann.
Sind populistische Parteien bei Jugendlichen beliebter?
In Österreich tendieren heute junge Menschen deutlich öfter zu populistischen oder alternativen Parteien als früher. Während die Generation 60+ meist treu bei den etablierten Großparteien bleibt, experimentieren Erstwähler viel stärker. So erzielte beispielsweise die FPÖ bei der Nationalratswahl 2024 Rekordwerte unter jungen Personen, während gleichzeitig kleine Parteien wie die KPÖ oder die Bierpartei bei den Jüngeren deutlich mehr Zuspruch finden als im Gesamtschnitt. Dieser Trend ist vor allem dem professionelleren Umgang populistischer Parteien mit den sozialen Medien geschuldet. Gleichzeitig wählen junge Menschen die Populisten nicht ihrer Inhalte wegen, sondern aus Protest gegen ein System, das sie ignoriert.
Das habe ich aus dem Meeting gelernt
Das ist das Motto, was ich aus diesem Meeting mit Laurenz Ennser-Jedenastik gelernt habe:,, Jeder hat eine Stimme, egal wie alt oder jung. Egal wie unsichtbar der Mensch scheint. Wir alle haben die Entscheidung in der Hand, die Welt in unserem Sinn ein Stück besser zu machen. Eine Stimme hat nicht viel Wirkung. Jedoch wenn viele Personen eine gleiche Stimme in dem Wahlrecht vertreten, entsteht daraus eine Kraft, die echten politischen Wandel herbeiführen kann.
Das Wahlrecht ist das wichtigste Gesetz der Menschheit. Vielen ist nicht bewusst, dass das Wahlrecht ein wertvolles Privileg ist, das man nicht als selbstverständlich oder nutzlos abtun darf.
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